19.12.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 19800 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 22.09.1866
 

Verehrte Frau.
Die Plätze werde ich besorgen. –
Wollen Sie mir Ludwig bis zum October anvertrauen? Sie dürfen sich darauf verlassen, daß ich so gut wie Einer für ihn sorgen werde. Bei Will kann er nicht wohl bleiben. Fürchten Sie nicht die Unregelmäßigkeit meiner Junggesellenwirthschaft, ich verspreche Ihnen, daß er um 6 Uhr aufstehen und Abends 10 Uhr im Bette liegen soll, und wenn ich das 14 Tage mitmache, wird es mir auch nicht schaden!
Mit meiner Gesundheit geht es in den letzten Tagen so vorwärts, daß ich wahrhaft auflebe; Sie dürfen also nicht besorgen, daß Ludwig’s Anwesenheit mich in irgend einer Weise störe. Sollte ich einmal einen Abend verhindert sein, zu Hause zu bleiben, so wird sich L. bei meinen Hausleuten den bravsten Menschen der Welt sicher wohlfühlen. Ich freue mich, auf diese Weise einmal Gelegenheit zu haben, ihn näher kennen zu lernen, denn ich gestehe, daß er mir bis jetzt in Vielem noch Räthsel ist.– Veranlassen Sie ihn, gleich nach seiner Rückkunft zu mir zu kommen; viele seiner Sachen kann er ja bei Will’s lassen. – Ich komme eben von dort. Will ist in der allerverzweifeltsten Stimmung, aber wie ich ihn kenne, wird er nicht unterliegen. An dem ewigen Räthsel von Kommen und Gehen wird sich noch mancher Frager das Hirn zerbrechen und keine Lösung finden. Stillhalten, Reifsein, ist Alles. Aber immer wieder ist man versucht, sich gegen die Weltordnung oder -Unordnung zu empören; ich kann mir denken, daß man durch die schrankenlose Willkühr des Schicksals an den Punkt kommt, zu wählen zwischen Frommwerden und Wahnsinnigwerden. Glücklich, wer den Kopf oben behält, wer in sich selbst die Versöhnung aller Gegensätze, Trost und Halt für alle äußeren Ereignisse findet. Der arme Kerl. Seine Tochter in Rödelheim kommt heute Nacht an – ohne Ahnung von dem Geschehenen – – –.
Herzliche Grüße Ihrem ganzen Hause und Brahms – von Ihrem getreuen
Hermann Levi.

Carlsruhe. 22.9.66.

Ich komme Mittwoch zu Tisch. – – –

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort: Karlsruhe
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
488f.
 

Fehlerbeschreibung*





Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.