19.12.2019

Briefe



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ID: 19731 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 25.10.1889
 

Breslau den 25t Oct. 89
Geliebte Frau Schumann,
Mit wie herzlicher Freude empfing ich Ihren lieben, lieben Brief!
Meine Gedanken waren am 13t Sept. treulich bei Ihnen u kann ich mir wohl denken welch schöner Tag es war, obgleich ich Nichts davon erfahren als die wenigen Zeilen in den Signalen. Wenn Sie etwas Gedrucktes darüber hätten u könnten es mir schicken, würde ich mich wohl sehr freuen u es sofort zurückschicken. Gott sei Dank daß Ihnen Schönes u Erfreuendes doch in einem Maße zu theil wird, dß es Kummer u Sorge fast aufwiegt! Nie habe ich einen Ihrer Fest- u Feiertage mit erlebt – u wie glücklich würde ich sein, könnte ich mit ansehen wie Sie von Liebe umgeben u getragen werden – aber ich muß wohl zufrieden sein, mein Theil dessen was ich von Ihnen empfangen habe, ist sehr groß! Wie dankbar u bewegt denke ich der Zeiten in Berlin, in der Dessauer Straße, wenn Abends, nachdem die Kinder zu Bett gegangen, ich bei Ihnen sitzen durfte in traulichem Plaudern – wie war mir da immer so warm im Herzen, wie innig habe ich Sie verehrt! Und, ganz abgeschnitten ist es ja nicht; wenn ich auch wahrscheinlich Ihre Hand nicht mehr halten werde, so kommt doch ab u zu solch ein lieber Brief, wo mir ist, als wären Sie es selbst, als säße ich Ihnen gegenüber u könnte Ihnen in die Augen sehen! Gottlob brachte auch dieser Brief fast mehr des Guten als des Traurigen! Sie sind wohl, haben an Ihrer Kunst u Thätigkeit Freude, die Mädchen sind frisch u hoffentlich geht es auch bei Sommerhoff’s besser. Der arme Ferdinand ist nun wohl leider ein hoffnungsloser Punkt in Ihrem Leben, aber, über das Neueste bin ich doch recht erschrocken, das ist ja eine ganz krankhafte Idee u es ist das einzig Richtige, wenn Sie dem ein mütterliches Verbot entgegensetzen. Ferdinand muß doch jetzt, wie am Ende jeder Kranke, geleitet u regiert werden, u da ist es ein großes Glück wenn Sie es noch können. Mit Ihrer Enkelin Julie, denke ich wird es noch recht gut werden. Wenn Alles gethan wird ihren Geist zu bereichern durch Lernen, durch die Kunst u das Zusammenleben mit Ihnen, schließlich durch die Schule des Lebens, kann doch der Erfolg nicht ausbleiben. So begabt wie Ihre Julie sind eben sehr wenige – ist mir doch jeder Gedanke an das Kind ein erquicklicher! Seit ich Ihnen zuletzt schrieb sind nun wieder 2 Monate hingegangen u ich kann Ihnen sagen, dß es bei uns immer noch recht gut steht. Meine Schwester ist wohl u thätig u mir scheint es an manchen Tagen als ob sie jünger geworden sei. Wir leben wieder vergnügt zusammen – wenn auch in den Grenzen unseres Alters – immer vorsichtig, immer lawiren zwar, aber man kann doch froh sein u sich mitunter guten Gewissens u leichten Herzens einer Freude hingeben. Da kam dann auch neulich eine, u gleich eine recht ordentliche – Joachims Geige, die ja immer wie ein Frühlingstag ins Land kommt! welch Ehrfurcht gebietende Erscheinung ist mir Joachim, immer mehr je älter er wird, wenn er spielt! Ich hörte zum ersten Mal sein Quartett u bin in tiefster Seele entzückt über das was ich gehört habe. Drei herrliche Quartette, Schumann A moll bewegte wohl am Meisten, nicht nur mich, wie ging der 2te Satz! – wie ergriff das Adagio! ich habe es in Ihrer Seele mit gehört, Sie waren für mich ganz dabei! Das erste Mal habe ich den vollen Reiz des Quartetts empfunden, den Zauber der ganz privaten Vertraulichkeit dieser vier Instrumente, wie sie zusammen flüstern, klagen oder frohlocken – und welcher Wohllaut! Die Empfindung dabei ist verwandt dem Wohlbehagen u Glück wenn Menschen vertraulich zusammenstimmen – was ja leider eben so selten ist wie solch ein vollkommenes Quartett. Meine Freundin Weigel, die mit der Familie ihrer jüngsten Tochter nach Bonn gezogen ist, schickte mir neulich vom Kirchhof ein Cypressenzweiglein, u da ergriff mich rechte Sehnsucht auch einmal dort zu stehen u ein Dankgebet hinunter – hinauf zu schicken für die Stunde der Freude u der Erhebung welche mir Seine Gaben gebracht, von früher Jugend an. Das Gefühl des Dankes verläßt mich nicht, so lange ich lebe. Ich spiele jetzt öfter 4 händ. mit Frau Souchon –, gehe zu ihr u sie ist wirklich unermüdlich liebenswürdig u nachsichtig mit meinen furchtbaren Defekten. Aber es macht mir viel Freude, kann ich mir doch Schönes ins Gedächtniß zurückrufen, oder neu kennen lernen und – was fehlt ersetzt die Phantasie. Heut bin ich aber recht unbescheiden gewesen durch Musikgeschwätz, theure Frau, doch ich denke, Sie hören es an, nicht als Künstlerin, sondern als treue nachsichtige Freundin und ich weiß ja, Sie nehmen Antheil an meiner armen alten Person u hören gern wenn es mir gut geht. – Das ist nun jetzt in solchem Grade der Fall, dß ich mich auch leicht in die kleine Wohnung finde. Möchte sie doch noch enger sein, wenn mir meine geliebte Schwester nur gesund bleibt!
Am 31t, wenn Sie den Carneval spielen, werde ich recht herzlich u sehnsüchtig Ihrer denken, nehme mir Abends die Noten u lese sie durch. Wie freue ich mich immer wenn ich dergleichen weiß!
Leben Sie recht wohl, theure Frau, seien Sie u die lieben Töchter innig gegrüßt von uns Beiden u denken Sie freundlich
Ihrer
alten
treu ergebenen Elisabeth

  Absender: Werner, Elisabeth (1691)
  Absendeort: Breslau
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
719-722
 



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