19.12.2019

Briefe



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ID: 19558 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 24.12.1876
 

Breslau 24t Dec. 76.
Theure geliebte Freundin
Gern hätte ich Ihnen sogleich auf Ihren lieben Brief vom 17t Dec. geantwortet, jedes Wort begehrte mich so warm u sympathisch, ich fühlte noch so Ihre warme Liebe, wir waren noch so erfüllt von den reichen Gaben herrlichsten Genusses mit dem Sie uns überschüttet hatten, dß mein Herz noch ganz voll war. Gewiß fühle ich Ihnen nach, wie augenblicklich zurückgetretene Sorgen, das Gemüt bedrücken, wenn man Zeit hat, sie sich recht klar zu machen, ich habe das auch oft empfunden, es ist ein peinlicher Zustand, möchte er nun bei Ihnen vorüber sein u Sie möglichst froh mit Ihren beiden Lieben das Fest verleben. Mich hinderten auch die Weihnachtssorgen, am sofortigen Schreiben, u trug ich Ihr liebes Bild im Herzen, u war die Seele noch voll von der herrlichen Musik die uns beglückt hatte. Haben Sie auch Dank dß Sie wünschen öfter von uns Nachricht zu haben – wenn es seltner geschieht, so ists eine bescheidne Zurückhaltung – Sie haben ja so viel zu lesen u zu schreiben. Ihre freundliche Frage nach Elisabeths Befinden kann ich dahin beantworten: dß ihr der liebe Besuch so gut bekommen ist, dß sie sich fast besser befindet wie vorher. Das war also die Antwort auf Ihren Ersten lieben Brief – da kommt zu meinem Erstaunen ein zweiter, u welcher Inhalt, welche Sendung! – Liebe theure Frau Schumann, was sollen wir dazu sagen? Ich bin ganz beschämt u gerührt u danke Ihnen von ganzem Herzen die große Liebe, mit der Sie uns ein sichtbares Andenken an Sich senden, u gern hänge ich diese reizende Gabe in mein Zimmer, wo so manches theuren Freundes Name an der Wand ein Plätzchen hat. Was werden Sie aber sagen, wenn ich an den herzlichen Dank noch eine Bitte hänge? – Sie haben in Ihrer großen Nachsicht mit unsrer bescheidenen Häuslichkeit, den Raum weit überschätzt u uns ein so großes prachtvolles Exemplar der Madonna gesandt, dß es absolut unmöglich ist, es unterzubringen, namentlich im Wohnzimmer, wo wir es doch gern hätten. Im Atelier ist auch kein würdiger Platz. Da kommt nun die Bitte: Darf ich Sie bitten das große Exemplar für ein kleineres zu vertauschen? die kleine Ausgabe ist sehr schön u klar u giebt das Bild vollständig wieder. Dürfte ich zu dem Zweck mich mit den Herren Amsler u Ruthart in direkte Verbindung setzen? Sie sind mir freundliche Fachgenossen, mit denen ich schon öfter in geschäftlicher Beziehung war. Der Transport eines so großen Glases ist sehr bedenklich u kann ich das mit direkter Correspondenz vielleicht erleichtern. Also theure geliebte Frau Schumann zürnen Sie meiner Offenheit nicht u lassen Sie sich doppelt umarmen, wenn Sie meiner Bitte Gehör geben, die mir, indem ich sie ausspreche recht dreist erscheint. Ich hoffe Sie antworten uns recht bald u wir hören dß es Ihnen bei der plötzlichen Kälte gut geht. Ich bin für immer mit der innigsten Verehrung u Dankbarkeit
Ihre treu ergebne Anna Storch

Meine Kinder empfehlen sich ergebenst, wir freuen uns auf den heutigen Abend. Marie u Eugenie viele Grüße.

  Absender: Storch, Anna, geb. Werner (1554)
  Absendeort: Breslau
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
669ff.
 

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