19.12.2019

Briefe



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ID: 19450 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 08.03.1879
 

Verehrte Frau!

Durch Fräulein Werner erfuhren wir, welch schmerzlicher Schlag Sie betroffen hat. Daß wir bei der Liebe und Verehrung, die wir für Sie hegen, den innigsten Antheil an Ihrem Schmerze nehmen, – dessen sind Sie gewiß versichert. Das Kommen und Gehen der Menschen, die ganze Kette von Ereignissen, die ihr Dasein erfüllen sind Ausfluß einer geheimnisvollen, tiefen Macht, für uns unerklärlich, unergründlich, vor der wir uns nur in Demuth beugen können, mag sie über uns verfügen, was sie wolle. Sich fassen ist das Einzige, was bleibt. Ich muß das Geschick preisen, das uns in den letzten Tagen wieder gnädig gewesen ist, u. uns über schwere Stunden weggeholfen hat: Meine Frau hat gestern einen kräftigen Knaben geboren. Was mag ihm das Leben bringen? – Diese Frage, meist unbewußt gestellt, ist es ja wohl, die uns die Erscheinung eines Kindes so rührend werden läßt. Ihnen, theure Frau, hat das Leben reichlich Mühe und Arbeit gebracht, und doch ist’s köstlich gewesen! Heil uns, denen das Schicksal Schätze gegeben hat, die weder Rost noch Motten zerstören können. Die heilige Kunst hebt uns doch wieder über Alles hinweg. Mir gibt sie die Gewissheit, daß ein Blick da ist, ein Wesen existirt, vor dem alle Differenzen des Lebens sich in Harmonie auflösen. Wie wäre es sonst möglich, daß armen Sterblichen, und hießen sie auch Beethoven, Mozart, Schubert oder Schumann, verliehen wäre, uns davon durch ihre Kunst ein Gleichniß zu geben, und Schmerz und Leid zu Wonne und Schönheit zu verklären? Möchten Sie denn bald das Gleichgewicht Ihrer Seele wieder finden! Das wünschen wir von Herzen. Ich bitte Sie, Frau Stockhausen von unserm Familienereignisse zu benachrichtigen. Vielleicht ist es mir bald beschieden, Sie persönlich zu begrüßen.
Ihr herzlich ergebener
B. Scholz

Breslau 8 März 79

  Absender: Scholz, Bernhard (1392)
  Absendeort: Breslau
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 16
Robert und Clara Schumanns mit Bernhard Scholz und anderen Korrespondenten in Frankfurt am Main / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller und Anselm Eber / Dohr / Erschienen: 2020
ISBN: 978-3-86846-027-8
76f.
 



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