19.12.2019

Briefe



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ID: 19787 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 12.10.1864
 

Carlsruhe. 12. Oct. 64
Verehrte Frau.
Der Sturm hat sich wieder verzogen; Caliban hat sich dem Fürst verkauft. Leider bietet unser Repertoire der nächsten Woche nichts von gleichem Interesse. Freitag: die bezähmte Widerspenstige und ein kleines Stück von Müller v. Königswinter; Sonntag Euryanthe, Dienstag, mit Respect zu sagen: Martha. Da Sie Ludwig’s wegen vermuthlich doch einmal herüberkommen werden, schlage ich Ihnen vor, bis zum 20ten ist die Wallenstein-Trilogie, am 25ten Coriolan oder Sturm. Vorher hoffe ich Sie indessen noch in Baden zu sehen. Auch an Frau Beggrow habe ich geschrieben. Zu Ihrem hiesigen Concerte bedarf es weiter keiner Vorbereitungen; wenn Sie mir seine Zeit und den Tag bestimmen! Alles Weitere werden Sie arrangirt finden, und ich hoffe – zu Ihrer Zufriedenheit. –
Brahm’s Abreise hat in mir ein Gefühl der Leere zurückgelassen, das ich bis jetzt vergebens durch angestrengte Arbeit zu bekämpfen suche. Seit ich mir über die Tragweite des eigenen Talentes so klar geworden bin, daß ich das Componiren auf immer verschworen habe, ist es mir leichter auf Anderer Naturen einzugehen; auch meine praktische Thätigkeit bringt mir neben vielem Schönen so viel Unkünstlerisches, Handwerksmäßiges, daß ich in Gefahr käme, mich ganz zu verlieren, wenn mir nicht ein günstiges Geschick von außen her Anregung und Erquickung brächte. Der nähere Verkehr mit Johannes war, glaube ich, von so tiefem, nachhaltigem Einflusse auf mein ganzes Wesen, wie ich mich keines ähnlichen aus irgend einer Zeit meines musikalischen Lebens erinnere. Er hat mir das Bild eines reinen Künstlers und Menschen gegeben, und das will in unsrer Zeit viel sagen; es ist, als ob ihn das Leben noch nie rau angefaßt hätte, so harmonisch ist sein ganzes Wesen, so unbefangen seine Anschauung der Menschen und Verhältnisse. Doch – Brahms bei Ihnen loben heißt Eulen nach Athen tragen; freuen wir uns, daß wir ihn haben und hoffen wir, daß er sich immer schöner entwickle, „daß die Wahrheit der Kunst immer klarer leuchte, überall Freude und Segen verbreitend.“ –
Ludwig konnte Fräulein Elise heute nicht erwarten; er hatte Schule; ich wollte an den Bahnhof gehen, um L. zu entschuldigen, wurde aber auch im Theater festgehalten. Es muß Ihnen ein trauriges Gefühl sein, zu sehen, wie am Anfange des Winters Alles auseinanderstiebt; Ihre Kinder und Freunde in allen Himmelgegenden zerstreut, Sie selbst aus einem behaglichen Zu-Hause an der Schwelle eines beschwerlichen Winterfeldzugs. Doch Sie besitzen eine seltene beneidenswerthe Dosis Energie und Tragfähigkeit und im Grunde wird uns ja jede Freude, jeder Genuß erst recht schmackhaft nach zeitweiser Entbehrung. – Eigentlich hätte ich Ihnen noch eine Masse Dinge zu sagen, die mir aber alle schwer von der Feder gehen; ich denke, Sie wissen auch ohne daß ich es Ihnen sage, daß ich Ihnen recht von Herzen dankbar bin für Ihre liebenswürdige Gastfreundschaft und für die Fülle von Schönem, die ich in Ihrem Hause durch Sie und mit Ihnen genossen habe. Wenn Sie mir versprechen, nicht zu denken; „Schon wieder“, komme ich noch einmal hinüber, ehe Sie abreisen. Grüßen Sie die Ihren und empfehlen Sie mich Frl. Liszt.
Mit herzlichem Gruße
Ihr
Hermann Levi.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
440ff.
 



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