19.12.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 19714 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 23.11.1872
 

Meran, Süd-Tirol 23t Nov. 72.
(bei Dr. Pircher)
Meine theure Frau Schumann,
Heut erst erhielt ich die gewisse Nachricht, daß wirklich ein neuer schwerer Schlag Sie betroffen, daß Sie Ihre Julie verloren haben – ich hatte es nicht glauben wollen bis ich die ganz verbürgte Nachricht hatte – nun ist aber kein Zweifel mehr, u ich bin tief betrübt! Wie innigen Theil ich an Ihrem Schmerz nehme, theuerste Frau, das werden Sie wissen auch ohne daß ich es Ihnen sage – was mögen Sie Alles durchgemacht haben, vom Sommer an, wo Sie schon Sorge um Julie hatten, bis nun jetzt Alles beendet u das Schlimmste in Erfüllung gegangen ist! wie wehmüthig, daß ein so begabtes junges u glückliches Geschöpf nicht länger das Leben genießen u in ihrem Kreise wirksam sein konnte, daß es überhaupt so wenig in der Menschen Macht liegt ein junges Leben gesund zu erhalten! So manche Sorge hat Ihnen das Kind gemacht, – u nun sie im Hafen u glücklich war, wird sie Ihnen entrissen und damit ein reicher Schatz von Liebe geraubt! Doppelt innig dafür wird Liebe Ihnen alle Ihre anderen Kinder verbinden die Ihnen ersetzen werden was Sie verloren haben in immer reiferer innigerer Hingabe! Aber schwer wird Ihnen der Winter mit seinen Berufsarbeiten werden, Gott schütze Sie u die Ihrigen, theuerste Frau Schumann vor fernerer Krankheitssorge, möchte Ihre Gesundheit aushalten und fest bleiben, das hilft doch das Schwere allein tragen. Hätte ich Julie noch einmal sehen können! mir taucht jetzt die Erinnerung an sie wie sie als Kind, als kleines Julchen war, am lebhaftesten auf, sie war so reizend u anmuthig – ich sehe u höre sie noch, u werde sie auch nie vergessen, obgleich mir die späteren Jahre ihrer Entwickelung fehlen. Haben Sie aber eine Photograph. von ihr aus ihren letzten Lebensjahren, u können Sie mir eine schicken, so wäre ich Ihnen innig dankbar dafür. Sie waren so gut u lieb mir noch von Baden zu schreiben, u ich empfing den Brief kurz vor unserer Abreise u freute mich von Herzen darüber. Es ist uns seitdem schlecht gegangen, wir haben böse Zeit durchlebt; ich wurde kurz vor der Abreise wieder krank – wir fingen endlich an wieder auszupacken u wollten die ganze Reise aufgeben. Schließlich reisten wir doch und – bereuen es nun fast, denn ich bin fortwährend krank u meine Schwester sorgt um mich. Das Leben gewährt aber recht selten einen ungetrübten Genuß u wie dürfte ich klagen, wo so viel ernsteres Leid mir an Anderen vorliegt. Meine Schwester trägt mir sehr innige Grüße für Sie auf u nimmt den herzlichsten Antheil an dem was Sie jetzt zu leiden u zu tragen haben, sie hat ja mit ihren Kindern auch schon so viel Unglück durchgemacht! So viel denken wir Ihrer!
Grüßen Sie die arme Marie, wie schwer wird es ihr sein Sie leiden zu sehen, sie weiß aber daß sie selbst Ihr bester Trost u Ihre Stütze ist, das mag sie trösten.
In alter treuer Verehrung u Liebe bin ich
innigst ergeben
Ihre Elisabeth W. –

  Absender: Werner, Elisabeth (1691)
  Absendeort: Meran
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
665ff.
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.