19.12.2019

Briefe



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ID: 19562 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 30.12.1885
 

Breslau 30t Dec 85
Elsasserstr. 7
Hochverehrte geliebte Frau Schumann
die Jahre verrinnen so schnell dß man es kaum glaubt dß schon wieder eins zu Ende ist, u gern reicht man seinen Lieben die Hand u betet dß Unheil Sorge u Kummer fern von ihnen bleiben möchte, so komme ich auch heut zu Ihnen mit alter treuer Liebe u den innigsten Wünschen für Ihr Wohl – möchten Sie selbst sich möglichster Gesundheit u Frische erfreuen u in Ausübung Ihrer hohen Kunst die Zahl der Jahre vergessen die sie durchlebt, u das höchste Glück genießen welches denen beschieden ist, die unbeirrt dem Idealen sich geweiht. Gott erhalte Sie auch uns Allen, denen Sie ein Theil ihres besten Seins sind, verbinden ein Streben nach dem Reinen u Aechten in Kunst u Lebensanschauung. Elisabeth kann leider heut nicht mit schreiben, eine Erkältung hat ihr einen Hexenschuß zugezogen, dß sie fest liegt, hoffentlich dauert es nur ein Paar Tage, aber es ist doch störend grade im Fest, sie grüßt herzlich u schreibt bald, dankt für den lieben Brief. Möchten die Sorgen um Ferdinand u seine Familie Ihnen doch nicht so sehr drückend sein – ich fühle es Ihnen nach wie sehr traurig das ist, könnte man hoffen dß Eins oder das Andre der Kinder sich tüchtig ausbildet u in Zukunft lohnt was Sie u die Töchter jetzt zu sorgen haben um diese Kinder. Marie u Eugenie – wie auch Elisen – von uns viele Grüße u Wünsche für ihr Wohl, ich denke oft ihrer mit viel Liebe. Der Tod Ihres Herrn Bruders hat mir sehr leid gethan, er war immer so gut u freundlich zu mir, als wir uns in Schluderbach trafen – es ist traurig wenn man solche Lücke zu verzeichnen hat am Schluß des Jahres. Unter unsern festen Wünschen für das nächste Jahr steht mit großen Lettern geschrieben – ein Wiedersehn mit Ihnen geliebteste Freundin – ich weiß nur noch nicht wie es zu ermöglichen ist – denn wir sind so mit Ketten festgehalten – der Salzberg ist so die Vorstellung des Paradises u nie hört das Bedauern auf über den verunglückten Besuch damals. Das Schicksal ist manchmal doch zu grausam. Möge es Ihnen ferner aber recht hold sein, das thut auch uns wohl u ich denke wenn man sich so recht lieb hat, so ziehen sich magische Kräfte zusammen, die Einen zu einander führen. Gott behüte Sie u die Ihrigen u gebe einen recht guten Jahresanfang.
Mit inniger Liebe u Freundschaft
Ihre
getreue alte
Anna Storch
gb Werner

  Absender: Storch, Anna, geb. Werner (1554)
  Absendeort: Breslau
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
708ff.
 



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