19.12.2019

Briefe



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ID: 19723 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 07.10.1882
 

Breslau den 7t Oct. 82
Geliebte Frau Schumann,
Schon wollte ich einen Nothschrei nach Ihnen ausschicken, denn Sie waren mir wie ganz verloren gegangen, und mit der Bescheidenheit stritt in mir die Furcht es müße ein Brief von Ihnen verloren gegangen sein – so lange könnten Sie mich nicht ganz ohne Nachricht lassen, dachte ich oft – Mitte Juni hatte ich in Teplitz Ihren lezten Brief! Nun ist es richtig so, ich habe den Brf. vom 11t Aug. nicht bekommen, das ist aber wirklich hart, wenn mir bei dem ohnehin so beschränkten Verkehr mit Ihnen, auch noch Briefe verloren gehen! Bitte, schreiben Sie mir recht bald, nur per Karte, ein paar Worte: wohin Sie adressirten? da kann ich noch eine Nachfrage thun. Am 30t Juli habe ich Ihnen, ohne genauere Adresse, nach Gastein geschrieben – es war nur ein Gruß – ist er wohl in Ihre Hände gekommen? Nun herzlichen Dank für Ihren lieben, lieben, gestern erhaltenen Brief! Neben der Freude daß die Reise geglückt u ohne Unfall verlaufen, Sie troz bösem Wetter manchen Genuß hatten – bin ich doch traurig dß es mit Ihrer Gesundheit nicht gut geht. Fehlt Ihnen wohl die Cur in Kiel? ließen Sie nicht massiren? das wäre ja noch nachzuholen; so ein böser Rheumatismus erfordert doch fortdauernde Behandlung u Curen! Ich hoffe aber, wenn Sie jetzt nach u nach wieder in die Gewohnheit des Spielens kommen, wird es besser gehen als Sie denken u in der Nähe, ohne große Reiseanstrengung, werden Sie gewiß diesen Winter concertiren können. Dabei bleibt für mich sehr traurig, dß die Aussicht Sie hier zu haben wieder so in die Ferne rückt, denn, daß ich es nur gestehe, ich habe es doch für möglich gehalten daß Sie diesen Herbst nach Breslau kommen könnten! Wie unendlich gern möchte ich Sie einmal wieder sehen!! Daß Elise nun doch übersiedeln wird, freut mich herzlich; gewiß werden sie den Wohnort in Ihrer Nähe wählen, u wie viel Freude können Sie alle drei dadurch haben! Das muß für viel Sorgen über Ferdinand entschädigen! Wenn ich nun, wie ich fast fürchte, den verlorenen Brief nicht mehr wiedererhalten werde, so möchte ich doch bitten daß Sie mir noch einmal schreiben – Eugenie thut es mir gewiß zu Liebe – was Sie mir über Kalbek sagten, das möchte ich doch gern wissen. Was ich denke wissen Sie, ich kann es nur immer widerholen. Und ein Beispiel dafür, daß dergleichen auch anderwärts vorkommt (d. h. die Entziehung einer derartigen Aufgabe) möchte ich Ihnen noch erzählen. Friedrich Preller hatte vor 2 Jahren die Arbeit einer Lebensbeschreibung nebst sämmtlichem Material dem Dr. Lücke, Direktor des leipziger Museums, übergeben. Es geschah hauptsächlich auf Wunsch von Frau Toni Preller, Friedrich sagte gleich: Lücke wird mit der Arbeit nicht fertig, oder braucht 40 Jahr dazu. So war es auch, es geschah gar Nichts. Da hören wir in diesem Sommer plötzlich, die Arbeit ist schon vor einigen Monaten H. Dr. Lücke abgenommen u Prf. Roquette übergeben. es ist ohne jede Verfeindung geschehen. Dieser hat sich von Dr. L. schriftlich die Erklärung geben lassen dß er Nichts in der Sache publiciren will, ganz absteht – nun arbeitet Roquette fleißig, u Ende dieses Jahres wird das Buch wahrscheinlich erscheinen! Sie sehen also, wenn Sie es für wünschenswerth halten sollten mit H. Kalbek auseinander zu kommen, so ist das Nichts, was nicht schon dagewesen wäre!
Gewiß haben Sie Frau Lancken gesehen, da sie ja in Wiesbaden mit dem kranken Mann ist. Die Ärmste thut mir recht leid, denn ich glaube nicht daß der Mann gesund wird! Schon in Teplitz schien mir sein Zustand viel bedenklicher als ihr – ich meine, H. Lancken geht seinem Ende entgegen. – Wie mit herzlichem Dank gegen Sie habe ich gehört, welche Erholung Gertrud Behrendsen diesen Sommer gehabt hat, u mit aller Frische der Jugend hat sie das Gute genossen! Ich begreife nicht, wie man bei solchem Elend noch ein Fünkchen Lebensmut haben kann! Gertrud ist aber ein reich begabtes Mädchen u eine liebenswürdige Natur. Möchte ein sanfter Tod die arme Hedwig bald erlösen! Wir sind seit 8 Tagen daheim, können uns an die schlechte Stadtluft schwer gewöhnen, sind aber Beide sehr erholt. Ja, in Tirol sind die Überschwemmungen noch viel schlimmer als bei uns, so viel Schönes verwüstet – das schöne Lienz ganz unter Wasser! Wenn man da als Sommergast gesessen hätte!! Und nun muß ich schließen, u auch beim schriftlichen Abschied steigt die Wehmuth auf – die Jahre rollen hin, das Leben vergeht, u die liebsten Freunde so fern! Wie gern käme ich einmal zu Ihnen! wie gern einmal nach Stuttgart, wo meine liebe Weigel jetzt ihre letzte Tochter verheirathet, nach Saarbrücken, u nun mit dem kranken Mann allein ist! Recht schwer! u doch freut sich die selbstlose Mutter über das Glück der Tochter. – Viel innige Grüße Marie u Eugenien, vor Allem aber Ihnen, theure Frau! In alter treuer Verehrung u Liebe
Ihre Elisabeth

Meine Schwester sagt auch herzlichste Grüße.

  Absender: Werner, Elisabeth (1691)
  Absendeort: Breslau
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
695-699
 



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