19.12.2019

Briefe



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ID: 19718 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 03.04.1878
 

Breslau d 3t April 78
Theure, geliebte Frau Schumann
Wie sehr hat mich die heut von Ihnen erhaltene Nachricht bewegt! ich kann seitdem nichts Anderes denken und recht verschiedenartige Empfindungen habe ich dabei. Natürlich überwiegt die herzlichste Freude, denn es ist Ihnen ja Gutes u sehr Erwünschtes geworden, eine schöne Aussicht bedeutungsvoller Thätigkeit für spätere Jahre u eine Ihnen Allen erwünschte Auflösung Ihres berliner Lebens, die durch eine willkürliche andere Wahl viel schwerer geworden wäre. Wie wird sich Marie freuen! u ich freue mich, daß Ihre Lehrthätigkeit noch eine umfangreichere u segensvollere sein wird – ich wollte ich wäre jung u könnte nun nach Frankfurt gehen mich in der Musik auszubilden! Möge Alles so werden wie Sie denken u wünschen, dann haben Sie einen schönen Mittelpunkt für Ihr Leben! ich las in den Signalen daß Stockhausen auch nach Frkft übersiedeln werde – das ist wohl im Zusammenhang mit dem neuen Conservatorium? Die Leute dort sind klug, Sie um jeden Preis zu gewinnen – eben so klug als die Berliner dumm die Sie nun fortgehen lassen, das ist wirklich arg! Sie werden Sich aber, glaube ich, wohler fühlen in Frkft. u die Mädchen auch. Aber – u das zieht mir wie ein dunkler Schatten durch den Sinn – uns werden Sie weit entrückt, für mich unerreichbar – u werden Sie noch zu uns kommen? Weigels in Stuttgart – Sie in Frankfurt – das ist für mich so gut wie im Monde! Wie oft habe ich eine so herzliche innige Sehnsucht nach Ihnen, dß es mir schwer wird sie zu unterdrücken u wenn ich nun denken sollte, daß ich Sie nie mehr sehen oder spielen hören soll, – dann würde mein Leben um ein ganz Theilchen dunkler werden! Nun wollte ich doch ich könnte Sie noch einmal in Berlin sehen u bedauere daß ich mir dies so gut wie unmöglich gemacht habe, – meine Schwester hat nämlich gestern an Steinrück’s geschrieben u eine wiederholte freundliche Einladung für uns Beide für mich entschieden abgelehnt. Meine Schwester wird im Mai auf 8 Tage nach Berlin gehen u wollte Ihnen schreiben, um zu fragen ob Sie auch dann noch dort sein würden, denn sie möchte Sie doch gern sehen. Ich hatte abgelehnt, käme ich nun doch, so würde offenbar, daß es Ihretwegen geschieht u das würden Steinrücks unfreundlich finden. Heut will es mir noch nicht in den Sinn daß ich Sie nicht mehr sehen soll bevor Sie so weit fortziehen – aber ich fürchte ich kann es nicht möglich machen. Bei Ihnen wohnen könnte ich auf keinen Fall, theuerste Frau, aber auch von Steinrücks aus dürfte ich ja bei Ihnen sein u Sie öfters sehen. Anbei erhalten Sie das mir so theuere kleine Buch. Der Verfasser war allerdings ein Prediger in Breslau, ein sehr geistvoller Mann, sehr freisinniger Theolog, Professor Dr. Suckow, Posgaru ist sein Pseudonym. Wenn Sie Zeit haben das Vorwort durchzulesen, werden Sie gewiß Manches finden das Sie interessirt, u jeder Strich den die theure Hand gemacht hat ist mir wie eine persönliche Äußerung dessen was er besonders beachtet u dabei gedacht hat! Wer sich besonders für die erste Anregung zur Manfred-Musik interessirt, wird gewiß gern diese Einleitung lesen. Schade daß Prf. Suckow sie nicht erlebt hat, wie würde er sich gefreut haben! Noch muß ich bemerken, daß wahrscheinlich Suckow nie den Namen Schumann gehört hat, deshalb wandte er sich an Mendelssohn; ebenso wenig auch wußte er wohl von Wagner. Das Büchelchen bekomme ich aber wieder, nicht wahr? jedenfalls ist es mir aber nur auf Lebenszeit geborgt u dann gehört es Marien – das habe ich schon gesagt. Meine Schwester trägt mir viel Grüße für Sie auf, ich hoffe sie sieht Sie im Mai in Berlin. Es ist uns recht gut gegangen in diesem Winter – äußerlich immer langweilig fort, aber behaglich, ohne ernste Sorgen , ohne Krankheit, nur meine Kopfschmerzen kosten manchen schönen Tag. Gern hätten wir hübschere Reisepläne für diesen Sommer gemacht doch will es dies Jahr noch nicht gehen es möchte dazu eine unvermuthete Einnahme kommen. Die Wünsche ruhen aber nicht u wenn wir auch diesen Sommer wieder in Schmiedeberg verbringen, so macht doch m. Schw. Reisepläne für 79. Jetzt hat sie viel Stunden, was sie oft recht angreift, doch sie ist gesund. Gottlob, daß es mit Ihrem Arm nicht schlimmer geworden ist u Sie alle Conzerte ohne Schaden durchmachen konnten – u doch geht es nur „ziemlich“ gut? Haben sie nicht gute Nachricht von Felix? Könnte ich ’mal wieder ein Stündchen mit Ihnen plaudern, geliebte Frau Schumann! Nun sehe ich noch in Ihrem Briefe die Frage ob Sie Leinwand u Saft bezahlt hätten? ja, das haben Sie! auf Heller u Pfennig! u darüber noch 1/2 Mark für Emballage, Packpapier Bindfaden Siegellack e.t.c. – was ich nicht ohne ernstes Kopfschütteln eingesteckt habe –! Das wissen Sie wohl gar nicht mehr? Leben Sie recht wohl, innige Grüße Ihnen u den Kindern u haben Sie tausend Dank für die liebevolle Einladung zu Ihnen zu kommen! Wäre ich ein Bischen leichtsinniger, das wäre hübsch, denn ich habe keine Freude an meiner Vernünftigkeit u Gewissenhaftigkeit. In alter treuer Verehrung u Liebe
Ihre
Elisabeth.

Den 4t. ich [habe] noch reiflich überlegt mit meiner Schwester u wir sind Beide zu dem Beschluß gekommen daß ich zu Haus bleibe u Sie nicht sehe – es ist nicht gut möglich zu machen! Nun seien Sie mir nicht böse daß ich gestern mein Schwanken vor Ihnen ausgesprochen habe u behalten Sie u Ihre Kinder mich lieb. Grüßen Sie mir die Mädchen herzlichst ich bliebe so gern mit ihnen in einer inneren Beziehung, was ja aber bei so langer Trennung nicht möglich ist. Denken Sie, als ich gestern die erste Seite des Briefes von Mariens Hand las u mir nicht gleich klar war daß es diktirt, glaubte ich eine Verlobungs-Anzeige von ihr zu hören – möchte es kommen! ich küsse Ihre liebe Hand innig – in Gedanken!
Elisabeth

  Absender: Werner, Elisabeth (1691)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
678-681
 



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