15.07.2019

Briefe



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ID: 19760 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 16.05.1863
 

Hochverehrte Frau!
Beikommend erlaube ich mir, Ihnen meine zweite Sonate in E dur, die vor Kurzem erschienen ist, zu übersenden mit der Bitte, die Dedikation, welche ich gewagt habe als ein schwaches Zeichen meiner Verehrung und Dankbarkeit für Sie auf den Titel zu setzen, freundlichst annehmen zu wollen.
Ich hätte mein Opus Ihnen schon vor einigen Wochen, sofort nachdem ich es erhielt, schicken sollen; aber Rieter hatte mir in Aussicht gestellt, daß mein kleines Stück op 13, welches ich auch so gern Ihnen mitgetheilt hätte, gleich nachher in meine Hände gelangen sollte; und das hat sich nun doch bis vor einigen Tagen verzögert. Meine Sonate spielte ich Ihnen bald nach dem ersten Niederschreiben im Herbst 59 vor; ich habe seitdem – zum großen Theil in Folge Ihres freundlichen Rathes – manches geändert, und hoffe jetzt, daß Ihnen das Stück nicht ganz mißfallen möge, damit Sie mir der Dedikation wegen nicht böse zu sein brauchen. Das kleine Terzett op 13 ist mir ein anspruchsloses Stimmungsbildchen, klingt aber ganz gut und hat hier und anderswo, wo es gemacht wurde, gefallen. Meine Variationen op 11 kennen Sie, hoffentlich sind auch diese Ihnen nicht ganz unwillkommen. Leider haben wir im verfloßenen Winter nicht die Freude haben können, Sie hier zu sehen. Oft und oft habe ich es unserm Comite vorgeschlagen, konnte es indeß aus finanziellen Gründen nicht erreichen. Durch die provisorische Uebersiedlung unserer Conzerte in ein nicht der Stadt zugehöriges Lokal, für welches wir sehr bedeutende Miethe und Einrichtungskosten zahlen müssen, sind wir in den letzten Jahren in finanzieller Hinsicht so beschränkt gewesen, daß wir – mit Ausgaben der Passion, für welche fremde Gesangkräfte durchaus nöthig waren, und eines einmaligen Auftretens von Stockhausen in unserm ersten Abonnementsconzert – nur mit einheimischen oder nicht bedeutenden auswärtigen Kräften uns behelfen mußten. Auf Sie, mit Joachim, die endlich einmal wieder hier zu hören, schon so lange mein und vieler Musikfreunde innigster Wunsch war, haben wir leider verzichten müssen. Sie wissen, daß unsere Conzerte von der Stadtverwaltung gegeben werden, die, wie es in der Natur der Sache liegt, viel mehr finanzielle Rücksichten nimmt, wie eine Privat-Conzertgesellschaft, welche nur aus Musikfreunden besteht. So kommt es, daß Aachen, welches sonst in musikalischer Hinsicht durch seine Chor- und Orchesterkräfte mir so große Freude macht, doch in finanzieller Beziehung weniger liberal ist, als manche andere oft nicht so große Städte. Es ist zu sehr Fabrikstadt; ein Drittel seiner Bevölkerung sind Fabrikarbeiter, – und die Fabrikherrn, die reichen Leute, gehen großentheils in ihren industriellen Bestrebungen so ganz auf, daß nicht viele unter ihnen sind, die für die Musik ein warmes Interesse haben. – Wenn nach dieser Seite hin manches besser sein könnte, so darf ich andererseits mit großer Freude von unsern Chor- und Orchesterleistungen Ihnen erzählen. Ich wünschte, Sie hätten unsere Aufführung der Matthaeus-Passion gehört, gewiß hätten Sie Sich darüber gefreut. Fernen haben wir Händels Athalia, das neue Requiem von Scholz, Mendelssohn’s Lobgesang aufgeführt, und schließen unsere Conzerte am 31ten mit der Eroica und Händel’s Alexanderfest. Besondere Freude hat mir und dem Chor auch das „Neujahrslied“ Ihres Mannes, von welchem wir in diesem Winter außerdem noch die D moll sinfonie, sowie die Ouvertüre zu Genoveva und Manfred aufführten, gemacht. – Große Hoffnungen habe ich von der Vollendung unseres neuen Conzertsaales, die im August bevorsteht. Hoffentlich wird damit unser musikalisches Leben einen abermaligen Aufschwung nehmen, und so im nächsten Winter manche Wünsche realisirt werden, deren Erfüllung in den verflossenen Wintern unterbleiben mußte. – Werden wir uns nicht in Düsseldorf sehen? Die Lind und Stockhausen zusammen zu hören, wird immerhin sehr interessant werden, wenn ich auch wegen der Direktion ganz andere Ansichten habe als das Düsseldorfer Comite. Was haben Sie zu Joachim’s Verlobung gesagt? Uns hat sie außerordentlich überrascht. Fräulein Weis haben wir im vergangenen Sommer als ein sehr liebenswürdiges Mädchen kennen gelernt; wir (ich und meine Frau) waren einige Tage in Bieberich mit ihr zusammen.
Leben Sie wohl, hochverehrte Frau, sein Sie aufs herzlichste von uns allen gegrüßt, ganz besonders von meiner Frau, und gedenken Sie freundlichst
Ihres
immerdar treuergebensten
FWüllner

Aachen d 16ten Mai 1863.

Ich adressire das Paket an Frl Leser in Düsseldorf, weil ich Ihre augenblickliche genaue Adresse nicht weiß.

  Absender: Wüllner, Franz (1739)
  Absendeort: Aachen
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
 



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