19.12.2019

Briefe



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ID: 19726 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 16.01.1884
 

Breslau den 16t Jan. 84.
Theure, geliebte Frau!
Schon seit 14 Tagen sind Ihre lieben Zeilen vom 31t in m. Händen u heut kommt erst der Dank! er ist aber herzlich u innig, ebenso war auch meine Freude als ich las daß es Ihnen gut geht u Sie uns noch nicht vergessen haben. Sie Theure, Liebe, wenn ich höre daß es Ihnen gut geht u Sie behaglich u ruhigen Gemüts mit Kindern u Enkeln leben, so empfinde ich das, als ob mir selbst ein Glück widerführe – hätte ich die Macht dazu, ich würde das Schönste was die Erde bietet Ihnen zu Füßen legen! Aber ich bin so froh daß ich Sie in Seelennähe weiß u im Besitz so vieler herrlicher Güter – freue mich auch daß Sie die Reise nach England planen, denn das zeigt mir daß Sie Sich wohl fühlen. Sie sollen auch den lieben Arm nicht anstrengen u mir schreiben – wenn ich einmal wieder ein Karte mit einer kurzen Nachricht bekomme, so ist mir das schon sehr viel. Könnte ich statt dessen ein Viertelstündchen mit Ihnen plaudern – es wäre wohl herrlich! das fehlt mir oft schmerzlich, das ist mir so lieb u theuer, danach sehne ich mich wohl ebensosehr wie nach Ihrer Kunst! Für diesen Sommer ist nun leider gar keine Aussicht mit Ihnen zusammen zu treffen, und darüber hinaus kann man nicht denken. Es war aber doch schon öfter so – u ich habe Sie immer wiedergesehen, das ist mein Trost! Es geht mir übrigens mit der Gesundheit viel besser, ich kann meine häuslichen Pflichten erfüllen u das trägt wesentlich zu meinem Wohlbehagen bei. Bei den Kindern meiner Schwester war während der Weihnachtszeit Krankheit – wie es ja leider dort zu oft ist – doch ist jetzt Alles in der Besserung. Man muß sich bei diesen steten Schwankungen zusammen nehmen, um die innere Ruhe zu bewahren u sich nicht zu sehr zu grämen – meine Schwester thut das, Gottlob! Meine Gedanken gehen jetzt oft in den vergangenen Sommer zurück u die Freude Sie gesehen zu haben wird heller u das daran hängende Misgeschick dem Gedächtniß weniger gegenwärtig. Es war doch gar zu lieb u gut von Ihnen daß Sie mir die Sonate spielten – ich möchte immer wieder von Neuem danken für den Schatz, den Sie mir dadurch geschenkt, so wie für Ihre mir erwiesene Güte u Liebe! Solches läßt sich auch mit Dank nicht aufwiegen! Scholz’ens habe ich so beneidet, alle miteinander, daß sie zu Ihnen kommen, nun mit Ihnen in Verbindung wirken können – und sie richten sich schlecht ein! ich habe es aber gefürchtet, denn so wie hier können sie dort nicht als die Ersten u Einzigen gefeiert werden. Frau Sch. eine gute Frau für Mann, Kinder u Freunde, ist für schärfere Kritik von Fremden nicht anziehend. Vielleicht hilft die Zeit! – Und nun innige Grüße Ihnen u den Kindern von Ihrer getreuen
Elisabeth

Haben Sie nicht ein Photo von Elisen? Ich möchte gern wissen wie sie jetzt aussieht u würde das Bild zurückschicken, wenn Sie es mir zum Ansehen senden wollten! Marie hat mich wohl vergessen?

  Absender: Werner, Elisabeth (1691)
  Absendeort: Breslau
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
706ff.
 



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