19.12.2019

Briefe



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ID: 19435 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 17.06.1893
 

Eutritzsch, den 17 Juni 93.

Hochverehrte Frau Doctor,

Schon längst im Besitze Ihres werthen Briefes, bitte ich Sie sehr um Entschuldigung Ihnen nicht eher sowohl dafür, als auch für das gewünschte Bild meinen herzlichsten Dank abgestattet zu haben. Da Sie die Güte hatten Letzteres der Stifterin des Denkmals zu verehren, ich selber aber, ich gestehe es Ihnen offen, Obenbenannte bin, so darf ich wohl dieses theure Andenken als mein Eigenthum betrachten. Sie haben mir damit eine große Freude bereitet, und doppelt theuer ist es mir, da es zugleich eine Erinnerung an Sie ist. – Ich habe nämlich s. Z. das Glück gehabt bei Ihnen einige Stunden zu nehmen. Es war im Sommer 1873 in Lichtenthal bei Baden-Baden. Zwanzig Jahre sind bereits darüber hingegangen, und ich bin gewiß Ihrem Gedächtnisse längst entschwunden, um so eher, als ich Ihnen als Schülerin, trotz besten Wollens, leider nicht viel Freude bereitet habe. Mir aber ist jene Zeit in Lichtenthal, und der Verkehr mit Ihnen in unvergeßlicher Erinnerung geblieben. Haben Sie mir doch sowohl durch Ihren Unterricht, als auch durch ihr herrliches Spiel einen klaren Einblick in die ideale Welt Ihres sel. Herrn Gemahls gewährt, mir das Verständniß für den Geist seiner tiefen, u. zugleich hohen Schöpfung erschlossen. – Da ich nachher in Leipzig noch weiter studirt, und viel Gelegenheit hatte seine Musik zu hören, so wurde ich der Poesie seiner Compositionen immer mehr inne, und meine Begeisterung für ihn ist so gewachsen, daß mein Herz mich dazu drängt ihm nach meinem Tode ein sichtbares Zeichen meiner Liebe und Verehrung für ewige Zeiten setzen zu lassen. Werner Stein hier soll das Kunstwerk machen. – Ich habe ihn bereits mit einem Entwurf für dasselbe beauftragt, welcher photographirt, und meinem Testamente beigelegt werden wird. – Ich habe die größte Zuversicht, und das Vertrauen, daß er seine Aufgabe groß lösen wird, da er sie voll u. ganz erfaßt, mit Begeisterung an’s Werk geht, u. seine Auffassung des großen Meisters würdig ist. – Da ich selbstverständlich nicht wünsche, daß mein Plan, den ich testamentarisch festsetzen will, vor meinem Tode bekannt wird, darf ich Sie wohl, hochverehrte Frau, um tiefste Verschwiegenheit bitten. – Haben Sie nochmals besten Dank für das gute Bild, auch Herr Stein freute sich darüber, da ihm doch an einer guten Vorlage viel gelegen ist. – Mich Ihnen freundlichst empfehlend, verbleibe ich
Hochachtungsvoll
Ihre
ganz ergebene
Marie verw. Schneider geb.
Schmidt aus St. Petersburg.
Adresse: Leipzig-Eutritzsch, Weststrasse 7.
villa Marie.

  Absender: Schneider, Marie, geb. Schmitt (1382)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
883f.
 



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