19.12.2019

Briefe



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ID: 19732 Brieftext


Geschrieben am: Montag 12.02.1894
 

Breslau den 12t Febr. 94
Theure Frau Schumann,
Ihre beiden Zuschriften haben mich sehr beglückt u sage ich Ihnen herzlichen Dank dafür. Schon auf die lieben Worte der Karte hätte ich gern bald geantwortet, wenn nicht so viel Arbeit vorgelegen hätte, die erst fertig werden mußte. Gottlob bringt mir Ihr Brief doch neben Betrüblichem auch recht Gutes, als welches mir Joachim’s Besuch besonders hervor leuchtet. Solch ganz reine ungetrübte Freude in der Kunst kann doch viel Not u Sorge aufwiegen! Sie u Herr Joachim die Brahms’ssche [sic] Sonate – das war wohl ungefähr das Vollendetste was hinnieden von Musik gehört werden kann – u so in Stimmung! u ohne fremdes Publikum – die Glücklichen, die da haben zuhören dürfen! Brahms schreibt jetzt recht viel für Clavier – ich meine, er denkt dabei an Sie u weiß dß er Ihnen Freude bereitet u Sie anregt durch Neues. Der Tod von Billroth wird ihm recht nahe gegangen sein, ich glaube er hat einen sehr intimen Freund an ihm verloren. – Wie freue ich mich, dß es Ihnen in diesem Winter doch möglich ist in besonderen Fällen ein Conzert oder Theater mitzunehmen – es ist auch mitunter gut sich etwas zuzumuten, wenn es irgend geht ohne Schaden, das regt den ganzen Menschen an. Meine Schwester hat an Marie geschrieben um ihr die Adresse von Gertrud Behrendsen mitzuteilen. Sie that es sehr gern, denn sie hat Marie so lieb dß sie ihr gern einmal schrieb. Es geht aber meiner Schwester gar nicht gut mit der Gesundheit u in ihrem Alter darf man auch auf Besserung nicht viel hoffen, es ist nur so ein hinlavieren. Sie hat aber Gottlob nicht viel Schmerzen – das Herz will nur manchmal nicht recht fort u das sind angstvolle Stunden. – Wie unnötig unglücklich machen sich die Menschen doch oft das Leben. Die Zerwürfnisse bei den jungen Scholz’ mögen recht peinvoll für Sie sein, da Sie so viel davon hören – warum geht aber nur die junge Frau nicht zu ihren Eltern? wegen der Kinder? Die haben aber auch Nichts davon wenn sie so zwischen den Eltern stehen. Die armen Kinder! Diese Ehe ist aber schon in den ersten Jahren recht schlecht gewesen, ich hörte damals schon davon. Als sich Richard Scholz verlobt hatte, sagte seine Mutter: so ein dummer Bub’ u macht solch ein Glück! – das war der richtige Standpunkt, auf dem hätten die Eltern Scholz bleiben sollen. Eltern können in solchem Fall doch Manches mildern, wenn sie nach beiden Seiten gerecht bleiben u nicht Partei nehmen. Richard Scholz muß aber ein roher Mensch sein – warum nur nehmen die alten Gude’s ihre Tochter nicht zu sich? Scholzens würden ihr die Kinder schon geben, denn sie kosten ja viel Geld zu erziehen. Ich wollte, Sie hörten nicht so viel davon, es ist zu quälend! fürchten Sie Nichts, ich spreche Niemandem von dem was Sie über Scholz schrieben. – Viel mehr noch als dies hat mich das Stockhausen’sche Unglück bewegt. Daß sie die Tochter verloren thut mir zu innig leid – sie hatten ja wohl nur die 2 Kinder? – u Emanuel hat ihnen auch durch Verlobung u Entlobung Kummer gemacht. Staar-Operation, wie traurig! Vollkommene Heilung ist da selten, aber sie kommt doch vor, Gott gebe dß sie Stockhausen zu Teil wird. – Ja, so nimmt man, wenn man alt wird, immer noch an den Sorgen der Freunde Teil – neben den eigenen. Mit recht herzlichen Segenswünschen sehe ich der Aufnahme Ihres Enkels in Ihrem Hause entgegen u hoffe, es wird keine gar so große Last für Sie sein, wie die liebe Eugenie fürchtet. Es wird ja kein widerspenstiger, schwer zu behandelnder Junge sein – Sie schrieben einmal er sei liebenswürdig – Sie haben Raum für ihn, Marie übernimmt ihn u wird ja treulich darüber wachen, dß Ihnen keine Beunruhigung dadurch erwächst. Nun Sie es einmal so entschieden haben – u es scheint mir durchaus richtig – lassen Sie Sich auch dadurch nicht beunruhigen dß Eugenie u Ihr Herr Schwiegersohn dagegen sind. In einer größeren Familie stimmen doch nie Alle ganz überein – u nach Einer Seite hin kann man doch immer nur handeln. Ich denke, es wird gehen mit Ferdinand – u geht es schließlich doch nicht, dann hat er durch den Versuch nur Segen für seinen inneren Menschen, auch schon dadurch dß er in Ihrer Nähe sein u Sie näher kennen lernen durfte. Ihres Sohnes Ferdinand Kinder sind Ihnen nun einmal vom Schicksal gegeben – Sie müssen für sie sorgen u ich hoffe zu Gott Ihr Leben wird dadurch nicht getrübt. Sie haben mit Julie Schönes erreicht u die Anderen sind gut geartet u werden gewiß auch gut. Julie wird Ihnen gewiß fehlen wenn sie fort ist – es ist auch Schade daß sie nicht noch ein Wenig in die Welt kommt, wie im vor. Jahr bei Frl Wittgenstein. Aber Ilona – es ist doch eigentlich nicht zu begreifen wie ein Mädchen so dumm sein kann, Ihnen nicht auf Knieen dankt dß Sie noch mit ihr studieren wollen. Sie büßt es aber, denn ich habe einige recht ungünstige Recensionen über sie gelesen, worin es hieß, dß es mit bloßer Virtuosität nicht genug sei, dß man auch wolle Empfindung u Verständniß hören. Ich habe bei ihrem Spiel einmal, was mir selten kommt, Freude am rein Technischen gehabt, an der reizenden Leichtigkeit der rechten Hand bei Piano-Passagen. Ich habe neulich die Kleeberg gehört. Eigentlich ging ich nur einer Brahmsschen Sinfonie wegen ins Conzert. Die Kleeberg spielte das A-moll Conzert, an dem ich keine reine Freude mehr haben kann. Es ist mir allzu sehr mit Ihnen verwachsen, ich empfinde es schon als falsch daß Sie nicht am Clavier sitzen u eine schmerzende Sehnsucht überkommt mich. Frl Kleeberg soll berühmt sein eben dieses Conzertes wegen u spielt es überall. Sie bringt aber keinen ordentlichen Ton aus dem Clavier, ich dachte, wie tönt u klingt das Alles so anders bei Ihnen! Und das herrliche Passagenwerk, das unter Ihren Händen Geist u Leben sprüht, wird dort zu matten, leisen Begleitungsfiguren. Nein, das A-moll Conzert nicht mehr ohne Sie! Sehr selten komme ich noch in ein Conzert, es ist mir auch so schwer meine Schwester allein zu Haus zu lassen – u sie hört doch auch so gern Musik. Nächsten Sonnabend aber werde ich Frau Joachim u ihre Tochter hören, dazu bringt sie noch einen Geiger u einen Clavierspieler mit. Kürzlich haben mir 2 Freunde 4händig nochmals das Clarinetten Quintett von Brahms vorgespielt u ich fange an die Schönheiten davon zu hören u zu empfinden – ach wie innige Sehnsucht habe ich oft nach Musik, fast mehr als sonst je – ich bin darin zu kurz gekommen im Leben! Viel, viel herzliche Grüße sage ich Ihnen, theure, geliebte Frau – könnte ich doch alle Sorge u alle Beängstigung aus Ihrem Leben auslöschen u Sie nur mit Hellem, Freundlichen umgeben! Wir armen Menschen müßen aber geduldig tragen was uns auferlegt ist, zufrieden sein wenn hin u wieder ein Sonnenstrahl kommt. Herzliche Grüße an Marie!
In treuer Verehrung u Liebe Ihre
alte Elisabeth Werner

  Absender: Werner, Elisabeth (1691)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
737-742
 



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