15.07.2019

Briefe



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ID: 19796 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 09.11.1865
 

Verehrte Frau.
Nun ist auch Brahms abgereist –; wir waren noch gestern zusammen in Baden und haben Programme und Federmesser vorgesucht. Pastor’s lassen grüßen; die Pflanzen sind angekommen und bereits gesetzt. Den Schlüssel des Schreibtisches habe ich zu mir genommen. Apollo stand verhüllten Angesichtes, flüsterte mir aber einen Gruß für Sie zu. Als Brahms die Hausthüre hinter sich zuschlug, hörte ich deutlich den a moll Akkord aus der 7ten Sinfonie verklingen; er war dieses Jahr der erste der einzog, der letzte, der die Thüren schloß. Nun sitze ich wieder allein und überdenke mir all das Schöne, was mir der letzte Sommer gebracht und dessen Quellen alle in Ihnen zusammenfließen. Kleinmuth und Zuversicht kämpfen in mir; bald fühle ich mich reich wie ein König, bald arm wie ein Bettler.
Das beste in mir sind meine Freunde, mit denen ich mich allerdings so verwachsen fühle, daß ihr Verlust einem Aufhören meiner Existenz gleichkäme; aber oft frage ich mich, womit ich die Freundschaft so bedeutender und schöner Menschen verdiene, und wenn ich dem nachgrüble, überschleicht mich ein Katzenjammer, ein Gefühl der Ohnmacht, das mir noch zur fixen Idee wird. Hat mir die Natur nicht mehr Kräfte gegeben, oder verstehe ich sie nicht auszunutzen, daß ich eigentlich Nichts leiste, daß ich den Schwerpunkt meines Lebens nicht in mir, sondern in Anderen suchen muß? Warum muß ich in allen meinen persönlichen Beziehungen der empfangende Theil sein, nicht auch der gebende? Das Gescheiteste ist freilich man saugt den Duft der Blumen sorglos ein und grübelt nicht, woher er kommt und ob wir ein Recht haben, uns an ihm zu berauschen. Zuletzt ist Alles relativ und es kommt nur auf den Maßstab an, mit dem man sich selbst, seine Leistungen und alle äußeren Verhältnisse zu messen hat, aber gerade der ist mir verloren gegangen, denn wenn ich ihn anlege, bleibt hier und dort ein Rest übrig, den ich nicht unterzubringen, eine schreiende Dissonanz, die ich nicht aufzulösen vermag und die innere Harmonie bleibt unerreichbares Ideal. Sie sehen, wie weit ich mit meinen „philosophischen Begriffen“, um deretwillen Sie mich mit Recht aufziehen, gekommen bin. Theorie und Praxis liegen bei mir weit auseinander; ich mache es wie die Kinder, die recht laut schreien, um ihre Angst zu verbergen und muthig zu erscheinen – um den Mangel der objectiven Sicherheit, des philosophischen „Darüberstehens“ zu verhehlen, schreie ich um so lauter davon und während die Leute meinen, daß ich Alles hübsch in Systemchen einschachtele, liegt es im Gegentheil wirr und wild in mir durcheinander und die äußere Ruhe verbirgt nur inneren Kampf und Sturm. Aber was interessirt Sie ein Sturm im Wasserglase? Ich schreibe ja einen Brief, kein Tagebuch – und schon zwei enge Seiten über mein eigenes werthes Ich!!
Frl. Elise schrieb mir gestern ein paar Zeilen, worin sie unsere Correspondenz als geschlossen erklärt; sie meint, Sie hätte selbst mit mir darüber gesprochen; warum haben Sie es nicht gethan? Ich begreife Ihren Wunsch vollkommen, nur wäre es mir lieb gewesen, ihn von Ihnen zu hören; wir waren allerdings hier nur selten in Ruhe und allein. Sagen Sie Joachim viel herzliche Grüße. Daß er sich mir so freundschaftlich genähert, war mir ein liebes Geburtstagsgeschenk und ich bin mir selbst wieder ein Stückchen werther dadurch geworden. Er ist mir sympathisch als Künstler und Mensch und ich möchte nur einmal ein wenig länger mit ihm zusammen sein – wir würden uns gewiß gut verstehen. Die Trias: Clara – Brahms – Joachim bildet eine Phalanx gegen alles Unlautere, Unschöne in der Kunst, an der sich noch manche Heißsporne, – Philister und Zukünftler – die Köpfe einrennen werden. – Nehmen Sie dieses Flugblatt freundlich auf. Ihr Tintenfaß jagt mir allerlei Gedanken im Kopf herum, die ich besser nicht niederschreibe. Seien Sie von Herzen gegrüßt! In treuer Freundschaft
Ihr
Hermann Levi.

Carlsruhe 9. Nov. 65.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort: Karlsruhe
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.5, S. 473-476
 



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