19.12.2019

Briefe



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ID: 19741 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 10.09.1891
 

Krummhübel den 10t Sept 91
Geliebte Frau Schumann,
Zuerst sage ich Ihnen mit inniger Liebe einen Gruß zum 13t u bin voll der herzlichsten Wünsche, daß das neue Jahr Ihnen keine neuen schweren Prüfungen bringen möge u daß die Aufgaben die Ihnen auferlegt sind, sich leicht lösen lassen! Möchte vor Allem Ihre Gesundheit Ihnen keine Sorge machen, damit Sie thätig sein können u in der Arbeit den alten, bewährten Sorgenbrecher haben!
Meine Gedanken sind viel bei Ihnen in alter treuer Teilnahme, ich empfinde aber auch wie Recht Sie haben; dß es unendlich schwer ist in weiter Ferne ohne jemals mündlichen Austausch zu haben, nur durch Correspondenz in Verbindung zu bleiben. Und doch bin ich Ihnen so herzlich dankbar für jede Mitteilung, es braucht auch gar nicht vieler Worte, denn ich kenne Sie so gut, dß ich zwischen den Zeilen lese u mir Manches denke das Sie nicht schrieben. Vor Allem müssen Sie aber nie sagen, daß Sie in meiner Schuld seien, mit Briefen, ich weiß doch wie viel Sie zu schreiben u zu thun haben u wie Ihre liebe Hand eigentlich gar nicht sollte mit Schreiben angegriffen werden! Mit dem innigsten Dank empfange ich jeden Brief von Ihnen wie ein Geschenk, so auch den lieben vom 8t August. Hoffentlich haben Sie auch gutes Wetter auf dem Salzberg gehabt u es hat Ihnen der Aufenthalt wohlgethan. Wie mögen Sie aber nur die unebenen Wege dort oben noch überwinden – ist es nicht doch zu steil für Sie? Aber die Luft ist ja in der Höhe besser, u man braucht ja nicht viel zu gehen. Ich hoffe auch, Sie haben wieder erheiternden Verkehr mit alten Freunden gehabt. Möchten Sie erfrischt nach Haus kommen!
Die Erziehung der Enkel wird natürlich noch lange Sorgen u Überlegung verursachen – hoffentlich auch Freude. Gewiß denke ich, dß Nichts der Aufnahme des jungen Ferdinand in Ihr Haus entgegen sein wird – es ist ja nur natürlich wenn er bei Ihnen Musik lernt, unter Ihrer Aufsicht. Es ist ja mitunter nicht gut einen Knaben in einem Frauenhaus zu erziehen – das kommt aber doch ganz auf den Charakter an u kann probirt werden. Und dann hat er ja auf der Schule gewiß mit Lehrern zu thun u wird seine Zeit sehr besetzt sein. Sie sagten mir, der Knabe sei wohlerzogen u liebenswürdig – das ist doch vielversprechend. Ich denke, Sie thun als die geliebte Mutter was Ihnen Recht scheint – u alle Anderen stimmen bei! Wir sind nun auch am Ende unseres Sommers u werden in etwa 8 Tagen nach Breslau zurück. Der Sommer war schlecht, durchgehend naß u kalt. Doch ist die Luft immer gut u kräftig u meine Schwester hat sich erholt, wenn auch ich sehe, dß jedes Jahr von ihrer Lebenskraft fortnimmt – u die alten Leiden heilen nicht mehr! Man muß suchen durch Pflege das theure Leben noch so lange als möglich zu erhalten u der Aufenthalt hier ist die einzige Medicin für sie. Deshalb bleiben wir auch so lange als möglich, denn zu Haus sind wir von der Luft abgeschnitten.
Den 2t Theil der Biogr. von J. Lind habe ich doch auch mir großem Interesse gelesen – ich wußte doch zu wenig von ihrem Leben u kann mir nun ein Bild der eigentümlichen Persönlichkeit machen. Aber wir fanden Beide dß die Bio. zu breit geschrieben, u ohne Schaden das Ganze in Einem Band zusammengezogen werden könnte. Wenn nach jedem kleinen Brief der Herausgeber wiederholt was darin steht u es beurtheilt u erklärt – das ist zu viel! Da sind mir Briefe pure lieber. Ferner, sind die Gründe wegen derer J. L. die Bühne verließ so auf der Hand liegend, dß es der langathmigen Erklärung – wenigstens für mich, – nicht bedurfte. Wie gesagt, ich meine es ist nur Stoff zu Einem Band. Es mag doch nicht leicht sein eine gute Biographie zu schreiben! Die Chopin’s von Niecks habe ich vor. Winter gelesen, mit Interesse. Aber was ist auch da Alles hineingebracht – im Anfang eine förmliche Geschichte Polens! die ist doch wohl nicht nötig zum Verständniß Chopins – ich überschlug sie. Dann ärgerte mich die durchgehende Polemik gegen Karasowsky, dessen Chopin-Biographie mir in vieler Hinsicht fast lieber ist. Aber man erfährt manches persönliche Detail das interessirt, besonders fesselte mich was gesagt ist über seine Art zu spielen. Es werden verschiedene Urtheile darüber gegeben – unbegreiflicher Weise aber nicht die einzigen jetzt noch lebenden Ohrenzeugen – und welche! – angezogen – Frau Schumann u Frau Viardot! Sie haben doch damals Chopin gewiß spielen hören – weshalb hat Niecks Sie nicht um eine Aussprache darüber gebeten? Chopin’s Leben u Persönlichkeit ist oft gar so Mitleid erregend – darum thut es oft weh. Ob der Biograph da Manches hätte mildern können? – gewiß! Wie gern möchte ich noch Mehreres über das Buch Sie fragen – es geht schriftlich doch nicht. Ich habe damals, als ich das Buch las, Ihnen schon darüber geschrieben, u gefragt ob Sie es kannten. Dann ist jetzt noch eine Biographie erschienen die wir gern lesen wollen, Hölderlin von Dr. Lietzmann – das ist doch wohl Ihr Freund, früher in Kiel? – das wird aber wahrschscheinlich [sic] sehr traurig sein u Sie dürfen dies Buch nicht lesen. Hätte ich nicht Hölderlin lieb seit meiner Jugend, würde ich es auch nicht lesen. Meine geliebte Frau Schumann, ich muß wohl recht um Entschuldigung bitten dß ich so viel geplaudert habe – u immer empfinde ich das Ungenügende des schriftlichen Ausdrucks – seien Sie mir nicht bös, auch wenn ich über Sachen spreche, die ich wohl nicht verstehe! Viel herzliche Grüße u die besten Wünsche soll ich Ihnen von meiner Schwester sagen. ich auch grüße Sie und die Töchter von ganzem Herzen – möchte der 13t für Sie Alle ein froher Tag sein, möchte er Ihnen von allen, allen Seiten reiche Liebesbeweise bringen – könnte ich doch auch etwas thun Sie zu erfreuen!
In alter treuer Ergebenheit
Ihre Elisabeth W.

  Absender: Werner, Elisabeth (1691)
  Absendeort: Krummenhübel
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
729-733
 



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