19.12.2019

Briefe



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ID: 19454 Brieftext


Geschrieben am: Montag 04.12.1882
 

Verehrte Frau Schumann!

Haben Sie Dank für Ihre Nachricht betr. Brassin. Ich habe, wenn auch mit wenig Hoffnung, den Versuch gemacht, u. an ihn geschrieben. Ich überlege Tag u. Nacht, wen<n> wir etwa brauchen u. berufen könnten. Ich fürchte daß Kwast sowohl wie Grabau, beide in pekuniär zu guter Stellung sind, als daß sie tauschen möchten. Beide sind auch nicht ganz das, was ich möchte! Das wird aber schwerlich zu finden sein! Kennen Sie Bussmeyer in München? Besinnen Sie sich doch auch noch! Um die hiesige Stellung hat sich, wenn auch nicht direct, Max Bruch beworben u. man unterhandelt eben mit ihm. Nun habe ich schon gedacht, ob wir nicht für Woldemar Bargiel eine Thätigkeit in Frankfurt hätten? Ich kenne ihn aber zu wenig als praktischen Musiker, um zu wissen, was er <so> als solcher leistet. Sie sind seine Schwester, und gerade deshalb darf ich Sie fragen, wozu er sich im practischen Dienst als Lehrer qualifizieren würde. Von Stockhausen erwarte ich sehnlichst Nachricht. Es ist nicht hübsch von ihm, daß er mich so hinhält, nachdem wir eigentlich über alles Wesentliche einig waren. Ich fürchte, daß da wieder Einflüsse spielen, welche er versprochen hatte, diesmal auszuschließen. Ich stehe jetzt schon dem Senator v. Mumm gegenüber in einem eigenen Lichte da. Ich hatte ihm nach meiner Unterrdg mit St. dessen Forderungen u. s. w. mitgetheilt u. ihm die Sache so dargestellt, als handle es sich nur um schriftliche Fixirung des Vertrags. Dazu war ich nach Stockhausen’s Verhalten völlig berechtigt. Nun rückt die Sache nicht vorwärts u. ich werde bereits von Fft aus gemahnt, weil von Stockhausen’s Engagement Fragen anderer Art wieder abhängen. Wenn Sie St. etwa sehen, bitten Sie ihn, die Sache nun zum Abschluß zu bringen. Es wird immer noch Mühe genug kosten, alles durchzusetzen: Ich habe in der ersten Sitzung die Ermächtigung <erhalten> nach hartem Kampfe erst erhalten, mit St. zu verhandeln. Dr. v. Mumm hat mir bereits geschrieben, es würde vielleicht nöthig werden, daß ich nochmals persönlich zu einer Sitzung käme, um St’s Bedingungen durchzusetzen. Man hätte das Eisen schmieden sollen, so lange es warm war. Je länger St. zögert, desto mehr erstarken widersprechende Ansichten. Es wäre mir wirklich höchst verdrießlich, wenn ich nochmals persönlich <die> nach Fft kommen und diese anstrengende Reise blos wegen einer Sitzung machen müßte. Ich habe Stockhausen bereits vor einigen Tagen zum 2. Mal gemahnt; ich hoffte heute Abend bestimmt auf eine Antwort. Sie ist wieder ausgeblieben!
Meine Frau erwiedert Ihre Grüße herzlich.
Ich bin u. bleibe
Ihr
herzlich ergebener
B. Scholz

Breslau 4 Dec. 1882.

  Absender: Scholz, Bernhard (1392)
  Absendeort: Breslau
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 16
Robert und Clara Schumanns mit Bernhard Scholz und anderen Korrespondenten in Frankfurt am Main / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller und Anselm Eber / Dohr / Erschienen: 2020
ISBN: 978-3-86846-027-8
101f.
 



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