15.07.2019

Briefe



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ID: 19795 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 20.10.1865
 

Verehrte Frau.
Ich war gestern in Mannheim und möchte Ihnen gerne mündlich das Resultat der Reise erzählen, bin aber wieder einmal durch die Sonntags-Oper (Robert pfui Teufel) festgehalten. Den Brief von Frau Feidel werden Sie erhalten haben; die ganze Sache dreht sich um das Unbehagen meiner Tante, Frl. Julie kein hübsches, bequemes, gemüthliches Zimmer anbieten zu können; das Schlafzimmer von Frau Feidel stößt auf der einen Seite an den Salon, auf der anderen an das betreffende Durchgangszimmer; das Mädchen muß also Morgens beim Reinmachen oft aus und eingehen, vielleicht auch einmal etwas aus der Hand stellen; die Wände sind nicht tapezirt, sondern angestrichen u. s. w. Frl. Julie muß also auf ein behagliches eigenes Zimmer verzichten und den Tag über in einem der Wohnzimmer zubringen. Das ist aber auch das einzige Bedenken, was bisher eine Entscheidung verzögerte; will Frl. Julie mit einem einfachen Schlafzimmer im eigentlichsten Sinne Vorlieb nehmen, so ist die Sache in Ordnung und sie darf sicher sein, von Frau Feidel mit aller Herzlichkeit und wahrer Freude aufgenommen zu werden; im anderen Falle läßt ihr Frau Ladenburg sagen, daß ihr zwei hübsche Zimmer neben Luisens Schlafstube zur Verfügung stehen; sie bedauert unendlich, und Luise noch unendlicher, daß ihnen Frau Feidel zuvorgekommen und sie schöpfen aus der Zimmer-Calamität neue Hoffnung; Frl. Julie könnte dann ja nichtsdestoweniger mit Frau Feidel und Miss P. so ungenirt verkehren, als ob sie oben wohnte. Soweit meine Aufträge. Frau F. läßt also Frl. Julie volle Freiheit, entweder Frau Ladenb’s Vorschlag anzunehmen oder die obenerwähnte Unannehmlichkeit zu tragen, bis sie eine andere Wohnung gefunden, was allerdings für diesen Winter nicht sehr wahrscheinlich ist. –
Gegenwärtige Zeilen sind etwas konfus; ich wollte ich könnte mit Ihnen sprechen. Frau Feidel sagte mir, sie habe mich in ihrem Briefe an Sie tüchtig heruntergemacht, weil ich Schuld sei, daß sich die Sache so lange verzögert; es war mir aber unmöglich, vor Ankunft meines Vaters einen halben Tag abzukommen, und als mein Vater einmal hier war, konnte ich auch wieder nicht fort. Nun – das Resultat ist ja das gleiche und ich hoffe, daß sich Frl. Julie recht behaglich fühlen wird. An Schülerinnen soll es ihr auch nicht fehlen. Montag oder Mittwoch komme ich nach Baden, um sie über Personal- und Familienverhältnisse zu orientiren. Frau Feidel bittet Sie, ihr mitzutheilen, ob Frl. Julie zu ihr, oder zu Frau Ladenburg kommen wird, eventuell, wann sie sie erwarten darf. Frau Feidel kommt zu unserem Conzerte am 27ten hierher; könnte Frl. Julie vielleicht am 28ten gleich mit ihr reisen? Sie kommen ja auch, hoffe ich, und wir trinken dann zusammen einen gemüthlichen Abschieds-Café bei mir. –
Gestern Abend gaben Kirchner, Jean Becker und Hilpert ein Conzert in Mannheim; ich kam gerade recht zu den Albumblättern; Kirchner sah recht mädchenhaft-schüchtern aus und hatte viel Beifall. Er spielt heute in Darmstadt, dann in Nürnberg. Von da geht es zum Herzog nach Meiningen. Zu Brahms’ Conzerten hofft er in der Schweiz zu sein.
Herzlichen Dank, daß sie [sic] sich doch entschlossen, hier zu spielen. Der Saal ist für den 6ten reservirt. Ich bin sicher, daß Sie es nicht bereuen. Für alle Vorbereitungen werde ich sorgen. – Entschuldigen Sie mein Geschmier; ich habe einen Berg dringender Geschäftsbriefe zu beantworten. – Der Hornist ist noch krank. Leben Sie wohl. Auf Montag oder Mittwoch.
In herzlicher Freundschaft
Ihr
Hermann Levi.

Carlsruhe. Freitag 20. Oct. 65.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort: Karlsruhe
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.5, S. 469ff.
 



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