19.12.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 19720 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 24.01.1879
 

Breslau d 24t Jan. 79.
Geliebte Frau Schumann,
Fast ist das neue Jahr schon alt geworden ehe ich Ihnen einen Gruß zu seinem Beginn sende, Sie wissen aber Alles was ich sagen kann, auch wie ich Theil nehme an dem Allem das Ihnen widerfährt, Freudigem u Traurigem. Möchten Sie Allen die Sie lieben erhalten bleiben in Rüstigkeit u Frische! Es ist mir eine Freude gewesen in letzter Zeit durch Marie öfter kleine Notizen über Ihr Ergehen u Vorhaben zu hören – wäre nur nicht immer gar so viel Trauriges dabei! Wie Schweres haben Sie durchzumachen, wie mögen Sie leiden – u Niemand kann es lindern! Als ich hörte daß Sie nach Basel gereist seien, nahm ich gleich die Karte zur Hand um nachzusehen ob nicht Breslau ebenso leicht von Frkft zu erreichen sei – aber nein, es ist doch leider viel weiter. Aber Gottlob daß Sie gesund genung sind um solche Reise zu unternehmen. Recht herzlich gesehnt nach Ihnen habe ich mich besonders in den letzten Tagen, um Ihnen mündlich erzählen zu können wie ich nun endlich den Manfred gehört habe! Es hat mich innerlich unendlich beschäftigt u war einmal wieder eine Erwärmung u Belebung des ganzen inneren Menschen. Doppelt für mich, denn einmal ist Byron’s Manfred ein noch immer geliebter Begleiter meiner melancholischen Jugend, u dann ist die Musik so herrlich, daß ich meine, Ergreifenderes nie gehört zu haben. Der Gedanke beglückt mich doch sehr daß ich wahrscheinlich mit beigetragen habe eine Anregung zur Composition zu geben! Es ist mir eine stille Freude wenn ich daran denke. Am 21t war die Aufführung u noch tönen mir die Klänge in den Ohren – es war herrlich! Dettmer sprach sehr schön, sein Organ klang wundervoll, besonders in der Ansprache der Astarte – ist das aber ergreifend! da unterscheidet man nicht mehr Dichtung u Musik, sie stehen auf gleicher Höhe, wie ein u derselben Menschenseele entsprossen, – unvergeßlich ist mir das! Von dieser Sonne kann man doch durch den Clavierauszug keine Vorstellung bekommen, die Musik zur Ersch. der Alpenfee klingt aber von den Geigen nicht so gut als auf dem Clavier, besonders von gewissen sehr geliebten Händen gespielt, wo auch manches Andere noch weicher u inniger klingt. Ich wollte, ich könnte den Manfred einmal auf der Bühne hören, die Conzertaufführung scheint mir doch manche Schwierigkeiten zu haben. Der Kürnberger’sche verbindende Text hat böse Stellen, die der Dichtung bis zur Entstellung Gewalt anthun – aber es mag sehr schwer sein solchen Text vollkommen befriedigend zu liefern. Aber die Musik macht wieder gut, was das Wort verstimmend wirkt. H. Scholz u Buths hatten Alles dazu gethan daß sie zur vollen Geltung kam, es war eine schöne Aufführung! Innigen Dankes voll war ich für so viel Schönes u dachte Ihrer! Ein Bach’sches Orgelpräludium, von Scholz für Orchester eingerichtet, leitete sehr schön das Conzert ein, der Manfred folgte – nach diesem aber ging ich nach Haus um den vollen Eindruck mitzunehmen. Es folgte noch die Iphigenienouvertüre u Beeth.’s Fantasie mit Chören – das schien mir aber, wenn auch in allmähliger Folge, der Stimmung Gewalt anzuthun, u ich wollte den Gedanken an Manfred ungestört nachhängen. Hinter mir saß Rubinstein, welcher am folgenden Tage sein 2tes Conzert hier hatte. Den darf man aber nicht ansehen wenn genießt u sich erfreut – dessen Gesicht ist nur wie ein Vorhang vor dem inneren Menschen, gewoben aus Langeweile u Überdruß, – schrecklich sieht er aus! Und leider habe ich ihn gehört – aber nur durch einen Zufall, auf ein in der Familie wegen Erkrankung liegen gebliebenes Billet. Es war aber nicht schön. Besonders leid that es mir daß ich die Kreisleriana so hetzen hörte, als ob es darauf ankäme Zeit zu ersparen. Zuletzt, am Ende des Conzerts, war der Flügel zerschlagen – u ich auch.
Und nun muß ich wohl Lebewohl sagen, meine theure geliebte Frau Schumann, u dränge die alte Klage zurück, die meine Hoffnungslosigkeit betrifft Sie wieder zu sehen – ganz man-fredisch wird mir zu Muthe wenn ich denke wie Sie noch auf dieser selben Erde leben mit uns – u unerreichbar! Unsere Sommerpläne sind noch ganz unbestimmt, aber meiner Schwester Wünsche gehen nur nach Oberösterreich, Krain. Viel Grüße von uns Beiden an Sie u die Kinder. Möchte der arme Felix nicht zu sehr leiden!
An Marie schicke ich sehr bald die besorgten Sachen.
Behüte Sie Gott, theure geliebte Frau Schumann, bleiben Sie nur gesund u denken freundlich
Ihrer
Sie treu verehrenden
Elisabeth

  Absender: Werner, Elisabeth (1691)
  Absendeort: Breslau
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
685-688
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.