19.12.2019

Briefe



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ID: 19738 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 27.10.1895
 

Breslau d 27t Oct. 95
Theure Frau,
Wie immer, war auch diesmal Ihr lieber Brief, noch bevor ich ihn eröffnet hatte, eine herzliche Freude – haben Sie Dank dafür! Gottlob brachte er ja auch keine schlimmen Nachrichten, denn Vollkommenes darf man in unserem Alter nicht mehr erwarten. Sie sind leidlich wohl – das ist schon Etwas; Sie können selbst musiciren2 – das ist ein Glück u hilft Ihnen gewiß über Vieles hinweg! Das Dröhnen im Kopf hat nicht nachgelassen – wie innig leid thut es mir! ich hatte eigentlich gedacht es sei besser damit, wollte immer fragen, wagte es aber nicht. Daß Sie den Concertsaal ganz entbehren müssen ist am Ende in den meisten Fällen kein Verlust – Sie würden allerdings allemal nur dahin gehen, wo ein sicherer Genuß bevorsteht. Das Beste können Sie aber doch in Ihrem eigenen Kunsttempel haben. Ich erinnere mich mit Wonne eines Abends in der Dessauer Straße, wo Sie mit H. Brahms auf 2 Flügeln die 9t Sinfonie im Lißt’schen Arrangement spielten u ich fühlte, dß die Hände zweier Künstler ein ganzes Orchester ersetzen können. Möge Ihnen wenigstens das heilige Licht der Hausmusik immer treu bleiben! Wie schön daß Sie [die] musikalische Reife der Töchter sehen! wie sollte es auch anders sein, sind sie doch aufgewachsen, umgeben vom Schönsten u Edelsten, für das die Liebe zur Mutter ihnen das Herz geöffnet hat. Wie würde es mich interessiren Eugenie spielen zu hören – habe ich sie doch nicht gehört seit sie den „fröhlichen Landmann“ studierte! Die lieben Töchter müssen Sie entschädigen für das – eigentlich Unnatürliche das Sie an Ihrer Enkelin erfahren haben. Es ist recht traurig u fast unbegreiflich, wie das Mädchen so lange um Sie sein konnte ohne mit der innigsten Liebe an Ihnen zu hängen. Ich verstehe es nicht. Zu spät wird sie es einsehen, wenn sie das Leben kennen lernt u ihre Erfahrungen macht. Der arme Ferdinand, wenn er gewußt hätte was für Sorgen er Ihnen auferlegte! ich bin nur froh dß Enkel Ferdinand Ihnen lieb ist – Reife des Geistes u Gemüthes kommen da vielleicht doch noch. – Wir sind nun seit Ende September daheim u haben uns schließlich im Sommerquartier gut eingerichtet – Manches wurde besser u wir dachten immer des schönen Spruches „entbehre gern was du nicht hast.“ Es ist das zwar eine starke Zumuthung, aber im Alter bleibt Einem nicht viel Anderes übrig. Es war sehr einsam u seit wir zu Haus, empfinden wir den Verkehr mit Freunden wie einen wahren Carneval. Zudem ist meine Schwester recht erholt u kann Manches mitmachen, was mein Behagen sehr erhöht. Auf dem Museum waren wir u – Musik haben wir gehört, u was für schöne! Ich habe Ihnen ja schon von meiner lieben Musikfreundin, Frau Felsmann, erzählt. Sie hatte wieder ihr regelmäßiges Vorspielen alle 14 Tage angefangen u spielte was sie im Sommer studirt. Wie danke ich es ihr dß ich dadurch Neues u Schönes kennen lerne u auch beobachte wie sie immer weiter fortschreitet in ihrer Kunst. So hat sie uns jetzt die große Schumannsche Sonate „Concert sans orchestre“ vorgespielt u ich bin ganz entzückt, habe auch schon beim ersten Mal Hören u erst recht beim zweiten Mal, die großen Schönheiten herausgehört u genossen. Wie habe ich andachtsvoll bei dem Adagio mit den 4 Variationen Ihrer gedacht! Ich glaube, Sie würden Sich freuen, hörten Sie, wie die junge Frau, ganz allein aus sich heraus, sich in den Geist der Composition hineingearbeitet, sich hinein vertieft – sie hat die Sonate nie gehört – wie sie die Musik empfindet u liebt! Sie könnte die Sonate jeden Augenblick öffentlich spielen, spielt sie natürlich auswendig u hat die gewiß nicht geringen technischen Schwierigkeiten so überwunden, daß man sie gar nicht merkt – der geistige Gehalt überwiegt. Ach, es war so schön! – dann spielte sie uns ganz alte Balladen von Brahms, ich glaube op. 10, die sind zaubrisch, wenigstens war ich ganz bezaubert. Aber so melancholisch war er schon als Jüngling?! Das vierte u letzte Stück ist mir besonders ans Herz gegangen, es hat eine ergreifende Melodie u einen ernsten träumerischen Mittelsatz – da möchte ich Ihren Namen davorsetzen, wenigstens mußte ich immerfort Ihrer denken. Sollte das Tonstück nicht entstanden sein als H. Brahms in Ihrer Nähe war? Ach, es war schön das zu hören – u fast das Schönste dabei war, dß meine Schwester neben mir saß u Alles ebenso empfand wie ich. Und nun habe ich eine Bitte, die ich schüchtern vorbringe – werden Sie mich für unbescheiden halten –? – ich möchte gar so gern ein Autograph von Ihnen geschrieben haben für Frau Felsmann mit Ihrer Namensunterschrift – es würde ihr so große Freude machen u sie ist dessen nicht unwerth, vermöge ihrer großen musikalischen Begabung u ihres ernsten tüchtigen Strebens. Sie hat auch eine ihr unvergeßliche Erinnerung an Sie – als sie 16 Jahr alt war, brachte H. Scholz sie Ihnen, mit Erna Roth, da hat auch sie Ihnen vorgespielt. [bei uns in Breslau.] Was gäbe ich darum, könnte ich machen dß Frau Felsmann einmal lauschen dürfte wenn Sie spielen – was würde das ihr sein! Überhaupt ist es doch immer ein stilles Weh was mir durch die Seele zieht wenn ich höre dß Sie spielen, und nie wieder Einer von uns zuhören soll! Nun – aber, möchte dies Weh mir noch oft durch die Seele ziehen, denn noch oft, jedesmal wenn Sie schreiben, möchte ich hören daß Sie musiciren! Meine theure, geliebte Frau Schumann, wollen Sie meine Bitte erfüllen? wollen Sie mir zu Liebe einen kleinen Autograph, ein paar Worte für Frau Felsmann schreiben? sie ist so gut gegen mich – ich brauche nur zu sagen was ich hören möchte dann studiert sie es u spielt es mir vor – ich möchte ihr so gern eine Freude machen! Sie sind doch der Stern, zu dem alle ernsten, wahren Musiker gläubig aufschauen u beten – wie viel ist die kleinste Freundlichkeit, die kleinste Ermuthigung von Ihnen! Sie Theure, Geliebte! Donnerstag wird Herr Mühlfeld hier spielen u ich werde versuchen es zu hören. Es kommt wieder das Clarinetten Quintett u eine der Clarinetten Sonaten vor. Clavier Herr de Greef, welcher auch Sinfonische Studien spielen wird. Im vor. Winter spielte derselbe Herr die Variations sérieuses – die mir aber in dieser Ausführung gar nicht gefielen. Möchte er doch die Sinf. Stud. besser spielen, das würde mich so freuen. Die Enkelkinder meiner Schwester erwarten jetzt eine Versetzung u es ist nicht unmöglich dß sie nach Breslau kommen. Das wäre für uns Beide eine große Freude, denn Minna steht uns nah u hat uns lieb. Meine Schwester trägt mir herzlichste Grüße an Sie auf. Wie oft sprechen wir von Ihnen, denken Ihrer u an alte wehmütig-schöne Zeiten. Beide haben wir Sie von ganzem Herzen innig lieb! Grüßen Sie auch herzlich Marie u Elise – Eugenie ist nun wohl nicht mehr bei Ihnen, kommt aber gewiß zu Weihnachten wieder. Gottlob dß sie gesünder ist.
In treuer Verehrung
Ihre
Elisabeth

  Absender: Werner, Elisabeth (1691)
  Absendeort: Breslau
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
765-769
 



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