19.12.2019

Briefe



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ID: 19467 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 03.12.1890
 

Liebe Frau Schumann!

Machen Sie sich doch keine Gedanken wegen Ihrer Mittheilungen betr. Egidi! Ich habe ihm ja kein Wort davon gesagt!! Er hat mir neulich ein Verzeichnis der Schüler vorgelegt, welche die Theoriestunden lässig besuchten, – ganz unabhängig von Ihrer Mittheilung. Auf dieser Seite standen mit Anderen auch Miss Barnett und Minnie Wetzlerù Darauf sprach ich mit ihm über die Einzelnen, auch über Minnie, und er meinte, daß er erstaunt sei, wie schwer ihr – der Begabten – alles Theoretische und Wissenschaftliche werde! – Ich dachte aber, es sei wirksamer, wenn Sie die jungen Mädchen zu fleißigem Besuch der Theoriestunden ermahnten, als wenn ich es thäte – darum meldete ich es Ihnen. – Es liegt also gar nichts vor, was Sie zu bereuen hätten, oder was Sie beunruhigen könnte. Was Köstlin’s Vorträge betrifft, so handelt es sich ja nicht darum, alte Sachen auszugraben, um sie als werthvoll zu produzieren. Es handelt sich darum, ein Bild der Zeit zu geben. In diesem darf ein Mann wie Hasse nicht fehlen, – und wenn es nur wäre, um zu zeigen, wie groß die Kluft zwischen ihm und Bach ist! Ueber Phil. Em. Bach nun gar darf man nicht leicht hinweggehen. Er bildet die Brücke zur neuen Zeit. Von ihm sagte selbst Haydn, der ihn doch hoch überragte: „Von ihm haben wir Alle gelernt; er ist der Meister, wir sind die Buben.“ Von dem historischen Gesichtspunkt aus sollen die vorzuführenden Stücke beleuchtet werden; <deswegen hielte> es handelt sich gar nicht darum, daß unsere Schüller brillante Vortragsstücke haben, sondern daß sie auch einmal sich einem wissenschaftl. Zwecke unterordnen u. auch einmal eine undankbare Aufgabe übernehmen. Ich halte es für unpädagogisch, sie davon zu dispensiren; man könnte es ja so einrichten, daß dieselbe éSchülerinù, welche die undankbare Aufgabe hätte, nachher auch eine dankbare bekäme. Wollen Sie das freundlich erwägen! Wenn ich Zeit genug hätte, würde ich mich sehr gern Köstlin zur Verfügung stellen; ich bin jedenfalls bereit, wenn es Sie langweilt, mit einer Schülerin die Hasse’sche Sonate durchzunehmen – was ich vollkommen begreife – es meinerseits zu thun. Betr. Alice Dessauer wiederhole ich mein Anerbieten, mit ihr das Moduliren praktisch zu üben, sobald ich von Düsseldorf zurück bin, wohin ich morgen reise. Und nun noch eine Angelegenheit, die mich persönlich betrifft, eine Bitte, die Sie mir hoffentlich nicht abschlagen werden. Ich käme persönlich, um mit Ihnen zu sprechen, wenn ich nicht vor der Abreise noch zu viel zu thun hätte. Vor 15 Jahren errang hier meine Oper Golo eine sehr schönen und nachhaltigen Erfolg. Sie verschwand vom Repertoire, weil der Vertreter der Titelrolle wegging. Dazu kam die Uebersiedlung des Theaters in das neue Haus, wo zunächst die landläufigen Opern neu ausgestattet werden mußten. Außerdem konnte ich lange Zeit nicht daran denken, eine Wiederaufnahme meines Werkes zu beantragen, weil sich kein geeigneter Sänger für den Golo – eine sehr schwierige Partie – fand. Als ich vor etwa 2 Jahren einen solchen in Herrn de Grach gefunden glaubte, stand ich von meinem Antrag ab, weil ich hörte, daß man Schumanns Genoveva vorzubereiten gedenke. Die damals geplante Aufführung derselben kam allerdings nicht zu stande. Jetzt habe ich in Herrn von Bandrowski einen geeigneten Vertreter für mein Werk. Er interessirt sich sehr dafür und wünscht es zu singen. Ich habe demzufolge die Wiederaufnahme meines Golo beantragt; der Intendant ist dazu durchaus geneigt, hat mich aber ersucht, erst mit Ihnen darüber zu sprechen, Ihnen zu sagen, daß es nicht seine Schuld sei, wenn vor 2 Jahren seine Absicht Genoveva aufzuführen, nicht zustande kam und Sie zu bitten, der Wiederaufnahme meines Golo nicht entgegen zu sein, um so mehr als die Partie des Golo in Schumanns Genoveva dem Herrn von Bandrowski nicht gut liegt. Für Schumanns Ruhe ist es ganz gleichgültig, ob Genoveva am Frankfurter Stadttheater gegeben wird oder nicht. Wenn Sie aber freundlich erwägen wollen, von welch großer Wichtigkeit es für mich ist, daß mein bestes Werk wieder einmal vor der Welt, und an der Stätte meines Wirkens erscheine, so werden Sie mir es nicht verdenken, wenn ich die Angelegenheit betreibe und wenn ich Sie bitte, mir mit einer Zeile, die ich Herrn Claar zeigen darf, zu sagen, daß Sie in der Wiederaufnahme meines Golo <> keine Unfreundlichkeit gegen Sie erkennen werden.
Mit herzlichem Gruße
Ihr ergebener
DBScholz

Ffurt a/M 3 Dec. 90.

  Absender: Scholz, Bernhard (1392)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 16
Robert und Clara Schumanns mit Bernhard Scholz und anderen Korrespondenten in Frankfurt am Main / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller und Anselm Eber / Dohr / Erschienen: 2020
ISBN: 978-3-86846-027-8
259-262
 



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