19.12.2019

Briefe



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ID: 19561 Brieftext


Geschrieben am: Montag 07.05.1883
 

Hochverehrte geliebte Frau Schumann.
Ich kann meiner Schwester Brief nicht abgehen lassen ohne ein Paar Worte des Dankes u der Antwort, auf Ihren lieben gütigen Brief zu sagen. Wie gern folgten wir Ihrer Einladung einen Besuch in Frankfurt zu machen, wie würde es uns interressiren Ihr Haus zu sehen, zu wissen wie u wo Sie leben, es geht aber wirklich nicht, vielleicht einmal später, wenn es uns [in] diesem Jahr glückt eine weitere Reise zu machen. Elisabeth war seit Februar oft unwohl u litt an den alten Unterleibsbeschwerden, die sie im Sommer 81 in Krain so ganz danieder warfen, Sie wissen ja wie sie nicht die 6 St. bis Ampezzo Thal fahren konnte, nun wollten wir dieß Jahr so gern nicht wieder in unser Gebirge sondern etwas in die Alpen, doch wagten wir es nicht zu hoffen, dß es mit E. nicht [sic] besser würde, u nun sprachen wir mit unserm Arzt, der dann gestern, nach gründlicher Untersuchung uns sehr beruhigt hat, u erlaubt nach Berchtg. zu gehen, obgleich er auch meint im Hochsommer sei es dort nicht sehr frisch. So wollen wir nun diese 2 Tage Eisenbahnfahrt riskiren, es wäre aber Leichtsinn noch einen so großen Umweg, wie der über Frankfurt zu machen. Gebe Gott dß E. gut bis B. kommt. Sehr glücklich wäre ich auch meinen lieben alten Prf. Behrendsen in Wiesbaden zu sehen, Roquettes in Darmstadt u Weigel-Donndorfs in Stuttgart – das sind Alles geliebte Freunde die ich in diesem Leben gern noch einmal sähe. – Nun aber ist die Aussicht eines Zusammentreffens mit Ihnen sehr beglückend, u ich hoffe doch im Herbst kommen Sie noch ein Weilchen zu uns, die Pension in Hofreit soll so sehr gut und behaglich sein, wir sprechen uns jedenfalls, auch besuche ich Sie u Elisen bald einmal in Vorderneck u sehe mir die Gelegenheit an ob mein Invalide hinauf zu transportiren ist. Möchten Sie sich nur nicht dennoch woanders hinwenden! Wie würde ich mich freuen Elise u ihre Kinder zu sehen! u wenn wir nur könnten schließlich ein Weilchen zusammen sein, was hat man nicht Alles zu plaudern u sich mitzutheilen. Da hat jüngst Roquette ein Lebensbild von meinem theuren lieben Preller geschrieben, das mich sehr bewegt u befriedigt hat, es ist mit wohltuender Wärme, feinstem künstlerischen Verständniß, Zartheit, Takt u poetischer Empfindung geschrieben. Ich wollte Sie hätten einen ähnlichen Verfasser für Ihres Mannes Biographie, der so ein volles, ganzes, richtiges Bild des unvergeßlichen dahin geschiedenen gäbe!
Denken Sie nur Marie Donndorf hat jetzt das 11t Kind geboren! die Weigel schrieb in größter Todesangst, dß Marie nach der Entbindung in höchster Lebensgefahr war, ich glaube vor Schwäche. Möchte Gott die geliebte Frau bewahren u Donndorf erleuchten, denn der kann sich nicht vorstellen dß ein so „naturgemäßer Vorgang“ schließlich die Frau kosten kann. Noch muß ich Ihnen aussprechen wie es mich in tiefster Seele jedesmal freut u beglückt wenn Sie meiner so liebevoll gedenken u mich immer besonders grüßen lassen. Nicht umsonst liebe ich Sie nun bald 1/2 Jahrhundert, Sie haben mich auch lieb, u das ist doch das Schönste was es auf Erden giebt eine Liebe u Freundschaft von unverbrüchliche Dauer u unerschütterlicher Treue, u so bin ich mit dankbarem, tief bewegtem Herzen
Ihre alte treue A. Storch

Den Töchtern 1000 herzl Grüße!

  Absender: Storch, Anna, geb. Werner (1554)
  Absendeort: Breslau
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
704ff.
 



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