19.12.2019

Briefe



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ID: 19740 Brieftext


Geschrieben am: Montag 06.07.1891
 

Krummhübel S. K. Schlesien.
6t Juli 1891
Geliebte Frau Schumann,
Schon wieder ist ein Monat dahin seit ich die traurige Nachricht von Ihnen erhielt u ich kann hoffen, dß die gewohnte Arbeit u freundliche Eindrücke die schwere Stimmung Ihnen gemildert haben. Vielfach ruhiger werden Sie jetzt sein, nun des armen Dulders Qual ein Ende hat – u ich denke freudig Ihres letzten Briefes, wo Sie mir schrieben, dß Sie doch Aussicht hätten an den Enkeln für alle Sorgen auch Freude zu erleben. Ich habe immer gehofft dß die sorgsame Erziehung Julie zu einem liebenswürdigen Mädchen machen u ihre Gaben entwickeln werde. Wie weise haben Sie gethan sie in eine Haushaltungsschule zu geben, da wird doch der Grund gelegt zu praktischem Sinn u ihr Verstand wird darauf fortbauen. Marie wird ihr auch darin Vorbild u Lehrerin sein. An Ihren Enkel Ferdinand u was Sie von ihm schrieben habe ich aber recht oft denken müssen u kann mich nicht recht überzeugen dß es wirklich richtig sei seine Neigung zur Musik ganz unberücksichtigt zu lassen. Kann solche Neigung ganz ohne Anlagen sein? u wenn er auch weder Componist noch Virtuos werden sollte – könnte nicht doch ein tüchtiger Capellmeister aus ihm gebildet werden u er als solcher auf einer höheren Stufe innerer Bildung stehen? Es ist wohl unbescheiden daß ich Ihnen das sage – Sie werden ja an Alles gedacht haben – aber, es beschäftigte mich so sehr! Bach’s Söhne sind auch alle Musiker gewesen – eine ganze Künstlerfamilie, das kommt doch oft vor, es muß nur allerdings ein Durchschnittsmaß von Anlagen vorhanden sein. Herzlich danke ich Ihnen die Empfehlung des Buches über Jenny Lind, wir haben es Beide mit großem Interesse gelesen. Ich bin so glücklich sie noch gehört zu haben, allerdings nicht mehr auf der Bühne, aber als sie nach ihrer Verheirathung in Dresden lebte, in jedem Conzert das sie dort gab. Unvergeßliche Erinnerungen! Einmal sang sie in einem Osterconzert im Theater, unter Anderem im III. Theil der Schöpfung – das war schön!! Welche Arbeit u Mühe liegt aber auch in solcher Künstlerlaufbahn – der Laie macht sich das selten ganz klar. Man bekommt durch das Buch ein reizendes Bild von der seltenen Frau – wie schön ist das was Disraeli über sie gesagt hat, u die Briefe von Mendelssohn, wie an ein zartes Kind! Es giebt doch wunderbare Menschen u Jenny Lind ist so eine, wo man nicht begreift wie die Natur so etwas zu Stande bringt. Ein goldenes Wort sagt sie in einem Briefe dß es neben der Technik im Gesange auf „Moral u Geist“ ankomme – Sie würden sagen „Kopf u Herz“ nicht wahr? Das würde mir nämlich noch wahrer scheinen. –
Welch schlechten Sommer für Reisen haben wir! möchte es jetzt besser werden u Sie Sich recht erfrischen in Franzensbad u Berchtesgaden – wie herzlich wünschte ich dann Gutes über Ihre Gesundheit zu hören! – jetzt verschlucke ich eine ganze Reihe von Gedanken die immer wieder an der Unmöglichkeit hängen mit Ihnen im Sommer zusammenzutreffen – daran darf ich nicht denken es ist ja eben unmöglich. Wenn ich nur Gutes von Ihnen höre!
Grüßen Sie Ihre Töchter recht, recht herzlich mit besonderem Dank an die liebe Eugenie. Auch meine Schwester trägt mir herzliche Grüße für Sie Alle auf – Gott behüte Sie!
In alter treuer Verehrung u Liebe
Ihre Elisabeth.

haben Sie denn in späteren Jahren die Lind in England oft gesehen? Sie erzählten nie davon.

  Absender: Werner, Elisabeth (1691)
  Absendeort: Krummenhübel
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
726-729
 



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