19.12.2019

Briefe



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ID: 19493 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 21.04.1880
 

Berlin, Burggrafenstraße 10II
21.4.80.
Hochverehrte Frau,
Zürnen Sie mir nicht, wenn ich abermals mit einer Bitte oder wenigstens einer Anfrage mich an Sie wende.
Ohne Zweifel kennen Sie Dr. Grove in London, und wissen auch vermuthlich, daß der-selbe mit der Herausgabe eines Dictionary of Music and Musicians beschäftigt ist: es sind in Lieferungen jetzt ungefähr anderthalb Bände erschienen. Mr. Grove hat mich ersucht, für dieses Werk den Artikel „Schumann“ zu schreiben, d. h. nicht einen gewöhnlichen Lexicon-Artikel, sondern eine ausführliche Darstellung des Lebens und Schaffens dieses Meisters. Ich habe längere Zeit überlegt, ob ich ja oder nein sagen sollte. Meine tiefeingewurzelte Liebe für die Werke Ihres sel. Herrn Gemahls und – wie ich glaube sagen zu dürfen – die Vertrautheit mit denselben, die ich mir durch mehr als 20 jähriges Studium derselben erworben haben [sic], bewogen mich endlich zuzusagen, trotz mancher entgegenstehenden Bedenken. Einen Künstler, der uns noch so nahe steht wie Schumann, richtig zu schildern, halte ich für eine schwere Aufgabe. Außerdem beunruhigt mich der Gedanke, was Sie wohl zu diesem Entschlusse sagen werden. Es wäre mir ein drückendes Gefühl, zu arbeiten, ohne wenigstens Ihrer Geneigtheit versichert zu sein. Und am freudigsten würde ich es empfinden, wenn Sie mir selbst etwas helfen wollten. Was ich aus gelegentlichen Mittheilungen von Ihnen, von Joachim, Brahms und Grimm mir über Schumann habe merken können, ist wenig. In allen Hauptsachen bin ich auf Wasielewskis Biographie beschränkt, von der ich nur zu gut weiß wie unvollständig sie ist. Ich gestehe, daß mir dies großes Unbehagen verursacht. Wenn ich meine Arbeit auch in gewissen knappen Gränzen halten muß, so läßt sich doch auf wenigen Bogen schon viel sagen, und schließlich wünscht man doch ⎡überall⎤ möglichst aus dem Vollen zu schöpfen. Nun komme ich also zu meiner Anfrage. Würden Sie, verehrteste Frau, bereit sein, mir Ihre unschätzbare Hülfe zu leihen? Ich würde sie beanspruchen müssen zunächst in einer Reihe von Einzelheiten, die ich jetzt noch nicht übersehe und für die Sie allein mir die wünschenswerthe Auskunft geben könnten. Fast wichtiger aber noch als dies wäre es mir, wenn Sie sich entschließen könnten, mir in Briefe von und an Schumann Einsicht zu gestatten. Ich weiß wohl, daß es ein Großes ist, um das ich bitte, hoffe aber, Sie werden mir vertrauen, daß ich nur das Gelingen der Sache im Auge habe, und die mir vorgelegten Briefe in der discretesten Weise behandeln werde. Es liegt nicht in meiner Absicht, von diesen Briefen etwas wörtlich mitzutheilen; eine etwa von Ihnen geplante Herausgabe der Briefe selbst würde also durch meine Benutzung in keiner Weise tangirt. Ich würde ausschließlich nur den biographischen Inhalt derselben zu verwerthen suchen.
Gern wäre ich nach Frankfurt herüber gefahren, um Ihnen persönlich mein Anliegen vorzutragen. Leider bin ich zur Zeit durch meine Berufsgeschäfte hier unlöslich gebunden, u. kann nur hoffen, Sie werden auch der schriftlich ausgesprochenen Bitte eine wohlwollende Erwägung nicht versagen. Könnten Sie mir möglichst bald Antwort geben, so würde ich Ihnen um so dankbarer sein.
Mit den besten Empfehlungen, auch von Seiten meiner Frau, an Sie und die Ihrigen bin ich, hochverehrte Frau,
Ihr wie immer ganz ergebener
Philipp Spitta.

  Absender: Spitta, Philipp (1518)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
576
 



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