19.12.2019

Briefe



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ID: 19737 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 18.08.1895
 

Jannowitz Reg. Bez. Liegnitz
18t Aug. 95
Geliebte Frau Schumann,
ich will die Beantwortung Ihres lieben Briefes nicht bis zum anderen Monat aufschieben, denn Sie bekommen dann so viele Briefe, daß der einzelne verschwindet – also, anmaßend wie ich bin, suche ich ein ruhigeres Stündchen mir aus, Ihnen Dank für alle guten Worte zu sagen. Hoffentlich sind die gichtischen Schmerzen im Finger bald vorübergegangen u Sie konnten das erwartete Pianino benutzen. Daß Sie Sich danach sehnten las ich mit Freuden, war es mir doch ein Zeichen dß Sie Sich wohl fühlten.
Es hat mir einige schwere Stunden gemacht u thut mir jetzt [noch] recht leid – aber leider ohne daß es Etwas nützt – was ich Ihnen über die mir gesandte Photographie6 schrieb! Zu ernst ist sie ja u Sie sehen nicht so aus, das weiß ich u Anton sagte es auch, aber das kommt ja beim Photographiren oft vor u davon muß man abstrahieren können – thue ich nun auch, nehme Ihre liebe Hand u küsse sie dankbar. Seien Sie mir nicht böse – auf der Rückseite stehen so liebe Worte, die sehen Ihnen so ähnlich und lächeln mich so an! – Aber was Sie über Julie schreiben betrübt mich. Ist sie also doch nicht reifer geworden in der ganzen Zeit bei Ihnen! denn, nicht zu fühlen was sie an Ihnen u an Marien hatte, das ist wirklich kindisch u sie ist nicht mehr so jung. Das Verhältniß mit der Mutter ist gewiß daran Schuld – nun muß Julie sehen wie weit sie mit ihr kommt. Unbegreiflich ist der Mangel von Vertrauen zu Ihnen! Da habe ja ich, damals, mit 16 Jahren, als halbes Schulkind, Sie und Ihre Natur besser erkannt u verstanden! Hetten [sic] Sie doch an Ferdinand mehr Freude! Vielleicht wird ihn seine Pedanterie vor manchen Gefahren der Jugend bewahren. Ja, Sie haben eine schwere Aufgabe! Wie gern denke ich Sie aber in dem schönen Süden, behaglich eingewöhnt u die Kinder um Sie. Möchte doch der Sommer recht ungestört verlaufen u Ihnen Stärkung bringen! Gewiß kommen auch liebe Freunde in Ihre Nähe – aber, – Eine aus der Jugendzeit haben Sie nun wieder verloren, Frau Bendemann u ich weiß, wie nahe dies Ihnen gehen wird! Ja, wenn man alt wird, dann geht so Vieles vorüber, geht unter und gehört endlich der Vergangenheit an! Wir lesen jetzt eine Biographie von Anselm Feuerbach. Da gehört Alles was wir in der Jugend mit durchlebten in der Kunst – so vollkommen der Vergangenheit an! die düsseldorfer Schule die münchner, Alles überwunden hinter uns. Und es ist ja dies ganz in der Ordnung – komme man nur endlich recht viel weiter in der Kunst! Wir haben uns nun hier in die mancherlei Mängel unserer Sommerwohnung gefunden, froh dß sie der Gesundheit nicht schadeten, getröstet durch das Bewußtsein, dß es nicht in unserer Macht stand Besseres zu finden. In nächster Nähe haben wir herrliche Wälder mit ebenen guten Wegen. Es könnte gemütlich sein, wären wir nur nicht so ganz allein, ohne jede Anregung. Aber doch hat uns der Sommer Gutes gebracht – im vorigen Monat den 80t Geburtstag meiner Schwester, der ihr viel Liebes von nah u fern brachte. Die Kinder waren auf 2 Tage hier u m. Schw. machte die Unruhe brillant durch. Sie war überhaupt so frisch – u ist es noch – daß ich ganz glücklich war. Es geht ihr mit der Gesundheit sehr viel besser als im Winter, u hätte sie nicht das Herzleiden, dann würde sie auch noch mehr vom Leben genießen können. Das zweite Gute das uns wiederfahren, ist die Geburt eines Urenkeltöchterchen in Dortmund. Die junge Frau ist sehr kräftig u tüchtig, hat Alles vortrefflich überstanden, nährt das Kind selbst und ist es eine kleine Käthe – als Erinnerung an die Luther Spiele, geworden. Wir haben große Freude an der jungen Frau die meiner Schwester mit besonderer Innigkeit anhängt. Von der Bühne merkt man gar Nichts mehr an ihr u da wir sie nie als Schauspielerin sahen, vergessen wir ganz daß sie es war. Es ist ihr nur das geistig Angeregte davon geblieben. – Meine Schwester trägt mir die herzlichsten Grüße für Sie u die lieben Töchter auf. Auch ich denke in herzlicher Liebe an Beide u freue mich dß Eugenie wieder bei Ihnen ist, daß Sie sie doch immer nicht allzu lange entbehren. Könnte ich mitunter eine Stunde bei Ihnen sein! mir ist, als sei ich Ihnen nicht fremd geworden, in Gedanken lebe ich Alles mit durch was ich von Ihnen höre. In alter treuer Verehrung Ihre
Elisabeth

  Absender: Werner, Elisabeth (1691)
  Absendeort: Jannowitz
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
761-764
 

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