19.12.2019

Briefe



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ID: 19650 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 12.08.1856
 

Liebe beste Clara
Wenn die menschliche Liebe helfen könnte, so müßtest Du bald getröstet sein; denn fern und nahe schlagen die besten Herzen theilnehmend für Dich und zwei Freunde, wie Joachim und Brahms sind allein schon ein unendlicher Schatz. Aber weit über Allen auf der Welt und ganz unerreichbar für menschliche Hülfe ist Dein Schmerz. Wenn die Jahre der bittern Trennung vorbereitend für Dich genannt werden, so wird mir’s ganz weh um’s Herz. Der Riß vom Leben zum Tode – und wenn es das kränkste, trostloseste Leben ist – bleibt immer entsetzlich und wenn nach den Kämpfen zwischen Furcht und Hoffnung die starre Ruhe kommt, in der gar kein Hoffen mehr leuchtet, so muß das Erdenleben gräßlich dunkel sein. Nur hoch darüber hinaus, in Anschauen der unermeßlichen Allmacht unsers lieben Gottes kann das Herz wieder stark werden. Er hat es so gewollt und wir müssen glauben und lernen, daß seine Wege die besten sind. Aber wie leicht sagen das die Menschen und wie schwer ist’s doch, wirklich und ganz ergeben zu sein! Wie oft kann die Sehnsucht nach dem Vergangenen, was nie wieder kommt – zur Qual werden, uns fast zur Verzweiflung bringen. Die Erinnerung ist so schön und es ist so lockend, sich recht darein zu vertiefen, wenn Einem nur dann die Macht bleibt, auch die Gegenwart würdig zu ertragen. Mir ist gerade in diesen Tagen das Bild Deines lieben, verklärten Mannes wieder recht lebendig geworden, ganz wie er in der ersten Zeit unsers Zusammentreffens war, vor 20 Jahren und dann in der ersten Zeit Eurer Ehe. Ich hörte alle die lieben, innigen Worte wieder, die er in seiner besondern Weise so eindringlich sprach, ich denke so lebhaft an seine stille Heiterkeit, ja ich weiß noch genau einige von seinen kleinen Anekdoten und wo und wie er sie erzählte. Er hat die höchsten Stufen des Geistes erstiegen und blieb doch so menschlich mild, so freundlich und innig. Die Kinder ahnen noch nicht, was sie in ihm verloren haben. Es gehört ein längeres Menschenleben dazu, die Tiefen seiner Schöpfungen zu fassen. Wenn sie nicht das Gemüth ihres Vaters ganz zu erkennen vermögen, werden sie erst den Schmerz um ihn ganz fühlen. Arme Clara! Und das wirst Du immer, immer wieder mit leiden. Ich war unendlich traurig, als ich die beiden Mädchen gestern in ihrer Trauer sah. Marie erschien mir auf einmal ganz erwachsen und Lieschen mit ihrem sonst so fröhlichen, schelmischen Gesicht machte mir das Herz recht mütterlich traurig durch ihre Thränen. Ihnen ist in Deiner starken Seele ein großer Schutz geblieben, Du giebst ihnen jetzt noch mehr, als Du empfängst. Möchtest Du doch in spätern Zeiten vollen Lohn ernten – in rechter Herzerquickung und Freude an Deinen Söhnen und Töchtern. Helfe Dir Gott, meine liebe gute Clara, er hat Dich aufrecht erhalten, in schweren Zeiten, er wird auch bei Dir sein in diesem gewaltigen Kampfe! Kämest Du doch bald hierher, wir sehnen uns sehr, Dich zu sehen, wollten Dich auch gewiß nicht quälen mit Fragen, nur ganz still horchen auf jedes Wort, was Du uns aus den letzten Lebenstagen Deines Robert sagen möchtest. Adieu, Du armes Herz, ich weiß nicht, was ich Dir zu Liebe thun möchte, Dich nur eine Minute zu erquicken.
Mit tausend Grüßen von Mann und Tochter
Deine Bertha Voigt.

  Absender: Voigt, Berta (1626)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
148ff.
 



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