23.11.2019

Briefe



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ID: 19789 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 14.12.1864
 

Verehrte Frau.
Vorgestern war ich in Frankfurt, um mein von Briefschulden belastetes Gewissen durch persönliche Inempfangnahme von Vorwürfen wieder zu erleichtern; Emma hat mir großmüthigst Absolution ertheilt, und ich hoffe auch Sie werden sie mir nicht versagen, wenn ich in Dehmuth und Reue meine Schuld bekenne und Besserung verspreche. Wir sprachen natürlich viel von Ihnen; das alte Thema von Freundschaft wurde wieder durchgehechelt; ich vertheidigte meine Theorie vom blinden, unerschütterlichen Vertrauen, die Damen die ihre von berechtigten gegenseitigen Ansprüchen, von nothwendigen Beweisen-Rücksichten. Da fiel mir denn heiß auf die Seele, zu welchen Schlüssen Sie bei meinem andauernden Schweigen kommen können oder gar schon gekommen sind, unsre Gespräche über das beregte Thema kamen mir lebhaft in Erinnerung, ich dachte Ihrer Äußerung, welche Freude es Ihnen sei, auf Ihrer Reise Briefe zu empfangen – kurz, das Resultat meiner Selbstgespräche sind gegenwärtige Zeilen, die ich Sie freundlich aufzunehmen bitte. Daß ich an meinen Freunden nie zweifle, giebt mir ein Gefühl der Sicherheit, daß auch sie sich nicht von mir entfernen und im Vertrauen darauf begehe ich vielleicht manche Unterlassungssünde. Frau Eller schrieb mir einmal: Der Charakter eines Verhältnisses zwischen zwei Menschen steht im Grunde ebensofest, wie der des einzelnen Individuums – und sie hat Recht. Freilich wenn der Charakter des Einzelnen keine feste, unverrückbare Basis hat, ist er auch keines wahren, sich immer gleich bleibenden Verhältnisses zu einem Andren fähig. – – – Seit Sie aus unserer Nähe weg sind, geht es mir wie Eulenspiegel beim Bergsteigen; ich bin lustig und guter Dinge in der Hoffnung, daß es wieder bergab geht (im nächsten Frühjahr). Ich bin fleißig, soweit es meine angeborene Trägheit erlaubt, wende meine Gedanken wieder mehr dem Theater zu, von dem sie in der ersten Zeit meines Hierseins aus guten Gründen mehr als billig abgezogen waren, lese Mancherlei, komponire sogar wieder zum Aerger meines besseren Selbst, das dem schlechteren immer noch nicht ganz das Verschmieren von Notenpapier verbieten konnte und erhole mich von Zeit zu Zeit an meinen Frankfurter und Mannheimer Freunden. Meinem Klavierspiel ist nicht mehr aufzuhelfen und ich fürchte, daran ist eine Schwäche der Armmuskeln schuld; die einfachste Passage macht mich müde, ich bin nicht mehr sicher, eine Haydn’sche Sonate ohne Fehler zu spielen, und die Großherzogin würde große Augen machen, wenn Sie [sic] auf Ihre Äußerung hin die symphonischen Etuden von mir hören wollte. Schließlich verstehe ich nichts mehr recht, als – Genießen. Der Gesangverein, an dessen Direction ich mich auf Kalliwoda’s Zureden betheiligt habe, macht mir keine rechte Freude, weil ich mich dort noch mehr als am Theater nach Alleinherrschaft sehne. Nächsten Montag Rose Pilgerfahrt, im Januar Manfred, Ostern die Passion. Nach langem Ueberlegen mit Devrient habe ich mich doch entschlossen, die Pohl’sche Bearbeitung zu benutzen mit Auslassung aller auf die Musik bezüglichen Redensarten und mit einigen Kürzungen und Ergänzungen. Es scheint mir nicht möglich, das Gedicht selbst zusammenzustreichen; das Publikum versteht überhaupt nicht ein vorgelesenes Drama, zu dessen Veranschaulichung Dekoration, Costüm und Aktion nicht minder wesentlich sind, als das Wort. Der „Prolog“ bei Pohl (übrigens eine ungeschickte Bezeichnung) ist nichts anders als eine Erzählung der Dinge, die das Publikum im Theater sehen würde. Die redenden Personen müssen im Conzertsaale von einer dritten, nicht an der Handlung betheiligten, eingeführt und mit Namen genannt werden, sonst hören die Leute wohl reden, wissen aber nicht was und von wem. Bei dem ohnedas etwas verschwommenen, hyper-idealen Manfred scheint mir dies doppelt nöthig. Uebrigens ist die Pohl’sche Bearbeitung im Ganzen sehr geschickt gemacht und alles Melodramatische ist ja beibehalten. – Von Neujahr ab habe ich das Vergnügen, Pohl’s Ohrfeigen-Gesicht alle Tage sehen zu müssen; seine Frau ist hier als Harfenistin engagirt. –
Von Brahms höre ich nichts; ich dachte mir wohl, daß er mir nicht schreiben würde; hoffe aber doch, nächstes Frühjahr Denselben in ihm wiederzufinden[.] Rieter-Biedermann war kürzlich hier, und erzählte mir von ihm. Die Volkslieder sind erschienen und schon hier gesungen worden. Wenn er nur seine Sinfonie recht bald losläßt und die 8 anderen recht bald nachfolgen läßt; ich kann die Zeit nicht erwarten, daß sich ganz Deutschland über die Erfüllung des prophetischen Wortes aus dem Jahre 5313 freut. Grüßen Sie ihn herzlich, wenn Sie nach Wien kommen, sagen Sie ihm, daß ich ihn verehre und lieb habe, doch nein – das weiß er schon und daraus macht er sich nichts, aber sagen Sie ihm, daß ich eine neue Caffé-Maschine habe und ein zweites Bett und gute Cigarren.– Kirchner hat mir sagen lassen, er würde mich Weihnachten besuchen; ich höre das Allergünstigste über seine Musikdirektorschaft; ich vermied zuletzt, mit Ihnen über ihn zu sprechen, obgleich es mich wurmte, daß ein so schönes, durch Jahre und künstlerische und persönliche Sympathie gestähltes Verhältniß so plötzlich, durch eine äußere Veranlassung gestört werden konnte; ich möchte Ihnen so gern nicht Recht geben und muß es doch! Vielleicht trägt diese ganze Sache, sowie seine selbstständige Stellung und deren Erfolg dazu bei, ihn jenen Halt in sich selbst finden zu lassen, ohne den die schönste Naturanlage bei dem geringsten Kampfe mit dem Leben oder der Leidenschaft unterliegt. – Elise kommt wöchentlich hierher, giebt Morgens 3 Stunden und macht Nachmittags Quinten und Oktaven; die Stunde macht mir wirklich Freude, weil sie sehr rasch begreift und sehr fleißig ist. Eine Stunde wöchentlich ist allerdings sehr wenig; ich möchte gerne nebenbei einige praktische Dinge mit ihr durchnehmen, Partitur schreiben, Schlüssel-Kenntniß, Formenlehre, vierhändig-spielen; die Dreiklänge lassen uns aber bis jetzt nicht dazu kommen. Wenn ich nicht so großen Respect vor Prinzessinnen hätte, würde ich wohl zuweilen nach Baden gehen. – Es ist 11 Uhr Abends; eben kommen David und Allgeyer und verlangen Caffée. Morgen muß ich nach Mannheim. Hauser singt in einem Concerte die Brahms’sche Romanze, die ich begleiten will. Allgeyer und David lassen schön grüßen. Ersterer läßt danken für die freundlichen Zeilen und wird mit Vergnügen Herrn Bendemann den verlangten Tribut zahlen. Beide machen übrigens so viel schlechte Witze, daß ich nicht weiterschreiben kann; ich will ihnen Caffée brauen, damit sie ruhig sind. Also gute Nacht. Schreiben Sie mir einmal?? – Mit den herzlichsten Grüßen
Ihr treu ergebener
Hermann Levi.

Carlsruhe 14. Dez. 64.

Schubert in Hamburg hat wieder ein Attentat verübt, gegen das alle früheren Kleinigkeiten sind. Fragen Sie doch Joachim, ob er zusammen mit Brahms und Kirchner etwas in dieser Sache zu thun bereit ist. Ich habe alle mir bekannten Scheußlichkeiten gesammelt, kann aber doch selbst nicht öffentlich damit auftreten, das müssen Leute thun, vor deren Namen man Respect hat. Oder meinen Sie, daß ich mich an Bagge wenden soll, d. h. ihm das Material schicken? Für solche Gemeinheit giebt es gar keinen Namen. Ich würde Sie nicht an die unangenehme Geschichte erinnern, wenn ich nicht wüsste, daß Sie allein auf Joachim und Brahms wirken können. – –
In dem Concerte morgen dirigiren die drei Gebrüder Lachner eigene Compositionen.
Frau Ladenburg darf noch immer nicht ausgehen. Frl. Elise scheint mit Emma dicke Freundschaft geschlossen zu haben. – Das ist ein rechter Klatschbrief, ich hätte gute Lust, ihn gar nicht fortzuschicken. – Ludwig hat noch immer kein Klavier; in dem großen Carlsruhe konnte ich keines für ihn auftreiben; übrigens ist es vielleicht gut, wenn er sich jetzt von Musik fern hält. Die Mathematik macht ihm viel zu schaffen; kürzlich sagte er mir, er hoffe nun bald auf der Höhe der Kenntnisse seiner Mitschüler zu sein und die Privatstunden aufgeben zu können. Ich war zweimal bei seinem Director, habe ihn aber nicht getroffen. –
Schreiben Sie mir einmal? – !
Es ist spät in der Nacht; um 7 Uhr muß ich auf der Eisenbahn sein. Wo werden Sie die Weihnachts-Feiertage zubringen? Wann werden Sie in Wien sein? – Wollen Sie mich Frl. Maria empfehlen? Entschuldigen Sie mein Schreib-Durcheinander. Briefe sind doch nur Lückenbüßer – – – – – – – – – – – – –

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.5, S. 448-452
 

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