19.12.2019

Briefe



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ID: 19717 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 12.08.1870
 

Feldsberg den 12t Aug. 1870.
Innig geliebte Frau Schumann,
Wie herzlich ich mich bei Empfang Ihres lieben Briefes gefreut habe, das kann ich Ihnen gar nicht sagen! Haben Sie Dank, daß Sie die Erinnerung an meine Theilnahme durch alle Entfernung bewahren, u immer wissen wie sehr mich jede Mittheilung von Ihnen erfreut! Gut, daß Sie in Ihrem Häuschen geblieben sind, besonders jetzt, nun es entschieden daß der Kampf auf französisches Gebiet gebracht und der geliebte deutsche Boden, die herrlichen Rheinlande – von den Gräueln der Schlachten verschont bleiben werden. Wie dankbar können wir Alle dafür unseren Heerführern sein! Nun werden auch Sie mit der Angst davonkommen, u Baden nicht beunruhigt werden, wenigsten nicht durch den Feind; Sie hätten Sich aber in der Ferne doch mehr um das Häuschen geängstiget. Sehr schön wäre es gewesen, hätten Sie in dieser langen Zeit Herrn Brahms bei Sich gehabt, nicht sowohl des Schutzes wegen, als zur inneren Beruhigung, die ein Mann so leicht bringen kann wo Frauen allein sind. Es kommen so viel falsche Gerüchte, man ängstigt sich so um die ungewisse Zukunft – ein Mann sieht doch weiter u schärfer in politischen Dingen! Auch Ihr häusliches Leben hätte er erheitert, wenn das alte Vertrauen zurückgekehrt ist wie es früher war! Nun, hoffentlich geht der Krieg in dem schnellen Tempo, wie er begonnen hat, zu Ende u wir sind [bald] befreit von aller Furcht u Sorge, es wird dann noch lange genung dauern bis die Welt fertig ist mit den furchtbaren Nachwirkungen, bis alle Wunden geheilt; denn ich denke wie Bismark: „auch ein siegreicher Krieg ist ein Unglück“! [Später] wird doch aber Alles besser werden als vor dem Krieg u die Tausende ihr Blut nicht umsonst vergossen haben. Ich denke sogar, der Sieg – wenn die Unseren ihn wirklich vollständig erringen – ist troz der großen Opfer nicht zu theuer bezahlt, denn Schönes u Großes wird er uns bringen, hat er schon gebracht, indem fast alle deutschen Stämme endlich einmal einig zusammengehen. Und hoffentlich wird die napoleonische Dynastie gestürzt u die Franzosen dereinst, unter besserer Leitung, ein verständigeres Volk u liebenswürdigerer Nachbar für Deutschland werden. Verzeihen Sie, daß ich so viel Worte über das Allgemeine mir erlaube, aber sie kommen auch direkt aus dem Herzen, ich kann Ihnen nicht sagen mit welchem Interesse ich die Vorgänge verfolge – es ist doch eigentlich ein Stück Weltgeschichte, das mitzuerleben man sich glücklich fühlen kann. Und wie nah betheiligt ist der Einzelne, ein Jeder! Alle jungen Männer aus unserer Familie sind im Felde, manch Einer würde schwer vermißt werden, käme er nicht wieder! Ferdinand wird hoffentlich sein Leben nicht mehr einzusetzen brauchen, wenn er ausrückt wird es entschieden sein – so Gott will. Auch Anton bleibt, wie wir hoffen, wo er jetzt ist, bei der Besatzung der Festung Neisse in Schlesien – die verheiratheten Männer u Familienväter werden doch geschont. Er hat andere Opfer zu bringen, indem sein eben aufblühendes Geschäft still steht, doch hofft er durch die schwere Zeit ohne nachhaltigen Schaden durchzukommen, u das ist auch für mich recht wünschenswerth, da ich bei seinem Geschäft stark betheiligt bin. Wie ist jetzt Freud u Leid so eng gesellt, man weiß ja kaum welches größer ist, wenn die Nachrichten von den „blutigen“ Siegen kommen! u so ist es aber auch im Leben der Einzelnen – wenn er im vollen Leben steht. Was haben Sie für einen schweren Kummer mit Ludwig durchzumachen! Sie haben dies Unglück allerdings lange schon herannahen sehen, es ist aber deshalb nicht minder ein schweres Schicksal, fast das schwerste – ein misrathenes Kind ist noch trauriger, – das ist aber auch kein Trost. „Leider“, möchte ich fast sagen, haben Sie ja so sehr schon gelernt demuthvolle Ergebung in schweres Schicksal – Sie haben ja noch viel mehr schon ertragen! Es ist recht, daß die Kinder Sie nicht hingehen ließen, Sie hätten Ludwig nicht genutzt u das alte Leid wäre wieder nur lebendiger geworden. Sie werden gewiß die Kraft haben die Gedanken an den Armen zurückzudrängen so viel möglich, u dem Kummer nicht nachzuhängen, das ist nicht Härte, sondern Pflicht, Sie u die Kinder werden ohnehin genung darum leiden. Das Leben muß ja doch weiter gehen, u Ihre Lebenskraft wird frisch erhalten werden durch die Freude an den andern Kindern. Gottlob können Sie Sich sagen, dß kein Versehen, kein Fehler in der Erziehung dabei war, daß es ein unverschuldetes Schicksal, wie es eben, in verschiedenen Gestalten, Einen Jeden im Leben betrifft. Glauben Sie auch, daß, wenn Ludwig sich in gemüthskrankem Zustand quält, dies nicht mit hellem Bewußtsein geschieht, u nicht so empfunden wird, wie es dem Gesunden erscheint. Bannen Sie die Gedanken an ihn – Marie wird das gewiß auch sagen u Ihnen treulich tragen helfen!
Eugen ist doch aber auch ein Kummerkind für seine Mutter, er hat ihr auch nicht viel Freude gemacht. Ich begreife nicht, wie er den beiden Frauen kann einen Knaben zur Erziehung geben, – der alten Frau so Schweres zumuthen, nachdem ihr die eigenen Kinder so schwer geworden sind groß zu ziehen. Und er kennt doch seine Mutter u weiß, dß ihr solche Selbstverläugnung schwer wird. Es scheint, daß auch die Eltern das Kind nicht sehr lieb haben, wenn sie so wenig nach ihm fragen. Die arme Md. Bargiel, es steigen ihr doch, bis [in] ihr spätes Alter, immer neue Sorgen auf, u recht wenig Freude daneben. Gewiß ist ihr auch Woldemar’s Verheirathung nicht sehr erfreulich, er wird ihnen doch immer mehr dadurch entfernt. Sie sollte doch aber den Jungen den Eltern zurückschicken, die arme Cäcilie hat ja auch nicht die Mittel, schließlich kommt es auf Sie. Der Eugen ist ein leichtsinniger Patron. Elise wird nun müßen bis nach dem Friedensschluß bei Julien bleiben, denn vorher kann sie doch nicht hieher [allein] reisen. Da kann sie vielleicht pflegen ehe sie zurückkehrt – es wäre Elisen eine ganz gute Erfahrung, man macht dabei doch große Gemüthsbewegungen durch. Möchte Julie all ihre Hoffnungen erfüllt sehen u recht glücklich bleiben! Wenn ihr einmal Adel u Vornehmheit mehr werth erscheinen als sie sind, so wird sie wohl noch in Zukunft die Erfahrung machen, wie grundwenig dahinter steckt! Wie gern möchte ich einmal Julie aus der Weite sehen u ihren Mann in der Entfernung kennen lernen! Julchen wird gewiß eine reizende Mama sein – ich habe nur immer noch das lustige, anmuthige Kind von 12 Jahren vor Augen! Sie u Elise haben sich so anders entwickelt als ich gedacht hätte, Elise scheinbar ihrem Naturel entgegen. Nur Marie ist grade so geworden, wie ich dachte, daß des Lebens Reife sie machen müßte. Grüßen Sie die Liebe, Gute, herzlichst von mir, gewiß machen ihr ihre Hausfrauenpflichten Freude. Besser ist, sie bleibt bei Ihnen, als daß ein Mann sie nicht recht zu würdigen verstände. Meine Schwester trägt mir viel herzliche Grüße für Sie auf, u würde Ihnen heut selbst schreiben, wenn sie nicht arbeitete, wie an der Kette, – jeden hellen Augenblick benutzt [sie]. Ihr erster Gedanke bei d Kriegserklärung, wäre Ihr Häuschen gewesen, läßt sie sagen, u der Gedanke die Turko’s u Quoran könnten darüber kommen! Wie erst mag es jetzt bei Ihnen sein? ach, wir thun gar Nichts für unsere Wohnung, – wenn man so zur Miethe wohnt! Aber den Kanonendonner am 4t Aug. haben Sie doch wohl gehört – wie bange Tage für die ganze Umgegend! Ob Sie in Teplitz waren, das habe ich doch nicht erfahren! ob überhaupt etwas für Ihre Gliederschmerzen geschehen? Die heiße Zeit für Baden wird nun bald vorübersein u für Moritz zu spät, hoffentlich stärkt Sie der Herbst dort, u das stille Leben, das Sie in diesem Sommer gewiß haben. Meine Schwester war in Wien im Ganzen 14 Tage, hat sich sehr abgehetzt u kam gern nach Haus, weil sie jetzt auch gar nicht gewöhnt ist ohne mich zu sein. Aber sie war entzückt von Wien u den freundlichen Menschen die sie mit Liebenswürdigkeit überhäuft hatten. Berlin kam bei der Vergleichung ganz zu kurz; es ist auch wahr, so gut wird der Fremde dort nicht aufgenommen. Meine Schwester hatte furchtbar viel gesehen, u doch nur mit Auswahl, das Beste, war aber so aufgemuntert u angeregt, daß das ganze Leben wieder aus einer frischeren Tonart ging. So ein Bischen Anregung ist doch sehr nett. Ihnen hat sie aber sehr viel zu danken für die guten, liebenswürdigen Empfehlungen, denen sie doch ihre Aufnahme in den Familien allein verdankt. Eine Fr. Dr. Franz hat sie auch sehr lieb gewonnen. Und H. v. Lützow, den sie noch aus früheren Zeiten durch Lübke kannte, hat ihr noch allerhand Kunstsammlungen zugänglich gemacht. Kurz, sie hat solchen Vortheil von der Reise gehabt, daß sie meint, sie wolle alle Jahr einmal nach Wien, u ich soll dann mit – dazu wird es aber wohl nicht kommen! Hauptsächlich hat sie aber nun den Herrn Lach kennengelernt, der ein ausgezeichneter Künstler ist im Fach der Blumenmalerei. Ein kleines Männchen schon in Jahren, kränklich unscheinbar u befangen, aber innerlich eine echte Künstlerseele, in seinen Arbeiten Alles was die nobelste Kunstrichtung hervorzubringen vermag. Er ist bäuerlicher Abkunft, u lebt im Sommer immer hier im Hause seines Bruders der bäuerlicher Schuhmachermeister ist. Ubrigens ist er sehr gebildet, u ich habe den aufrichtigsten Respect vor solchen Menschen, die ohne jede Begünstigung von außen, nur durch angestrengten Fleiß u tüchtigen Charakter so viel leisten. Meine Schwester arbeitet nun mit ihm zusammen von früh bis Abend u hat in ihm ihren Meister gefunden, auch schon viel von ihm profitirt. Im Übrigen ist das Leben ganz unerquicklich, wir haben nicht einmal ordentliches Essen, u oft koche ich, obgleich wir im Wirthshaus wohnen. Das Clima ist sehr heiß, so wie Baden, bekommt uns jedoch. Von Ausbruch des Krieges an ist es mir doppelt schwer geworden hier auszuhalten, ich habe mich sehr geängstiget, um Alles, – aber wir waren ja eines guten Zweckes wegen hier, u bleiben! Meine Schwester arbeitet mit Leidenschaft, u ist glücklich, dß ihr Vieles besser gelingt als je. Ohne mich aber würde es ihr noch viel schwerer hier sein. Ende nächster Woche wollen wir nach Haus, u dann noch über September nach Schmiedeberg ins Gebirge, wo es im Herbst noch herrlich ist. Dort finden wir meine Nichte mit den Knaben u werden noch mit ihnen zusammensein. Dann ist wieder ein Sommer vorbei, – ein inhaltschwerer! was wird der Winter bringen? werde ich Sie sehen? ich freue mich immer noch, daß ich Sie wenigstens die kurzen Augenblicke auf d Eisenbahn sah! es war doch Etwas, wenn auch wenig! Gut für Sie, daß Wien so unberührt vom Kriege blieb, dort wenigstens haben nicht die Menschen all ihr Geld auf Hülfsvereine ausgegeben. Ich lese hier, neben den unsrigen, östereichische Zeitungen, u habe darin die Mishelligkeiten bei Einleitung der Beethovenfeier begegnet, – habe mich herzlich gefreut über einen prächtigen Brief von H. Joachim,[an das Comitee] welcher ganz abgedruckt war. Hoffentlich ist d Krieg [bald] zu Ende, die Feier findet statt, u H. Joachim kommt dann auch nach Wien, mit Ihnen – in Gedanken bin ich in der Reise, leider hat man nur von solcher Gedankengegenwart gar zu wenig!
Nun muß ich mich aber entschuldigen dß ich so lang geschrieben u Ihnen durch das Lesen Zeit gekostet habe, warum schreiben Sie aber daß ich „bald mal schreiben“ sollte! das lasse ich mir nicht 2 Mal von Ihnen sagen! Gott behüte Sie, theuerste geliebte Frau Schumann, behalten Sie mich lieb, u grüßen sie meinen lieben Felix u auch Eugenie36 herzlichst.
In inniger Liebe
Ihre
treue Elisabeth

  Absender: Werner, Elisabeth (1691)
  Absendeort: Feldberg
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
654-660
 



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