19.12.2019

Briefe



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ID: 19722 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 26.12.1871
 

Breslau d 26t Dez. 1871.
Meine theure Frau Schumann,
Eine gar freudige Überraschung war mir Ihr lieber Brief, haben Sie tausend Dank dafür! es ist mir die beste Weihnachtsfreude daß Sie mit Ihren freundlichen Worten so vor mich treten daß ich Sie zu sehen meinte. Wie wissen Sie aber auch den Menschen wohl zu thun u Freude zu machen! ich hätte aber auf Ihren Brief noch länger warten können – bis der Arm wieder ganz gut war u Sie ohne Schmerzen schreiben konnten, Sie wissen doch daß ich in solchem Fall gern warte. Es hat mir aber schrecklich leid gethan, dß auch in diesem Winter wieder die Kälte grade auf einen Ihrer langen Reisetage fiel – würden nur erst die Eisenbahnwagen geheizt! Hoffentlich ist es schnell vorübergegangen u Sie vergessen darüber den Vorsatz nicht noch viel vorsichtiger zu sein, denn Ihre kostbare Gesundheit, die Ihnen schon so viel auszuhalten hat, muß auch dafür recht liebevoll gehütet werden. Nach dem was ich bisher über Ihre diesjährige Thätigkeit erfahren konnte, habe ich mich recht innig gefreut daß Sie noch ganz in alter Weise auch körperlich so ungewöhnliches leisten konnten. Daß Sie nicht hierher kamen, darüber bin ich allerdings eine Zeit lang ganz krank gewesen vor Misstimmung, aber ich habe mir auch gesagt – wenn Sie nicht nach Wien gehen, dann liegt Breslau doch so aus dem Wege, daß Sie recht thun die Orte auszuwählen die Ihnen bequemer liegen, besonders da es deren nicht fehlt, und es trübt mir doch die Freude Sie zu sehen, wenn es eine solche Strapaze für Sie ist wie im vorigen Jahr. Warum bin ich so hierher verschlagen u gebannt, daß ich Ihnen nicht einmal entgegen kommen kann. Ja, Ihre Conzerte in Berlin hätte ich wohl hören mögen! So sehr ich es der Menschheit im Herzen gönne, daß Sie in immer reiferer Schönheit Ihre Gaben über sie ausstreuen, so bin ich doch manchmal recht von Herzen misgünstig gegen die vielen einzelnen blöden Ohren in Ihren Conzerten die nicht zu würdigen verstehen was sie hören u an deren Platz ich sein möchte. Die Musik ist überhaupt fast ganz ausgestrichen aus meinem Leben, u es ist dies eine Entbehrung, die ich doch nie aufhöre schmerzhaft zu empfinden, worüber mir keine Vernunft hinweg hilft, eine Lücke die nichts anderes ausfüllen kann, immer hin u wieder steigt die Sehnsucht nach Musik mächtig in mir auf, u wird nicht befriedigt. Dann denke ich an Sie u an all das Schöne was ich durch Sie empfangen u es ist mir als hörte ich es noch einmal, – ebenso aber, wenn ich einmal schöne Musik höre, dann stehen Sie vor meinen Gedanken, so lebendig als ob ich Sie sähe. Geliebte Frau Schumann, es ist wohl dumm daß ich das schreibe? ich thu’s aber so gern, u hätte ich Ihnen einmal wieder in die Augen sehen können, dann würde ich es nicht schreiben. Ich muß sogar noch etwas sagen. Wenn ich Sie lieb habe – und das ist ja was ganz Altes, das Sie lange wissen, so ist das ganz gewiß nicht weil ich bestochen wurde von der Allgewaltigen, der Kunst der Töne (die dergleichen ja bekanntermaßen oft zu Stande bringt) – sondern so recht eigentlich häuslich gemüthlich liegt Ihnen mein Herz zu Füßen und verehrt die Güte der trefflichen Frau u Mutter wie vielleicht wenige sie [sic] so kennen u verstehen wie ich, verehrt Sie so innig u warm wie man sich nur bei ganz Nahestehenden erlauben darf, – u das würde so sein, auch wenn nie Ihre lieben Hände ein tönendes Instrument berührt hätten u wenn Sie nicht die allverehrte große Künstlerin wären, vor der ich denn auch zu anderen Zeiten wahrhaft zurückschrecke u denke – so wie eben jetzt – ich bin aber auch recht unbescheiden u zudringlich! Aber ein Band, wenn einmal das Herz wahrhaft betheiligt war, das geht doch nie ganz zu lösen auch wenn es gelockert würde, so, wenn Sie mir von den Kindern schreiben im alten, so theuer geschätzten Vertrauen, dann ist es mir als wäre nicht eine Reihe von Jahren vergangen, als wäre es noch damals u ich theilte die Sorgen u Freuden selbstthätig mit Ihnen. ich theile sie aber auch noch immer u jedes Ihrer Kinder steht mir so nah wie damals, – wären sie doch nicht so weit u hätte ich ihre Entwickelung beobachten können, da wäre ich ihnen auch nicht so fremd geworden! Nur Marie, die Liebe, weiß noch von damals u ich finde immer dieselbe in ihr wieder, – wie gern hätte ich einmal wieder mit ihr geplaudert! Wie unbeschreiblich traurig ist es, dß Sie den nagenden Schmerz um den armen Ludwig im Herzen behalten sollen, ohne Hoffnung auf Änderung! Gott gebe Ihnen Kraft es zu überwinden, – ich meine, Sie werden das Richtige finden mit Hülfe der Freude die Sie an den anderen Kindern haben, – Sie müssen fest daran halten, daß jedes Leiden nur durch das Bewußtsein davon peiniget, u Bewußtsein fehlt dem armen Kranken; es ist ein geistiger Tod noch vor dem körperlichen, nur für die Angehörigen schmerzvoller als wenn die Natur gleich liebevoll ein Ende macht. Was Sie früher durchgelebt haben, war ja auch viel schmerzvolles, das neue Unglück ist ja nur wie der Nachhall davon!
Juliens Familienglück ist recht erfreulich u ihr Körper scheint durch diese naturgemäßen Erlebnisse ganz gesund – sie wird eine stattliche Frau werden! Daß sich Eugenie nach Ihnen sehnt freut mich aber doch. Wie viel verschiedene Verhältnisse lernt sie auch kennen! Auch mit Freude habe ich die Nachricht begrüßt daß Felix nach dem Examen mit Studiren beginnen wird. Wenn auch das jus ihn nicht besonders anziehen wird, so kann er doch andere Collegie [sic] hören die seine allgemeine Bildung fördern werden. Ach, Sie sind doch reich durch die prächtigen lieben Kinder! Bei uns geht es still u einförmig fort: meine Schwester ist fleißig in alter Weise u trägt mir herzliche Grüße für Sie u Marie auf. Mitunter empfinden wir Beide wie wenig anregend der Aufenthalt in Breslau ist u wie viel man hier entbehrt – aber wir haben ja einen guten Grund hier zu leben. Meine Nichte erwartet im Januar ihre Entbindung u befindet sich wohler als je zuvor in gleicher Lage. Ich kann mich noch nicht recht über die Erwartungen freuen – Kranksein u Sterben der beiden jüngsten Kinder haben uns Allen zu viel Herzeleid gebracht als dß ich mich ohne Befürchtungen auf ein Kleines freuen könnte. Gott gebe daß diesmal Alles anders und besser wird! Vieles ist ja schon besser, Antons Geschäft geht sehr gut, er ist zufrieden u froh u kann mit den Seinen bequem u sorgenfrei leben. Der Kaufmannsstand ist doch ganz gut – ich denke oft an Ferdinand, u wünsche ihm, dß es einst ebenso gut geht wie Anton. Doch nun muß ich wohl Lebewohl sagen u habe Ihre Zeit schon mehr als erlaubt in Anspruch genommen, Sie sind aber nicht böse u denken meiner gern einen Augenblick. Ich freue mich Sie am Weihnachtsfest in einer so befreundeten Familie zu wissen u denke Elise kommt auch zu Ihnen; da werden Sie doch gemüthliche Festtage haben. Dann weiß ich Sie in England wieder gut versorgt u Marie steht Ihnen treulich zur Seite u hilft Alles tragen – viel sind immer meine Gedanken bei Ihnen u es ist mir allemal ein Festtagsvergnügen wenn ich irgendwoher eine Notiz über Ihr Ergehen bekomme. Leben Sie wohl, theure geliebte Frau Schumann, Gott behüte Sie u Ihre Marie dazu, gedenken Sie Beide freundlich meiner u behalten mich lieb! Stets unverändert in inniger Verehrung u Liebe Ihre treu ergebene Elisabeth W

  Absender: Werner, Elisabeth (1691)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
661-665
 



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