15.07.2019

Briefe



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ID: 19805 Brieftext


Geschrieben am: 10.07.1867
 

Verehrte Freundin.
Eben erhalte ich Ihre Zeilen mit dem Poststempel Gießen; es ist schon der zehnte (es kommen nur zweimal wöchentlich Briefe an) und meine Antwort wird schwerlich noch zur rechten Zeit kommen! – Ich habe Ihre Musikalien vor meiner Abreise allerdings nicht in Ordnung gebracht, da sie doch im vorigen Sommer bei mir geblieben waren und ich nicht dachte, daß Sie während meiner Abwesenheit derselben bedürfen. Aber so viel weiß ich gewiß, daß ich das a-moll Conzert nicht mehr habe. Wohin ich es Ihnen im vergangenen Winter geschickt habe, ist mir jetzt nicht mehr erinnerlich; es ist mir nicht zurückgeschickt worden und muß wohl noch an dem Orte sein, wo Sie es zum letztenmale gespielt haben. Aber das Mendelssohnsche Conzert muß in einem der Koffer liegen. Ich habe zu Hause ein Verzeichniß Ihrer Musikalien, aber wenn ich auch den Schlüssel meines Schreibtisches meiner Wirthin schickte, um dasselbe hervorzusuchen, so würde das jetzt nichts nützen; denn daß das a-moll Conzert, das Sie gerade brauchen, nicht mehr bei mir ist, weiß ich genau. Ihr Brief fängt an: „Ich bin ganz in Verzweiflung“. Und ich erst? Mein Stolz war, meinen Ruf der Unordnung Lügen zu strafen und nun richte ich die heilloseste Confusion an! Ich schreibe mit derselben Post auch an Herrn Barth, um ihm anzuzeigen, daß er das Conzert nicht erwarten möge, daß er sofort Schritte thun möge, die Stimmen anderweit zu bekommen. Um ganz sicher zu gehen, schreibe ich auch meinem Theaterdiener, daß er alle Winkel meines Hauses durchsuche – aber das wird vergeblich sein. – Ich bin seit vorigem Samstag hier in Helgoland und stehe mit der See schon auf dem allerintimsten Fuße. Jede Äußerung der Natur ist doch Kinderspiel gegen einen Sturm auf dem Meere, wie wir ihn bei der Ueberfahrt und am ersten Tage hier erlebten; der Zustand, in den man geräth, ist nicht mehr Genuß zu nennen, es ist ein Delirium; alle Sinne sind wie umnebelt; man verliert den Zusammenhang mit dem Leben, die Erinnerung an dasselbe, ja das Bewußtsein der eigenen Persönlichkeit – man fühlt sich Eins mit dem Unendlichen. Seit Montag haben sich Wind und Wetter wieder beruhigt; es grollt nur noch ein wenig nach und da spricht das Meer wieder ein [sic] ganz andere, besondere Sprache, die in keine wirkliche zu übertragen ist und die doch Jeder versteht; es unterhält uns von dem was uns am liebsten ist, es kennt unsere Geheimniße, und geht auf sie ein, es wiegt uns ein und gaukelt uns die herrlichsten Träume vor, es läßt die Gedanken nicht an trübem Vergangenen haften, sondern richtet den Blick auf die Zukunft, auf goldene Luftschlösser – –
Ich habe die schönste Wohnung auf der Insel aufgespürt; auf einem Felsenvorsprung, der senkrecht in einer Höhe von vielleicht 150 Fuß aus dem Meere emporsteigt. Vor dem Hause ist ein Gärtchen – das einzige in Helgoland, wo sonst nur kümmerliches Gras und prosaische Kartoffeln wachsen – mit schönen Bäumen und einer dichten Laube; da liege ich dann nach dem Frühstück (bei gutem Wetter) und starre hinaus in die Weite, dann wird gebadet – gegenüber der Insel auf der Düne, wohin man erst nach halbstündiger Seefahrt gelangt – dann zweites Frühstück – Hummer mit Aal – dann lege ich mich an den Leuchtthurm in’s Gras und lese etwas, oder vielmehr ich thue so, denn der Blick will am Buche nicht haften – Nachmittags mache ich regelmäßig eine 3stündige Meerfahrt in einer Fischerschaluppe; in Wasserstiefeln, Gummirock und Mütze stehe ich dann vornan am Bugspriet – Sonntag mußte ich mich sogar festbinden lassen – und dann je toller, je besser – heideldideldum wie die Wellen über das Schiff herüberschlagen, dieses bald von einem Wasserberg gehoben, bald in einen Abgrund hinabgeschleudert wird – und wie der Wind Einem um die Ohren saust und dazu die wettergestählten kupferbraunen Gesichter der Seeleute, die Segel und Steuer handhaben und mit denen ich schon dicke Freundschaft geschlossen habe – Gestern machten wir eine große Fahrt, um zu angeln – ich habe 3 Seezungen erbeutet. Heute geht es wieder hinaus – bis mein Geldbeutel Halt gebietet. So vergeht jeder Tag in süßem far niente.
Thalatta, Thalatta!! –
Warum haben Sie mir denn nicht selbst geschrieben; fühlen Sie sich denn nicht wohl? Und warum hat die Schreiberin nicht von sich aus einen Gruß beigefügt oder etwas erzählt von dem Häuschen und seinen Bewohnern? und von Ludwig? –
Das Schiff, das mir Ihren Brief gebracht, geht morgen ganz früh wieder ab – ich muß schließen. Heute in 3 Wochen werde ich mich gesundheitstrotzend wieder einfinden zu einem 10-monatlichen „Landaufenthalt“ mein eigentliches home wird wohl in Zukunft die See bleiben. Von der Badegesellschaft kenne ich noch keine Seele und werde auch fernerhin nur mit meiner eigenen Gesellschaft vorlieb nehmen; – ich werde alt und immer schwerfälliger im Anknüpfen von neuen Beziehungen; dafür halte ich aber die alten immer höher und fühle mich so geborgen in ihrem Besitze, daß ich die ganze übrige Menschheit gleichgültig an mir vorüber gehen sehe. Leben Sie wohl. Am 16ten Abends werde ich den Daumen einschlagen!
Mit herzlichen Grüßen für Ihr ganzes Haus
In treuer Freundschaft Ihr
Hermann Levi

Helgoland 10 Juli 1867.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absender-Institution:
  Absender Ort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfänger-Institution:
  Empfänger Ort:
  SBE: II.5, S. 516f.
 



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