19.12.2019

Briefe



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ID: 19791 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 16.08.1865
 

Verehrte Frau.
Gestern habe ich in Ludwig’s Angelegenheiten einige Dienerchen gemacht, deren Resultat ich Ihnen hier mittheile. – Bielefeld, den ich als zuverlässigen, ehrenwerthen Mann kenne, hat zum ersten October einen Lehrling engagirt. Ich sprach mit ihm über den gewöhnlichen Bildungsweg der Buchhändler; er hält an den altherkömmlichen Lehr- und Wanderjahren und meint, daß ein junger Mann mit einiger Schulbildung und ernstem Streben auf dem praktischem Wege schneller und sichrer zum Ziele komme, als auf theoretischen – in Handels- und Buchhändler-Schulen. Er empfahl mich an den Chef der Braun’schen Hofbuchhandlung, Herrn Knittl, der einen Lehrling suche. Ich ging sogleich dahin, schilderte Ludwig von der schwarzen und weißen Seite und erhielt die Zusicherung, daß Herr Knittl keine weiteren Schritte zur Habhaftwerdung eines Lehrlings thun würde, bis ich mit Ihnen Rücksprache genommen. Nun geht mein Vorschlag dahin, daß Sie entweder selbst morgen hierherkommen, um mit Ludwig zu Herrn K. zu gehen, oder Herrn Will oder mich bevollmächtigen, die Sache zum Abschluß zu bringen. Will sagte mir gestern Abend, daß Ludwig noch nicht abgereist sei und ich bat ihn, ihn bis zu Ihrer Ankunft oder Antwort noch hierzubehalten. Ludwig würde direkt unter Herrn K.’s Aufsicht stehen. Die Bureaustunden sind im Sommer von 7 Uhr Morgens bis 7 Uhr Abends, im Winter von 8–8. Sonntags wird ½ 10 Uhr schon geschlossen. Schreib- und Sprech-Stunden könnte er also (im ersten Jahre) nur früh morgens, oder Sonntags nehmen. Herr Knittl sagt, es sei unmöglich, ihm unter Tag’s Zeit dazu zu geben. Nun ist die Frage, ob Ludwig sich einer solchen Disciplin fügen kann, ob er fähig ist, seinen Illusionen und Privatliebhabereien zu entsagen, ob er gegen Prinzipal und Commis dieselbe Opposition nehmen wird, wie gegen seine Lehrer? Jedenfalls müsste ein Probe-Monat ausgemacht werden. Doch ich denke, wir sprechen morgen mündlich darüber. Telegraphiren Sie mir, wenn Sie überhaupt herkommen wollen, die Stunde Ihrer Ankunft, damit ich mich von sonstigen Geschäften freihalte. Es kommt nicht gerade auf einen Tag an; doch wäre es gut, wenn Sie sich sobald als möglich entscheiden könnten. Von ganzem Herzen hoffe ich, daß Ludwig nun das Rechte gefunden, daß ihn seine neue Carrière dauernd befriedigen und Ihnen somit die schwere Sorge um ihn benommen sein möge; es ist dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen – wir haben Jeder
unser Bündelchen zu tragen, aber nur Wenigen ist mit der Last auch die Kraft des Tragens gegeben, wie Ihnen. –
Auf Wiedersehen hier oder nächsten Sonntag in Baden. Herzliche Grüße Ihren Kindern und Johannes.
Ihr treu-ergebener
Hermann Levi.

Carlsruhe 16. Aug. 65.

Meine Empfehlung an Frl. Wagner.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
459f.
 



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