19.12.2019

Briefe



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ID: 19785 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 01.08.1863
 

Johannisberg. 1. August. 1863.
Mein Brief war schon zur Post gegeben, als ich von Frl. Hohenemser erfuhr, daß Kirchner schon abgereist sei. Ich möchte ihm gerne schreiben, weiß aber nicht, wohin. Sie würden mir einen großen Gefallen erweisen, wenn Sie mir seine Adresse in ein paar Zeilen nach Saarbrücken (bei Herrn Emil Haldy) mittheilen wollten. Ich nehme zu sehr Theil an der inneren Veränderung, die sein ganzes Wesen erleiden wird, wenn sich seine Pläne realisiren, als daß ich nicht den lebhaftesten Wunsch hätte, während dieses Gährungsprozesses mit ihm in Verbindung zu bleiben. Mich freut es unendlich, daß er endlich seinem Phlegma einen Stoß versetzt hat; ich glaube, bei fortwährendem Verkehr mit Orchester und großen Massen, wird sein Talent, das sich bei seinem bisherigen Leben und Wirken in’s Kleine, Detaillirte zu verlieren drohte, eine seiner selbst würdigere, größere Ausbreitung finden! Wenn es ihm nur gelingt, die bei jeder öffentlichen Stellung unausbleiblichen Unannehmlichkeiten, Concessionen gegen Publicum und Ausführende, fortwährender Kampf gegen Unwillen und Unverstand etc. zu ertragen; es kostet schwere Ueberwindung bis man hartschlägig, unempfindlich wird gegen Alles, was sich hindernd in den Weg stellt, und bis man den rechten Ton gefunden, der eine Bande Dilettanten zusammenhalten soll. Von ganzem Herzen wünsche ich für ihn, daß er in dem neuen Wirkungskreis innere Befriedigung und festen Halt finden möge; für uns aber, daß dadurch seine Productionskraft neu gestählt werde. –
Heute hatte ich Brief von Devrient; er wünscht, daß ich die Carlsruher Verhältnisse aus eigener Anschauung kennen lerne, und schlägt mir einen achttägigen Aufenthalt (vom 16–24) in Carlsruhe und Baden vor; wenn ich es irgend möglich machen kann, d. h. wenn ich so lange in Rotterdam entbehrlich sein kann, was ich leider nicht glaube, hoffe ich Sie also am 19ten in Baden, wo die Carlsruher Oper Vorstellung giebt, wiederzusehen. Ich bitte Sie, von meinem Verhältnisse zu Devrient und Carlsruhe Niemandem etwas zu sagen; die ganz Sache ist noch zu sehr im Werden; selbst Hofkapellmeister Strauß hat keine Ahnung, daß er pensionirt werden soll. Ihnen konnte ich es nicht verschweigen. Wenn wir in einem Jahre Manfred auf der Bühne aufführen, kommen Sie – Hurrah! Ich gerathe wieder in’s Schreiben, und habe eben erst aufgehört; ich wollte Sie ja nur um Kirchner’s Adresse bitten. – Wie geht es mit Frl. Julien’s Gesundheit? Hier in Johannisberg wird Alles kurirt; der Arzt hat einen Apparat construirt, der für Hals- und Brust-leiden nervösen Ursprunges Wunderdinge verrichten soll, nämlich ein Luftbad, d. h. ein zweistündiger Aufenthalt in einem eisernen, hermetisch geschlossenen Käfig, dessen Luft mittels einer Luftpumpe comprimirt wird, (compromittirt, würde Kirchner sagen) sodaß ein Mensch das 4 fache Quantum Sauerstoff einathmet. Die Anstalt ist noch neu und wenig bekannt, trotzdem ist kein Zimmer mehr zu haben. Einen monatlichen Husten habe ich vor einigen Jahren hier verloren; zu dem Arzte hat alle Welt unbedingtes Vertrauen. Aber langweilig ist es – zum Sterben; wenn ich Schindelmeisser nicht hätte, mit dem ich mich zanke, 2 pensionirte Offiziere, mit denen ich Whist spiele, und mich selbst – ich wäre schon längst auf und davon. – –
Grüßen Sie die Ihren und Hohenemser’s – noch einmal. –
Hermann Levi

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort: Johannisberg
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
424-428
 



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