19.12.2019

Briefe



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ID: 19451 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 16.11.1881
 

Breslau 16 Nov. 81.

Verehrte Frau!

Haben Sie tausend Dank für Ihre Freundes-Theilnahme an unserm schweren Verlust. Unser Carl, den wir verloren, stand gerade in der Mitte unserer Kinder, der Liebling Aller, reich begabt und tief gemütlich angelegt. Er war 13 Jahre alt, sehr entwickelt für sein Alter. Bis zu seiner letzten, furchtbar räthselhaften Krankheit – parniciöse Anämie nennen sie die Mediziner – war er der Gesündeste und Blühendste von Allen! Noch in diesem Sommer freuten wir uns an seiner Frische. Da stellten sich im August ab u. zu leichte Blutungen aus einem Zehe ein, manchmal Kopfweh – aber bis gegen Ende Septbr dachte Niemand an irgend was Schlimmes. Darauf ging er nochmals, um sich zu erholen, zur Mutter und den kleinen Geschwistern nach Schreiberhau; am 22t October kam er mit diesen, allerdings recht geschwächt, nach Breslau zurück. Nun schritt das Uebel rasch vor. Wenn die Blutungen an einer Stelle gestillt waren, traten sie an einer anderen auf; am 31 Oct. starb unser geliebter Junge. Gott Lob ohne Schmerzen u. ohne harten Kampf. Was wir dabei gelitten, brauche ich Ihnen, theure Frau nicht zu sagen. Noch bin ich Ihnen Dank schuldig auf Ihre freundlichen Worte über meine Concert-Fantasie. Wenn Sie Ihnen einigermaßen gefällt, so möchte ich das Werk, wenn es gedruckt wird, Ihnen widmen dürfen. Ich habe den dringenden Wunsch, meiner aufrichtigen Verehrung für Sie öffentlich Ausdruck zu geben; und zwar natürlich ganz unabhängig davon, ob Sie das Stück einmal Ihrer Interpretation würdigen wollen oder nicht. Daß mich eine solche Auszeichnung sehr erfreuen würde, ist ja <natürlich> selbstverständlich. Ich weiß aber auch, wie sehr Sie in Anspruch genommen sind und daß sie sich nicht zuviel anstrengen dürfen.
Für heute sage ich Ihnen Lebewohl u. schließe mit herzlichem Gruß an Sie und Ihre Töchter. Grüßen Sie auch die kleine Ernestka.
Ihr
hochachtungsvoll ergebener
B. Scholz

Ich werde meine Concertfantasie am 27 Januar in Mainz spielen.

  Absender: Scholz, Bernhard (1392)
  Absendeort: Breslau
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 16
Robert und Clara Schumanns mit Bernhard Scholz und anderen Korrespondenten in Frankfurt am Main / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller und Anselm Eber / Dohr / Erschienen: 2020
ISBN: 978-3-86846-027-8
91f.
 



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