19.12.2019

Briefe



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ID: 19733 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 18.07.1894
 

Krummhübel d 18t Juli 1894
Geliebte Frau Schumann,
Wie haben Sie mich wieder erfreut durch den lieben Brief! oft hatte ich schon nach Nachrichten gebangt, denn meine Gedanken wußten Sie nicht zu finden – Gott sei Dank, daß der Brief doch auch Gutes brachte u ich Sie in schöner Natur behaglich weiß. Ich würde Ihnen auch umgehend geantwortet haben, wenn es mir mit der Gesundheit besser ginge – aber seit Anfang Mai hat sich wieder, wahrscheinlich, mein altes Unterleibsleiden gezeigt, von dem ich für den Rest meines Lebens befreit zu sein meinte, da ich seit 14 Jahren nichts mehr spürte. Was es eigentlich ist, weiß ich nicht u werde wohl im Herbst noch einen Specialarzt consultiren müßen. Wir hatten bis jetzt einen schlechten Sommer, gingen Mitte Mai hierher, dann kam 6 Wochen lang Regen u Kälte bei absoluter Einsamkeit, meine Schwester war den Juni über recht unwohl, dann erholte sie sich zum Glück. Nun geht es mir wieder schlechter u ich kann nicht weiter als bis auf die Veranda gehen, liege auch meist, sogar oft im Bett. Ich hoffe ja, daß es besser wird – daneben kann ich mich aber recht düsterer Gedanken nicht entschlagen – wenn mich ein schweres Siechtum trifft, würde meine Schwester furchtbar darunter leiden. Wie viel besser haben Sie es als m. Schw., mit der jungen, lebensfrischen, gesunden Gefährtin u Pflegerin die Ihnen Marie ist! Sie werden es in diesem Sommer sehr schön haben u gewiß ist es das Beste u Behaglichste dß Sie mit eigener Wirtschaft an Einem Ort fest bleiben – da ist man zu Haus! Und nun haben Sie die Kinder alle bei Sich, das ist auch so schön! Marie hat auch eine herrliche Aufgabe – für Sie alle Alle Behagen zu schaffen. Die liebe Eugenie, wie werden Sie sie genießen, u Ferdinand „studirt fleißig“ – wie freut mich das! Julie, denke ich mir, macht das durch, was die meisten jungen Mädchen im Hause an Unliebenswürdigkeit durchmachen – die Vernunft kommt mit den Jahren u der Grund den Sie legen bleibt, wenn Sie es jetzt auch nicht sehen. auch über das Verhältniß zur Mutter u über deren Wesen wird sie erst später klar sehen. Es ist ja ein Unglück für Sie Alle. –Ja, könnten wir in Ihrer Nähe sein! daran darf ich gar nicht denken. Nun zu der Sache wegen der Briefe. Wie sollte ich darüber böse sein! – Daß ich bei meinen Lebzeiten Ihre Liebe u Güte nicht mit Verrath lohnen werde – das wissen Sie. Aber die vielen Indiscretionen, die durch Veröffentlichung vertraulicher Briefe geschehen sind mir ja nicht unbekannt u ich erkenne es vollkommen berechtigt an, daß Sie vorsorglich sind. Sie haben ganz Recht. Meine Schwester u ich haben in diesem Frühjahr Stöße alter Correspondenz die m. Schw. auch nicht einmal in d Hände Ihrer Kinder wollte gelangen lassen, gesichtet u verbrannt. Bei mir sind Ihre Briefe sicher, aber ich kann ja unvorhergesehen sterben, in diesem Gedanken habe ich schon vor einigen Jahren alle Ihre u der Kinder Briefe – es fehlt kein Blättchen – zusammengepackt, versiegelt u Ihre Adresse darauf geschrieben. Wenn ich nun im Herbst nach Hause komme, werde ich die darauffolgenden Briefe bis auf den letzten noch dazu packen – dann fehlen nur ein paar Blätter, die ich auf Ihren Wunsch verbrannt habe – u schicke sie Ihnen so bald Sie mir schreiben daß Sie zu Haus sind. Wie ich es dann mit den Briefen, solange ich noch lebe u Sie mich mit einem gütigen Wort erquicken wollen, machen soll – das sagen Sie mir dann. M. Schw. hat z. B. auch Frau Försterling gefragt ob sie ihr ihre Briefe wieder schicken soll. – Im Frühjahr habe ich mich einmal wahrhaft erschrocken über solch eine Publikation. Billroth war kaum begraben, da ließ Herr Hanslik einen Brief – den letzten, wenig Wochen vor den Tode von Billroth an ihn geschrieben – abdrucken, worin er ganz vertraulich über seinen Gesundheitszustand schreibt u sagt: dies sei aber nur für ihn ganz allein! Nun hat das ja wohl nicht geschadet, war aber doch unnöthig – u wie kann man so etwas thun? Sie haben es damals wohl auch gelesen. Ja, diese Publicisten u Litteraten haben einen anderen Begriff von der Öffentlichkeit als Unsereiner – es muß Alles gedruckt werden. Ich lege Ihnen ein kleines Druckstück aus der Riesengebirgszeitung bei, von Rosegger, das Ihnen vielleicht Spaß macht zu lesen. Eigentlich schlägt es auch in das obige Thema, ist aber einmal eine Indiscretion, nicht gegen Andere, sondern gegen sich Selbst. Wie kann man es dem großen Publicum erzählen, wenn man solch eine kolossale Dummheit macht wie Rosegger – sich nicht zu vergewissern über die Persönlichkeit die vor ihm sitzt – u hinter ihm liegt die Karte. Es muß aber Alles gedruckt werden – wird auch per Linie bezahlt! Daß Sie beim Musikfest in Basel nur einen so geringen Teil haben genießen können, nicht die Musik, nicht Joachim, – das war mir recht weh zu lesen! Es wird doch der Mensch meist an der Stelle getroffen wo es am Wehesten thut! Aber nein, Sie haben noch Theures, Schönes das Ihnen ungetrübt ist u ich freute mich doch dß Sie wenigstens hingehen konnten. Das wäre uns Beiden unmöglich gewesen, ich werde bald zu Haus kein Concert mehr hören können, obgleich ich feiner höre u die Musik lebendiger fühle als früher je. Wunderbar, wenn man erst recht reif u verständig geworden ist durch die harte Schule des Lebens – dann geht der Körper zu Ende u man hat abzutreten vom Schauplatz. Die Räthsel des Lebens begreift man nicht. Nicht einmal Herrn Emanuel Stockhausen; man kann sich doch gar nicht denken, welche Vorgänge ihn u seine Schöne regiert haben. Für die Eltern aber ein rechter Kummer. Vielleicht renkt der junge Mann sein Leben doch wieder ein – die Schauspieler sind doch ein besonderes Volk, da geht Manches das wir uns nicht denken können. Daß Stockh.’s noch ein Töchterchen haben wußte ich nicht, wie gut ist es! Ich habe das innigste Mitgefühl für Stockhausen – wie hat auch ihn das Schicksal gepackt! Haben Sie denn das Tönen in den Ohren auch im kleinen Raum? auch wenn Sie Selbst spielen? u lindert es keine Nervenstärkung? es ist doch wohl nur nervös? Ich erzählte Ihnen wohl dß ich das Clarinettenquintet im 4 h. Arrangement kennen lernte, meine Freunde, denen ich es gegeben hatte, spielten es mir vor. Dann schrieben sie an d Kammermusik Verein des Orchest. Ver. die Bitte es aufführen zu lassen u bekamen d Antwort: – die Clarinet-Partie wäre zu schwer, könnte nur Einer spielen den Joachim aufgefunden u der sei zu theuer für den Orch. Ver. (!) Dieser Eine wird wohl der von Ihnen genannte sein. Sie fragen so freundlich nach Oswalds Frau – Minna Kuhlmann. An der haben wir herzliche Freude. Es ist eine prachtvolle Frau, tüchtig, warmherzig, fleißig, praktisch u hat, so weit man jetzt sieht, die Bühne ganz vergessen. Sie hatte auch wohl eingesehen dß unsere heutige frivole Bühne u all die Intrigen u Kabalen Nichts für sie war. Geblieben ist ihr nur ein nobles Kunstinteresse. Sie ist ja eigentlich nur in idealen Rollen aufgetreten. Seit März hat sie einen Sohn, den sie selbst stillt u treue Mutter ist. Wir haben die Photographie des Urenkels m. Schw. bekommen – es ist ein reizendes Kind. Gott erhalte Alles so. H. Devrients Tod hat bei uns sehr tief eingeschlagen, besonders bei Minna, sie hat einen zweiten Vater u treuen Freund verloren. Aber die Pflicht, der Kinder wegen sich zu beruhigen, hat ihr geholfen. H. Devrient hat ganz unvermuthet der Schlag getroffen. Er war schon länger herzleidend u da hat die aufregende Thätigkeit ihm wohl nicht gut gethan. – Doch nun zum Schluß, ich darf auch nun nicht mehr schreiben. Innige, herzliche Grüße Ihnen Allen. Mariens letzter Brief an m. Schw. war nur wieder ein so gar lieber Gruß von ihr, daß sie mir lebhaft vor Augen stand, – ich danke ihr herzlich dafür. Auch meine Schwester grüßt sehr. Gott behüte Sie, u behalten Sie mich lieb!
In inniger Liebe u Verehrung Ihre Elisabeth.

  Absender: Werner, Elisabeth (1691)
  Absendeort: Krummenhübel
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
743-747
 



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