15.07.2019

Briefe



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ID: 19804 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 26.05.1867
 

Verehrte Freundin.
Heute endlich, nach mehrfachen vergeblichen Besuchen trafen wir den Arzt. Ich war zwar bei der Inquisition (absichtlich) nicht zugegen, sprach aber nachher ausführlich mit dem Arzte und kann Ihnen das beruhigendste Resultat bringen. Die Constitution Ludwig’s ist vortrefflich; an der Hand ist gar nichts; die Müdigkeit, über die er zuweilen klagte, kam eben von zu festem Drücken auf Papier und Feder und auch nur nach stundenlangem Schreiben. Ueber den Grund des Kopfweh’s und die Mittel ihm vorzubeugen lässt sich nur nach längerer Beobachtung klarer sehen; wahrscheinlich hängt es mit den Augen zusammen; der Arzt meinte heute in dem einen eine kleine Unregelmäßigkeit zu entdecken, das aber auch zufällig gewesen sein kann und will deßhalb in 8 Tagen genauer nachschauen. – Herrn Knittel habe ich den Ludwig betreffenden Inhalt Ihres Briefes mitgetheilt; er wird ihn natürlich behalten, bis sich etwas gefunden hat, bittet Sie aber, ihn von dem Erfolge Ihres Leipziger Aufenthaltes sofort zu benachrichtigen, weil er, falls Derselbe kein Resultat haben sollte, seinen Commissionär beauftragen will, Ludwig eine Stellung zu verschaffen und weil ihm daran gelegen ist, den gegenwärtigen Zwischenstand, in dem sich auch Ludwig nicht behaglich fühlt, nicht allzu sehr in die Länge zu schieben. Aber ich hoffe, Sie werden bei Härtels reüssiren! – Ludwig zu veranlassen, sich selbst zu bemühen, ging nicht an; er weiß, daß ein Lehrling nicht selbst für sich sorgen kann, Herr Knittel hatte ihm dies schon früher gesagt und ich habe ihm also gesagt, daß Sie oder Herr Knittel sich um eine Stelle bekümmern würden, und daß er bis dahin noch den allergrößten Eifer zeigen möge, damit Herrn Kn.’s Empfehlungsschreiben so günstig als möglich laute. – Soweit ich selbst Ludwig beurtheilen kann, halte ich dafür, daß mehr zu erreichen ist, wenn man bestrebt ist, die Verhältnisse in die man ihn bringt, seinen Charactereigenthümlichkeiten möglichst anzupassen, als wenn man ihn zwingen will, seine Eigenthümlichkeiten der Nothwendigkeit des Lebens zu opfern. So meine ich, er wird mit wirklicher Freude und Erfolg nur dann sich einem Berufe hingeben, wenn derselbe mit der Neigung seines Herzens – der Musik – in irgendeinem Zusammenhang steht, und ich dächte, ein solcher müsste sich auch finden. Daß er dadurch auf die alte Idee, Musiker zu werden, zurückgeführt werde, ist wohl nicht mehr zu befürchten. Als ich ihm von einem Musikaliengeschäft sprach, belebten sich seine Züge; so denke ich, da es bisher ja immer nur an dem Wollen, nicht an dem Können fehlte, daß Sie nicht die Hoffnung aufgeben dürfen, daß er so gut wie Andere, wenn auch etwas später, seinen Weg machen wird. Die zwei Jahre, die er hier zugebracht, waren bei alledem gewiß nicht ohne Nutzen; Sie werden ihn in Vielem zu seine Vortheile geändert finden; er spricht mehr und geläufiger, er hält mehr auf sein Äußeres, er interessirt sich für Vielerlei. Wenn er sieht, daß es in anderen Geschäften nicht weniger pedantisch zugeht, als in dem Knittel’schen, so wird er sich schon an Ordnung gewöhnen. –
Sonntag.
Ludwig war eben bei mir; er hat mir herzliche Grüße aufgetragen und die Bitte, ihm doch zu schreiben! Herr Knittel, den ich gestern noch sprach, lässt Ihnen sagen, Sie möchten sich nur nicht übereilen, Ihre Kur nicht stören. Er ist wirklich sehr theilnahmsvoll und sorglich für Ludwig. – Meine Tante und Frl. Julie erwarte ich noch diese Woche hier. In 8 Tagen fangen die Ferien an, die ich diesesmal wahrhaft ersehne. Ich gehe zuerst nach Giessen, wo am 12ten die Hochzeit meiner Schwester stattfindet; dann 3 Wochen nach Schwalbach, dann nach Ostende. Wenn Sie zwischen dem 6ten und 15ten auf der Rückreise von Leipzig Giessen besuchen sollten, wollten Sie mir dies nicht mittheilen (Adresse Herrn Dr Levi) ich reise Ihnen dann eine Strecke entgegen. Sonst sehe ich Sie nicht bis zum August! –
Ich habe mich an Peters gewandt wegen der Partitur und des Aufführungsrechtes von „Genoveva“ und erhielt die Antwort, daß Sie sich letzteres vorbehalten – zu meiner großen Freude. Möchten Sie mir mittheilen, ob und unter welchen Bedingungen wir die Oper aufführen können? – Oder wollen Sie uns überlassen, die Bedingungen zu bestimmen? – Von Brahms weiß ich nur, soviel die Oesterreichischen Blätter erzählen; so schmerzlich es mir ist, daß mir ein näherer Einblick, eine Theilnahme an seinem inneren und äußeren Leben nicht mehr vergönnt ist, so muß ich mich doch darein finden; ich lege diese trübe Erfahrung zu den anderen; in meinem Inneren ist schon ein ganzes Heer von getäuschten Hoffnungen, von schönen Anfängen ohne Ende, von zertrümmerten Aussichten von Grabsteinen aller Art aufgethürmt und das frißt wie eine schleichende Krankheit immer weiter. Wer hat Ihnen denn geschrieben, daß diesen Winter nicht Alles just bei mir war? Ich habe mir doch Mühe gegeben, den Leuten gegenüber das glatteste, freundlichste Gesicht aufzusetzen. –
Kalliwoda ist noch immer nicht hergestellt; man fängt schon an, die Möglichkeit seiner vollständigen Genesung überhaupt zu bezweifeln; körperlich ist er ganz gekräftigt, aber das Gedächtniß und seine geistige Verfassung überhaupt ist noch schwach; er selbst fühlt es nicht. Wenn nicht eine plötzliche Wendung eintritt, wird er auch nach den Ferien noch nicht Dienst thun können. – Die Sachen, die ich für Sie erhalten habe, Musikalien von Härtel’s u. s. w. werde ich vor meiner Abreise Ludwig übergeben. Ihr Bach ist eingebunden, bis auf den letzten Jahrgang; der dreizehnte enthält a Trauungs-Cantaten b. die Englischen Suiten, der vierzehnte das wohltemperierte Klavier; soll man diese 3 Bände jeden einzeln binden, oder die Suiten und das wohlt. Kl. in einem Band? – – Was ist es denn mit Eugenie? Ich muß immer daran denken, daß Sie mir einmal sagten, es sei eine Eigenthümlichkeit aller Ihrer Kinder, sich mit ihren Lehrern, überhaupt mit den Menschen, die eine Autorität gegen sie geltend machten, nicht zu vertragen. Frl. Julie meinte, die Schuld liege bei Breymanns? Von Emma weiß ich nur die Scene mit „Karl“. Das Verhältniß von Lehrer und Schülerinnen dort hat allerdings etwas bedenkliches, wenn nicht komisches und ich weiß solche Dinge nicht mit dem bedeutenden Eindruck, den mir Frl. Henriette machte und mit den Erzählungen Emma’s in Einklang zu bringen. Eugeniens Zug um die Lippen deutet allerdings auch auf einen festen Sinn, weniger auf Schmiegsamkeit und Biegsamkeit. Daß Sie auf solche Weise nach einem schweren Winter statt der nothwendigen Ruhe immer nur Sorgen finden, ist eine Grausamkeit des Geschickes, für die ich keine Worte noch Erklärung finde. Wir ungläubigen Seelen, die wir den Grundsatz predigen: Jeder ist schon auf Erden seines Glückes Schmied, fühlen doch manchmal unsere Theorie wackeln! – Darf ich noch vor meiner Abreise auf ein paar Zeilen von Ihnen hoffen – schon wegen Genoveva? – Leben Sie wohl. Vergessen Sie nicht, daß die allererste Sorge, hinter der alle anderen zurückstehen müssen, die um Ihre Gesundheit ist; Sie schreiben gar nichts, wie die Kur wirkt. – Grüßen Sie Frl. Marie. Allgeyer, die brave treue Seele, empfiehlt sich Ihnen. –
In treuester Freundschaft von Herzen
Ihr
Hermann Levi.
Carlsruhe. 26.5.67.

  Absender: Levi, Hermann (941)
Absendeort: Karlsruhe
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.5, 511-515
 



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