19.12.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 19563 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 28.12.1894
 

Breslau 28t Dec. 94.
Verehrte, geliebte Freundin
Elisabeth wollte Ihnen heut schreiben, sie hatte sich aber gestern etwas angegriffen, u fühlte sich heut so nervös, dß sie sich zu Bett legte, hofft dß ihr das bald wieder aufhelfen wird. Da hat sie mich beauftragt Ihnen, in ihrem Namen, einen Gruß zum Jahreswechsel zu senden u Ihnen von ganzem Herzen viele gute Wünsche zu senden, das thue ich hiermit, auch für mich, gebe Gott Ihnen u den Kindern Gesundheit und lasse Sie möglichst sorgenlos miteinander in das neue Jahr gehen. Ich finde je älter man wird je grauer wirds mit dem Leben, u man braucht Liebe u heitere Jugend um sich herum, so hoffe ich es fehlt Ihnen nicht an solchen Elementen die Sie erfreuen. Da ich nun darf im Auftrage an Sie schreiben, so thue ich es mit viel Freude, Sie lassen mich immer so freundlich grüßen in den Briefen an Elisabeth u das freut mich immer so sehr, denn seit einem langen Leben habe ich doch so einige Herzliche Liebe u Verehrung für Sie u [in] jedem Brief der an Sie abgeht, steht viel treue Freundschaft auch von mir zwischen den Zeilen. Kennen wir doch unser gegenseitiges Leben von früher Jugend an mit seinen Freuden u Leiden, u das verbindet fest. So weiß ich dß es bis in alle Zeit bleibt mit uns. Im nächsten Jahr werde ich 80 Jahr, das ist mir ganz wunderbar, äußerlich scheide ich aus der Welt, u leider Elisabeth mit mir, theils als meine Pflegerin, theils wegen eigner Kränklichkeit – im Geiste lebt man herrlich noch mit den fernen Freunden u genießt für sich im stillen Kämmerlein was von Kunst u Schönheit bis zu uns dringt. Unsere Familie ist jetzt klein hier, der älteste Enkel [ist] sehr glücklich verheirathet, seine Frau bewährt sich u geht in der Sorge für Mann u Kind auf, eine warmherzige glückliche Mutter u Hausfrau. Der Urenkel ist meine Glückseligkeit, möchte ich ihn noch im Leben von Angesicht sehen. Sie leben in Dortmund, hoffen nicht mehr lange an diesem wenig angenehmen Ort zu bleiben. Verzeihen Sie dß ich Elisabeths Platz so breit in Anspruch genommen. Hoffentlich schreibt sie bald selbst. Sie macht mir oft Sorge u ich habe oft Sorge dß sie sich nicht genug schont aus Liebe u Sorge für mich. Sie wissen welche liebevolle, hingebende, selbstvergessende Seele sie ist, u wie mein ganzes Glück in ihr wurzelt, die wir so ganz Eins sind, Gott erhalte sie mir! Innige Grüße an die herzlich geliebte Marie, derer ich oft in großer Liebe gedenke, als Ihr unentbehrlichstes zweites Ich. Ach meine geliebte Freundin könnten wir uns noch Einmal sehen, Sie noch Einmal hören, noch Einmal in Liebe bei einander sitzen! Warum ist das unmöglich da man noch hienieden ist?
Mit diesem Stoßseufzer der aus tiefstem Herzen kommt
Ihre alte treue Anna Storch

  Absender: Storch, Anna, geb. Werner (1554)
  Absendeort: Breslau
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
755f.
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.