19.12.2019

Briefe



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ID: 19784 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 01.08.1863
 

Verehrte Frau!
Es war die höchste Zeit, daß ich alle Energie, die ich auftreiben konnte, zusammennahm, und mich von dem schönen Baden losriß; mein Regisseur war, als ich nach Wiesbaden kam, außer sich; manche Unterhandlungen, die ohne meine allerhöchste Sanction nicht weitergeführt werden konnten, hatten sich zerschlagen, der ganze Geschäftsgang stockte, und es wäre in der That gewissenlos gewesen, wenn ich noch länger vergessen hätte, daß ich außer dem Menschen und Musikanten auch noch Kapellmeister bin. –
Ich habe es in Baden nicht über die Lippen gebracht, Ihnen ein Wort des Dankes zu sagen; mit der Feder geht es mir noch schlimmer; sie ist unfähig, Gedanken und Empfindung so auszudrücken, wie ich es wünschte; ich denke aber, Sie wissen, was ich Ihnen zu sagen habe, wissen, daß Sie mir doch das Wohlwollen, mit dem Sie mich in Ihrem Hause aufgenommen, durch die Anregung, die mir im näheren Verkehr mit Ihnen geworden, Muth und Frische für die mir bevorstehende Leere in Holland gegeben haben, wissen, daß ich Ihnen recht von Herzen dankbar bin und immer bleiben werde. – Seitdem ich zur Erkenntniß gekommen, daß die Welt durch mein Componiren nicht reicher wird, und seitdem ich mich der Kapellmeisterei ergeben, ist meine einzige Sorge, ich möge in dem Einerlei der täglichen Beschäftigung, in der Fülle von Schlechtem und Unkünstlerischem,|2| das ich bei meiner Stellung einzuschlucken gezwungen bin, den rechten Begriff und die Freude an dem Wahren und Schönen verlieren, überhaupt in dem Handwerke zu Grunde gehen; wenn ich aber je in Gefahr war, das einzig richtige Ziel jedes künstlerischen Wirkens aus den Augen zu verlieren, so haben Sie es wieder in mir befestigt, daß es sich nie wieder verrücken kann. Schon manchmal kam mir der Gedanke, die begonnene Carriere aufzugeben, und auf anderem Wege, vielleicht durch Leitung eines Conzertinstitutes mein Heil zu versuchen, die Hoffnung aber, mit nächstem Früjahre [sic] meine Kräfte einer Bühne zu widmen, die in Bezug auf Richtung und Streben obenan in Deutschland steht, giebt mir neuen Muth, auch im Gebiete der Oper Gutes wirken und Befriedigung finden zu können. –
Hier habe ich ein beschauliches Einsiedlerleben; die Ruhe ist herrlich, ganz, wie ich sie von dem Aufenthalte gehofft, und wie sie mir Noth thut. Menschen habe ich noch nicht kennen gelernt, nur gichtbrüchige Greise, alte Jungfern und scrophulöse Kinder; ich bin der einzige Gesunde weit und breit, und als solcher ein sehr gesuchter Artikel; ich bade, douche, lese, mache meilenlange Spaziergänge ganz allein, thue Nichts und trinke Johannisberger dazu.
Mein Tischnachbar ist – Schindelmeisser aus Darmstadt, ein trauriges Exempel von einem verkapellmeisterten Musiker. Ich habe mir von Frankf. sämmtliche Werke von Brahms kommen lassen und spiele jeden Morgen zwei Stunden zum Entsetzen der Badegäste und Schindelmeisser’s. Die Händel’schen Variationen kann ich auswendig, nur zu den Terzen und Sexten in der Fuge wollen sich meine eingerosteten Finger nicht hergeben. Noch unter dem Eindrucke des Quartetts und der Serenaden schrieb ich vor einigen Tagen einen langen Brief an Brahms, den ich aber nach nochmaligem Durchlesen wieder zerriß, weil ich das Gefühl hatte, als ob er recht herzlich lachen würde über meinen Enthusiasmus. Die Variationen über ein eigenes und ungarisches Thema gefallen mir weniger; der 9 taktige Rhythmus, den er überhaupt liebt, und der sich z. B. im Sextett ganz natürlich ergiebt, scheint mir |3| in den Variationen gezwungen und unmotivirt; doch ich habe mich schon so manchmal im ersten Eindrucke getäuscht, daß ich mich auch hier wieder irren mag. Kirchner behauptet überhaupt, daß ich nichts von Musik verstehe und mag Recht haben. Die 4 händigen Variationen hat Schindelmeisser schon einigemale mit mir spielen müssen; gestern bat er mich – unglaublich, aber wahr – selbst darum! – Montag reise ich ab, zuerst nach Saarbrücken auf 8 Tage, dann nach Mannheim, dann nach Gießen zu meinem Vater, dann nach + + + Holland. Kommen Sie doch in diesem Winter wieder! Ich werde den Himmel um gutes Wetter, und alle Gastwirthe um geheizte Zimmer bitten; Hütschenryter werde ich vorher zum Essen einladen und ihm einige Portionen Rhabarber in die Suppe mischen, damit ich selbst dirigiren kann. – An Frau Ladenburg habe ich in der bewussten Angelegenheit geschrieben; die Sache wird arrangirt werden, ohne daß Sie selbst etwas dafür zu thun haben, und ohne daß Lachner verletzt wird. Frau Ladenburg wird Ihnen seiner Zeit schreiben. Es hat mir große Freude gemacht, Lachner durch Ihre Bekanntschaft und durch Ihr Spiel in eine wahre Begeisterung versetzt zu sehen; es ist den alten Herren, die ihr Leben in einer kleinen Stadt, ohne künstlerischen Verkehr, in einer ohne den kräftigsten, inneren Widerstand geisttödtenden Beschäftigung vertrauern, nicht zu verübeln, daß sie sich in alles Junge, Neue, nur sehr schwer finden können; L. ist nicht der schlimmste; er ist durchaus bescheiden, unterschätzt sogar seine Befähigung, und ist dankbar für jede Anregung die ihm von Außen zukommt, fördernd und helfend für jedes junge Talent, das sich ihm anschließt. Kirchner soll (ohne Anspielung auf das „junge Talent“) nur seinen Plan ausführen; Lachner beherrscht die Technik, wie kein zweiter Kapellmeister und es ist vielleicht auch gut, wenn Kirchner sich einmal in dem ihm völlig fremden Gebiete der Oper umsieht. Grüßen Sie ihn herzlich von mir; ich werde ihm später schreiben; gern thue ich es zwar nicht; seine malitiös zuckenden Mundwinkel stehen mir lebhaft vor Augen und hindern mich, die Feder laufen zu lassen, wie sie eben läuft. |4| Wenn Sie Frl. Hohenemser sehen, sagen Sie ihr, bitte, daß meine Adresse in Saarbrücken bei Herrn Emil Haldy ist. Aus dem Manuscripte lese ich noch täglich Neues heraus; es ist ein eigenes Gefühl, in die Werkstatt des Künstlers zu schauen; wenn Sie wüssten, welche Freude Sie mir gemacht, würden Sie vielleicht selbst große Freude haben. – Das Requiem müssen Sie herausgeben; ich stelle es der Messe nicht nach und es macht mir durchaus den Eindruck des Fertigen, selbst in der Instrumentation. – Nun aber genug. Wollen Sie mich Frl. Julie und Marie und den Kindern empfehlen. Ich weiß nicht, ob ich, wenn ich in Mannheim bin, einem kurzen Besuch in Baden widerstehen werde.
Mit herzlichem Gruße Ihr
Hermann Levi.
Johannisberg 1. Aug. 1863.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort: Johannisberg
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
424-428
 

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