19.12.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 19727 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 07.01.1881
 

Breslau den 7t Jan. 1881
Geliebte Frau Schumann,
Sie brauchen mir Ihre Theilnahme an meinem Ergehen gar nie besonders auszusprechen – ich weiß schon lange wie gut u theilnehmend Sie sind. Mir ist es auch lieber wenn Sie an mich nicht gar zu sehr als Kranke denken, denn ich bin mir mitunter selbst zuwider ob des steten Kränkelns. Übrigens ists ja so schlimm nicht, u wer eine so sorgsame liebe Gefährtin hat wie ich, der kann solch bischen Elend schon geduldig durchmachen. Nun ist es auch bald ganz vorüber. Nun herzlichen Dank für Ihre liebe Karte vom 29t u das letzte Briefchen! Wie wird sich die Leser gefreut haben! wie wissen Sie überhaupt Freude zu bereiten – auch die Schüler haben bei Ihnen so netten Weihnachtsfeier gehabt! Das schmückt Einem aber selbst die Festtage! Seit Ihrer Karte habe ich schon immerfort gerechnet ob Sie, troz des an u für sich sehr großen Honorars, aus England eine bedeutende Summe mit nach Haus bringen könnten – ich wußte aber nicht wie oft Sie spielen sollten. Nun erschrak ich, zu lesen, dß Sie den Gedanken doch noch nicht ganz aufgegeben haben, u mache mir Sorgen, in mehr als Einer Hinsicht, daß die Reise nicht gut für Sie sein könnte. Der Februar bringt vielleicht alle Winterkälte die wir bis jetzt nicht hatten u dann ist die 2malige Reise für Sie sehr schwer; auch ohne dies ist doch Ruhe für Sie sehr wünschenswerth u ist’s ein Artikel an dem Sie ohnehin nicht Überfluß haben. So freundlich u erleichtert wie früher würde Ihnen der Aufenthalt dort auch jetzt nicht mehr sein – bliebe allerdings noch die Freude vor einem dankbaren Publicum zu spielen (das ist es doch wohl?) – denn, 6000 mk sind zwar eine hübsche Summe, aber zu wenig wenn man denkt daß Ihre Gesundheit leiden könnte, u Sie wollen es doch nur haben um noch mehr fortgeben zu können, nicht für’s Nothwendige! Übrigens, so gar enorm finde ich das Honorar nicht, – wenn eine Meisterin wie Sie sich auf den Weg macht, da könnten die reichen Engländer meinetwegen noch mehr bezahlen. Mein Trost ist, daß Sie Ihre treue, fürsorgliche Marie haben, die wird gewiß abreden, wenn sie die Reise für bedenklich hält, – u wenn sie abredet, dann gehen Sie nicht – nicht wahr? Nun muß ich Ihnen noch Einiges von uns erzählen. Denken Sie, Herr Dr. Brahms hat mich besucht. Am Sonntag gegen Abend war ich allein, m. Schw. zur Geburtstagfeier ihres Sohnes bei den Kindern, da kam er; zuerst erschrak ich, er war aber sehr liebenswürdig u wir verplauderten über Velten u Pörtschach eine Viertelstunde so gemüthlich, dß ich mit Vergnügen daran zurückdenke. Daß ich im Orch. Conzert nicht sein konnte, das that mir furchtbar leid, die akademische Ouvert. soll wunderschön sein, wie m. Schw. sagt, u mir hätte gewiß auch die andere gefallen, denn ich habe für H. Brahms’ tragische Muse besondere Liebe. Und nun denken Sie, welcher glückliche Zufall, grade jetzt ist Herr Dir. Scholz erkrankt, (es wäre ja später viel unbequemer für ihn gewesen) u. H. Brahms mußte das ganze Conzert dirigiren, mir aber ist es ein so ganz besonderer Genuß ihn dirigiren zu hören (schlecht ausgedrückt) u machten sie grade diese seltenst gehörte, mir allerliebste der Beethovenschen Sinfonien (die 8t) – ach, ich entbehrte sehr ungern was ich nicht haben konnte! Aber die gestrige Kammermusiksoiree habe ich gehört. Es ging mir doch jeden Tag ein Wenig besser mit dem Fuß, u da nur noch die Treppen Hinderniß für mein Ausgehen waren, ließ ich mich hinunter u hinauf tragen. Vor Allem lockte mich die Fantasie, von der ich nie einen Ton gehört habe; es war aber auch alles Andere schön. Wie wunderschön ist der Anfang des Trio, der nahm mich ganz hin! Die Rhapsodien sind wohl neu? Eine davon schien mir besonders schön – die linke Hand schlägt stetig über, zur Fortsetzung der Melodie – liebe Frauenhände würden sie vielleicht anmuthiger vortragen. Ich möchte Alles u Jedes wieder u immer wieder hören! Aber Frl Hahn – giebt es denn gar keine seelenvolle Sängerin? Die Lieder waren so schön u das Fräulein so steif! mir schien, sprechen hat sie von H. Stockhausen gelernt, – aber singen –? Eines war häßlich in dem Conzert – das Publicum! in ganz schändlicher Weise linkisch u unbeholfen in den Bezeigungen seiner Theilnahme! Die 2 vordersten Reihen Stühle, für die Herren der Universität reservirt, fast leer! Und H. Brahms spielte den ganzen Abend u gab so auserlesen Schönes! Aber recht herzlich froh war ich daß ich hatte dort sein können! Ich lege Ihnen eine Recension ein, es interessirt Sie vielleicht etwas über die neuen Ouvertüren zu lesen, der Herr ist Musiker vom Fach, Cantor an einer der großen Kirchen. Anbei schicke ich auch die Leinwand. Ich glaube sie haben einen guten Kauf gemacht, die Lnwd. ist sehr derb u an der Schwere merkt man wie viel Garn drin steckt. Sie wird gut halten. Übrigens meldete mir mein Lnwd.mann gestern, dß er unter seinem Vorrath auch noch von der feinsten Sorte, welche Sie damals nahmen, gefunden hat. Nun leben Sie recht herzlich wohl u seien Sie mit den lieben Mädchen von uns Beiden bestens gegrüßt. Habe ich auch Ihre Zeit nicht unbescheiden lange in Anspruch genommen durch mein langes Schreiben? Sie haben mich durch Güte verwöhnt und dreist gemacht!
In treuer Verehrung u Liebe
Ihre
Elisabeth

  Absender: Werner, Elisabeth (1691)
  Absendeort: Breslau
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
691-694
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.