19.12.2019

Briefe



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ID: 19736 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 24.01.1895
 

Breslau den 24t Jan. 95
Meine geliebte Frau Schumann,
Die lieben Worte Ihres letzten Briefes sind mir, wie schon oft, so wohlthuend gewesen, wie eine weiche Melodie – Sie Liebe, Theure, haben Sie innigen Dank! So liebe Worte sind doch wirklich ein Ersatz für die lange unvermeidliche Trennung u bringen Sie mir immer lebhaft vor die Seele. Daß der Arm doch noch nicht ganz geheilt, macht mich besorgt. Wie ist es denn, können Sie spielen mit dem Arm? Wie schön ist es, dß Sie Eugenien zu Ostern erwarten – u dann ist sie im Sommer wieder mit Ihnen u so bleiben Sie eigentlich in stetem Zusammenhang des täglichen Lebens. Wohnt denn Eugenie in London mit der Fillunger zusammen? Das wollte ich schon längst einmal fragen. – Wenn Sie einmal einen Blick in unser häusliches Leben thun könnten, das wäre schön! Sie würden aber sehen wie wir auch treu zusammengeschrumpft sind – eine Wohnung von 3 ganz kleinen Stuben, im Winter genügend u freundlich, aber so wie die ersten heißen Maitage kommen für m. Schw. unerträglich – u das macht mir Sorge. Denn es kann doch der Fall kommen wo wir nicht reisen können. Aber wie schwer das Finden einer anderen Wohnung u der Umzug! Es ist Alles so schwer wenn man nicht gesund ist. – Joachim habe ich neulich leider nicht hören können. Am Tage der Probe war m. Schw. unwohl –, am Conzert-Abend kam ein Besuch zu einer wichtigen Besprechung, unerwartet. Ich kann auch nie ein Billet vorhernehmen, sondern entschließe mich 1/2 Stunde vor dem Conzert u sehe e. Billet an der Kasse zu bekommen. Meine besten Musikgenüsse sind die Nachmittage wo uns, wöchentlich einmal unsere junge Musikfreundin in Lichtenbergs P.F. Magazin vorspielt – auf herrlichem Steinway! M. Schw. geht in diesem Winter auch öfters mit. Jüngst hatte ich da eine große Freude. Frau Felsmann hatte die Davidsbündler einstudirt, wie sie freundlich sagte: mir zum Weihnachtsgeschenk. Ich hatte zuerst etwas Bange davor, aber es war eine große Freude, denn das meiste gelang der kleinen Frau überraschend gut – sie hatte den Charakter der Musik ganz richtig herausgefunden u hat sie das ganz aus sich allein. Sie hat sie nie gehört – von Scholz hat sie das Verständniß für Schumann auch nicht und in den Conzertsälen machen die jetzigen Pianisten nur technische Bravourstücke aus Schumann’scher Claviermusik – da kann Keiner etwas lernen. In mir aber sind die Davidsbündler neu auferstanden u haben mir vergangene Stunden heraufgezaubert die mich wahrhaft beglücken. In Gedanken sehe u höre ich Sie nur Sie – ich umarme Sie im Geist fortwährend u küsse Ihre lieben Hände. Schon in voriger Woche wollte ich Ihnen schreiben u Ihnen einen Gruß senden, damit Sie doch wüßten wie meine Gedanken bei Ihnen sind. Die Davidsbündler sind aber auch ganz entzückend – Sie haben mir damals die Noten geschenkt, zur Erinnerung, die nehme ich jetzt oft vor u lese sie durch. Diese jugendliche Überfülle an Lebenskraft u Genialität! Neulich hörten wir gleich nach den D. B. eine Sonate von Chopin – schien dagegen der breite gleichmäßige Strom anmutigster Salon-Empfindung. Darauf 4 Stücke aus op. 76 Brahms – wunderschön, aber wie anders – Gedankenarbeit des älteren gereiften Mannes. Ich hatte von der Verschiedenartigkeit der 3 Musikstücke eine sehr lebhafte Empfindung. Hört man so selten Musik, so macht doch Alles doppelt Eindruck. In voriger Woche habe ich aber doch noch einen Kammermusik-Abend gehört. Brahms Sextett B-dur war herrlich. Dann spielte ein Dr. Neitzel aus Cöln u hat die appassionata – – heruntergehauen würde ich sagen, wenn ich mich nicht schämte vor Ihnen so zu urteilen. Jedenfalls war es sehr häßlich. Wie kann nur ein Musiker von Beruf diese Sonate so ganz ohne Verständniß spielen? Es mag wohl der Schlüssel wieder ins Wasser gefallen sein! Dann kam noch Schumann Clavier-Quartett – eben dieselben Hände lagen darauf u auch das wurde mir schwer anzuhören, es schien mir eine Entheiligung u ging ich vor dem letzten Satz. Wie Schade war es, das schöne Quartett!
Ich soll Ihnen von den Kindern meiner Schwester erzählen – da giebt es leider wenig Erfreuliches wie das ja so bei den meisten Menschen geht. Mein Neffe hat manche Sorge u sieht oft gedrückt aus. Seine Frau ist andauernd kränklich u das wirft einen trüben Schleier über das ganze Haus. Der 2t Sohn, Chemiker, hat eine schöne Stellung verloren u noch keine andere wiedergefunden. Lisbeth ist nun 23 Jahr u unser Aller Wunsch dß sie sich verheirathen möchte will sich immer noch nicht erfüllen. Nur bei Oswald ist Sonnenschein. Er ist Regierungsrath u wenn die jungen Leute auch einfach leben müßen, so können sie doch auf sicheres Vorwärtskommen hoffen. Die junge Frau ist kerngesund, fleißig u frohen Muthes, das Kind gedeiht, sie sind glücklich in ihrer Häuslichkeit. Wir waren ja nicht ohne Bedenken bei Oswalds Wahl, aber wenn die junge Frau so bleibt wie sie [bis] jetzt ist, so sind wir Alle doch sehr glücklich durch sie. Sie ward mit der Schauspielerei innerlich ganz fertig u weiß, daß sie Nichts verloren hat. Im Gegentheil – Jahr Engagement in Leipzig hat ihr gezeigt, dß sie das Theaterwesen gar nicht durchmachen konnte. Leben Sie nun wohl, theure, geliebte Frau, Gott behüte Sie u die Ihren! Ich habe wohl zu lang geschrieben, denken Sie nur aber ja nicht, dß ich auf Antwort warte, ich weiß ja wie unendlich Viele Ihnen nahe stehen u Ansprüche an Sie machen und – ich freue mich auch schon über eine Nachricht per Karte! – Viel, viel innige Grüße von uns Beiden Ihnen u Marien.
Ihre getreue alte Elisabeth.

Heut muß ich wirklich um Entschuldigung bitten wegen meiner unsicheren schlechten Handschrift – aber ich habe heut so besonders zitternde Hand. –

  Absender: Werner, Elisabeth (1691)
  Absendeort: Breslau
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
757-760
 



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