19.12.2019

Briefe



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ID: 19276 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 08.08.1856
 

Dresden am 8. Aug. 1856.

Meine liebe theure Clara
Ich sehnte mich recht danach Dir zu schreiben – und mehr noch Dir nahe zu sein in diesen furchtbar schweren Tagen – ich habe unaufhörlich an Dich gedacht & mit Dir zu Gott gebetet, daß Er die Kraft geben möge das letzte Opfer zu bringen! – ach wenn man so recht von Schmerz erfüllt ist, ist es einem fast unmöglich zu schreiben & das rechte Wort zu finden & ich weiß auch aus Erfahrung daß die erste Zeit solcher Trauer recht allein getragen sein will & jede Berührung der Außenwelt einem oft unsanft erscheint. Ach geliebte Clara der Schmerz der Trennung ist ja der bitterste den Gott uns auferlegt aber Du hast ihn in den letzten Jahren schon kennen gelernt, und nun muß es im Frieden & Ruhe über Deine Seele kommen daß dein geliebter Robert nun von allen den Fesseln den Qualen dieser Welt und des Körpers erlöst ist – daß seine Seele Dich nun weiter umschweben kann, Du Dich immer geistig mit ihm vereint fühlst und – wie lange wird es währen, dann ist auch Deine mühevolle Pilgerreise über diese Erde vorüber – und dann bist Du auf ewig wieder mit und bei ihm! Wenn die erste Bitterkeit des Schmerzes vorüber ist, dann wirst Du gewiß auch die volle Seeligkeit empfinden können, die darin liegt, sich so völlig in Liebe mit dem Vorangegangenen vereint zu fühlen – in seinem Sinn weiter zu streben – alles wie er es so liebte, zu thun, handeln, denken, fühlen – und dabei zu wissen daß sein Geist der nun wieder frei und von der Last des Körpers los ist, Dir nahe ist! – Während er so krank war, schien mir dieß am schwersten für Dich zu ertragen – & die Trennung durch den Tod erschien mir weniger furchtbar! ach wohl wirst Du sagen – wie anders wenn Du noch einmal ihn wieder in voller Gesundheit bei Dir gehabt hättest – aber wie wechselvoll ist dieses Leben – und wie sicher, wie herrlich und seelig seine ewige Heimath wo er Dir vorangeeilt ist! „Dann werden die Gerechten leuchten, wie die Sonne in ihres Vaters Hand!“ – [„]trauern & seufzen wird von ihnen fliehen aber Wonne & Freude werden sie ergreifen“ – ach möchte der Gedanke an seine Seeligkeit Dich trösten und aufrichten, damit Du Deinen lieben theuren Kindern eine Stütze bleibst! Deine beiden guten Mädchen, waren so sehr tief ergriffen, und aufgelöst in Schmerz, Elise war ganz weich und wie unaussprechlich beide an ihrem Vater hingen haben wir an ihrem Schmerz gesehen. Heute gehen sie fort von Lockwitz, bleiben bis morgen so viel ich weiß bei ihrem Großvater, & gehen dann zurück nach Leipzig; ich fand<> sie beide sehr vortheilhaft verändert und auch schon lange ehe die Nachricht kam, waren sie so besorgt um Dich und um ihren Papa, Marie besonders sehnte sich so sehr nach Briefen & weinte viel darum. – Wie viel denke ich an all die schönen Stunden zurück wo ihr in Leipzig wart – ach wie klar steht mir Deines lieben Mannes Bild vor der Seele – wie oft höre ich seine milde, freundliche Stimme, seine Rede, – Gott sei Dank, daß uns die Erinnerung bleibt – daß wir in der Vergangenheit leben können, & ist die Gegenwart recht schwer – daß wir mit festem, freudigem Glauben der ewigen Heimath, der ewigen Seeligkeit und Wiedersehen mit den Theuren, entgegen gehen! Ach möchtest Du auch Trost & Freudigkeit daraus schöpfen – Gott sei Dir recht nahe – mit treuster Liebe Deine
Annette Preußer.

  Absender: Preußer, Annette (1203)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
287f.
 



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