19.12.2019

Briefe



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ID: 19786 Brieftext


Geschrieben am: Montag 29.02.1864
 

Verehrte Frau.
Daß Sie aus dem fernen Norden meiner gedacht, hat mir einige Freude gemacht. Wohl hatte ich während dieses Winters oft das Bedürfnis, Ihnen zu schreiben, Ihnen Bericht zu geben von meinem inneren und äußeren Leben; dann aber dachte ich wieder daran, wie Sie von einem Orte zum anderen fliegen, wie Sie täglich neue Eindrücke in sich aufnehmen, die vielleicht die alten längst verdrängt haben – Ihr Brief hat mir den letzten Rest dieser albernen Aengstlichkeit benommen und wenn wir wie ich hoffe, künftigen Sommer wieder in Baden zusammen sind, werde ich mir nicht mehr, wie das letztemal, Mühe geben, auf Ihrem Gesichte zu lesen, ob ich recht komme, oder ob Sie denken: Schon wieder! – –
Nach langem, schwerem Kampfe habe ich mich endlich entschieden, nach Carlsruhe zu gehen. Jedermann, der meine hiesige Stellung kennt, hat mir abgerathen; man prophezeit mir, daß ich an die Fleischtöpfe Aegyptens zurückdenken werde, daß ich in Carlsruhe den Weg aller Kapellmeister gehen, mir ein Weiblein nehmen und als ehrsamer Philister meine Tage beschließen werde. Wenn dem wirklich so ist, so bin ich werth, daß ich zu Grunde gehe; ich denke aber, es steckt noch ein gutes Stückchen Davidsbündlerei in mir, das den Kampf mit dem Philisterium wohl aushält. Auf die Dauer kann ich mich in fremdem Lande nicht wohlfühlen; wenn man mich fragt, was ich hier anders und besser haben möchte, so weiß ich keine Antwort zu geben; es ist ein unbestimmtes Gefühl, was mich forttreibt. Die Leute nennen es Heimweh. Man hat mir hier nächstes Jahr die Leitung des ganzen musikalischen Lebens der Stadt in Aussicht gestellt, die Direction der Oper, der Concerte, des Gesangvereins, Compositionsunterricht an der Musikschule etc, 4 Monate Urlaub – und ich vertausche das Alles freudig mit einer bescheidenen Stellung in einer kleinen Stadt, mit bescheidenem Gehalte, aber im Herzen Deutschlands, in der Nähe von Baden und den Schwarzwaldbergen. Mein Contract ist vorläufig nur auf ein Jahr; nach Ablauf desselben erfolgt entweder eine lebenslängliche Anstellung (immer mit Kündigung meinerseits) oder Kündigung; auch ist Kalliwoda im ersten Jahre nur koordinirt. Jedenfalls finde ich auch dort ein weites Feld der Thätigkeit. Das Conzertwesen liegt ganz darnieder; auch den Fortgang der Oper hemmt, wir mir Devr. schreibt, Strauss’ Altersschwäche und Kalliwoda’s Mangel an Energie. Die Abonnements-Conzerte werde ich (im ersten Jahre) mit Kalliwoda theilen. Von Saarbrücken schrieb man mir, daß Frl. Elise im nächsten Winter nach Carlsruhe kommen werde; ist dem so? Auch Sie sprachen mir davon! Sobald ich einmal festen Fuß gefaßt habe, hoffe ich Sie zu einer Aufführung der Genoveva einladen zu können. Daß die Anerkennung Schumann’s in allen Kreisen, in denen gute Musik gemacht wird, zusehends wächst, ist allerdings eine Genugthuung für Sie und für uns Alle, die wir fortwährend für ihn wühlen und kämpfen. Wenn man eben wieder liest, wie ein Frankfurter Kritiker von „einem“ Quintett v. Schumann schreibt und dieses in recht freundlicher, wohlwollender Weise beurtheilt, oder wie ein Kerl wie Bischoff, der doch noch bei dem Pöbel den Nimbus der Autorität hat, in dem einflußreichsten Blatte sagt: wer die C dur Sinfonie schön finde, sei noch Schumannischer als Schumann, denn dieser selbst habe sich nichts daraus gemacht, so möchte man verzweifeln an der Bildungsfähigkeit und dem Fortschritte des deutschen Volkes. Als ich Hiller meine Verwunde-
rung ausdrückte, daß die C dur Sinfonie im Jahr 1863 zum erstenmale in Cöln aufgeführt werde, sagte er mir, es müsse sehr langsam vorwärts gehen, man mache ihm jetzt schon große Vorwürfe seiner fortschrittlichen Richtung (!) – Seit einigen Wochen macht Ullmannpattilaubjaell unsere Gegend unsicher. Nächsten Montag ist hier das dritte Concert, in dem Jaell das a moll Concert spielen wird. Vorigen Sonntag gab ich Abends eine Gesellschaft, in der Jaell spielte; das Programm war folgendes: Klavierquartett von Brahms (A dur); Klavierquartett von Schumann; 6 Lieder von Kirchner, 2 von Brahms, Kennst Du das Land, Heiß mich nicht reden & So laßt mich scheinen aus den Mignon-Liedern, Lieder aus Egmont, sämmtlich gesungen von Frl. Weyringer, Ich blick in mein Herz und Ich grolle nicht – gesungen von Frau Ellinger. Das Ohr muß Ihnen geklungen haben, wir haben auf Ihr Wohl getrunken; wer weiß ob Sie in einer Stadt Deutschlands von derselben Größe 25 ebenso musikalische Dilletanten fänden, die auf der Höhe eines solchen Programms stehen. Ich fange an, Holländer zu werden. – Jaell, der Handkäserich, wie Kirchner sagen würde, ist bedeutend in meiner Achtung gestiegen; früher glaubte ich immer, er kokettire mehr mit guter Musik, als daß es ihm Ernst sei; von Ihnen spricht er mit der allergrößten Verehrung. Laub ist mir unsympathisch; auch in seinem Spiele fehlt mir etwas, oder ist mir etwas zu viel, was ich nicht recht nennen kann; sein Ton ist groß, aber nicht edel; seine Technik allerdings bewunderungswürdig. – Anfang April veranstaltet die Gesellschaft Harmonie ein großes Conzert mit den combinirten Orchestern von hier und dem Haag, das ich dirigiren werde. Stockhausen hat seine Mitwirkung zugesagt. Heute ist ein Brief an Joachim abgegangen; hoffentlich nimmt er es an. Von Orchesterwerken werde ich nehmen: Sinfonie v. Schubert, Manfred-Ouverture (hier zum erstenmale) und Op 124. –
Seit das Gerücht von meinem Abgange bekannt ist, erhalte ich täglich Briefe von bekannten und unbekannten Größen, die sich um die Stelle bewerben. Ich denke, Marpurg von Mainz zu nehmen; ich kenne ihn als guten Musikus und fähigen Dirigenten. Der wird, hoffe ich, auch das Concertwesen hier gründlich reformieren. Methusalem Hutschenryter hat endlich selbst eingesehen, daß es nicht länger mit ihm geht. Eine Aufführung meiner B-dur Sinfonie war der Art, daß einige Musiker tüchtig zischten. Das erste Trio nahm er Andante und statt XXX ließ er Geiger und Bläser XXX (ohne Punkte!) spielen. – – Daß Sie sich nun doch entschlossen haben, das Requiem herauszugeben, freut mich unendlich. Läßt sich denn gar nicht gegen den Unfug thun, den Schuberth in Hamburg treibt? Sollte man nicht einmal alle die Scheußlichkeiten sammeln und an Bagge schicken? Ich bin leider nicht gewandt genug mit der Feder. Nächstens arrangirt er noch die Manfred-Ouvertüre für 2 Flöten.
Heute ist ein herrlicher Frühlingstag; ich schreibe bei offenem Fenster – Sie fahren jetzt vielleicht in Pelze eingehüllt über die Eisfläche – Schonen Sie nur Ihre Gesundheit – Von ganzem Herzen hoffe ich, daß das Unwohlsein, von dem Sie sprachen, nur leicht und vorübergehend war und daß Sie für die Anstrengung eines russischen Winterfeldzuges durch reichen künstlerischen und materiellen Erfolg Entschädigung finden mögen. – Anfang Mai gehe ich auf 3 Monate nach Italien. Meine ältere Schwester, die ich lange nicht gesehen, ist an einen französischen Offizier verheirathet, der gegenwärtig mit dem Occupationsheere in Rom steht. Dort wird auch mein Hauptquartier sein. Wenn mir nur die politischen Ereignisse keinen Strich durch die Rechnung machen! – Vorige Woche hatten wir zum erstenmale Alceste; Frau Ellinger in der Titelrolle vortrefflich, Schneider stimmlich und dramatisch unzureichend. Chöre und Orchester haben mir große Freude gemacht. Das Publikum wußte nicht recht, wie es sich benehmen sollte. – Nun aber genug des Schwatzens; ich komme mir vor wie ein Correspondent der Signale. Jedenfalls schreibe ich Ihnen wieder nach Ablauf unseres projectierten großen Conzertes. Ist Frl. Julie wieder in Nizza? wie geht es mit ihrer Gesundheit? Kirchner gegenüber drückt mich mein Gewissen; ich habe ihm die ganze Zeit über nicht geschrieben!
Ihren Gruß an Hohenemsers habe ich sofort nach Frankfurt weiterbefördert; Sie haben Recht, es sind liebe, zuverlässige Menschen, die man gerne haben muß. Emma schrieb mir kürzlich: Ich bin nicht von denen, die (im Verkehr mit Künstlern) sich durch Wissen oder Talent imponiren lassen; nur wenn ich sehe, wie das Wissen oder Talent auf den ganzen Menschen zurückwirkt, ihn hebt und veredelt, fühle ich mich angezogen. Ich glaube, es war die Rede von Ihnen. Nun leben Sie wohl. Die Grüße von Frl. Marie erwiedre ich aufs herzlichste.
In treuer Ergebenheit
Ihr
Hermann Levi.

Rotterdam 29. Febr. 64.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
434-439
 

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