19.12.2019

Briefe



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ID: 19658 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 28.09.1880
 

Leipzig, den 28ten Sept.

Meine liebe, theure Freundin,

Viel tausend Dank für Ihren herzlichen Brief und für Ihre Theilnahme an meinem Ergehen. Über Letzteres kann ich Ihnen leider nicht viel Tröstliches berichten. Mit immer gesteigerten Dosen von Chloralhydrat verschaffe ich mir zwar immer noch leidliche Nächte, die Tage aber verbringe ich unter den furchtbarsten rheumatischen Schmerzen im Knie und habe den Gebrauch meiner Füße gänzlich verloren. Der 1 Sept. an welchem Tage ich vor 50 Jahren mein Geschäft eröffnet und das Bürgerrecht erworben, brachte mir allerdings viel freudige Überraschungen und es war mir unerklärlich, wie so viele Leute Kunde von dem mir so wichtigen Tage erhalten hatten. Früh um 6 Uhr begrüßten mich die Thomaner mit einem Morgenständchen und ½ 9 Uhr Mitglieder unsres Gewandhaus-Orchesters um mir das Clarinett-Quintett von Mozart und das Octett von Beethoven vorzutragen, was mir großen Genuß gewährte. Brefe und Telegramme in gebundener und ungebundener Rede liefen zahlreich von auswärts ein und Mittags waren meine sämtlichen Kinder, auch Woldemar aus Königsberg und der größte Theil meiner Enkel zu Tische bei mir. Ich habe allerdings Grund genug, dem lieben Gott dafür zu danken, daß er mich diesen Tag in geistiger Frische erleben ließ. Mit großer Freude höre ich, daß Sie im Laufe dieses Winters einmal hier im Conzert auftreten wollen, weil mir das zeigt, daß Sie von Ihren rheumatischen Armleiden gänzlich befreit sein müssen – möchte ich doch zu dieser Zeit noch so weit geistig frisch sein, um von Ihnen noch einmal einige Carneval Stücke zu hören. Recht sehr betrübt hat es mich, zu hören, daß Ihr Sohn Ferdinand so leidend ist und wünsche ich nur, daß ihm die Nachcur bei Ihnen recht gut thun, und er den bösen Gelenk-Rheumatismus vollständig los werden möge. Gestern hatte ich die Freude meine Tochter Jettchen samt ihren Mann u. ihren beiden jüngsten Kinderchen bei mir zu sehen – Sie wissen wohl, daß Freiesleben Landgerichts-Präsident in Plauen ist? Ihnen sowohl als meinen übrigen Kindern geht es Gott sei Dank recht gut; Hans ist auch seit dem Frühjahr glücklicher Ehemann, er hat die jüngste Tochter des Professor Ehrhardt in Dresden geheirathet. Sehr freut es mich, daß Sie von Ihrer lieben Tochter Elise so gute Nachrichten haben; wenn Sie ihr schreiben lassen, so bitte ich <S>sie herzlich von mir zu grüßen.
Und nun Gott befohlen meine theure Freundin, ich bin und bleibe
Ihr
alter dankbar ergebener
Freund Carl Voigt.

Wann erscheint Ihre Biographie Ihres seligen Robert?
Jansen scheint seinen Plan wohl ganz aufgegeben zu haben?

  Absender: Voigt, Karl (1633)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
189ff.
 



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