19.12.2019

Briefe



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ID: 19808 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 23.11.1867
 

Verehrte Freundin.
Ich komme erst heute zu einem ruhigen Stündchen, Ihnen aus vollem Herzen zu danken, daß Sie meiner am 7ten November gedacht, und in so lieber herzlicher Weise. Daß Sie selbst, trotz Arbeit und Sorge und Armweh mir das herrliche Lied abgeschrieben haben, ist mit ehernen Lettern für alle Zeit in meinem Herzen eingegraben als ein Zeichen, wie der helle Sonnenschein der Freundschaft noch immer die schwersten Wolken durchbrechen und mein Leben mir werth machen und verschönern konnte. Es ist fast als wollte ein gütiges Geschick mir jeweils an meinem Geburtstage durch die untrüglichsten Beweise, daß ich Menschen noch etwas bin und sein kann, Kraft verleihen, allen Stürmen, mit denen ich mich das Jahr hindurch herumzuschlagen habe, zu trotzen, denn Alles was mir das Leben Schönes gebracht hat und noch bringt, scheint an jenem Tage concentrirt, gesteigert; das Widrige verschwindet im Weiten, mein Blick löst sich von ihm los – aufwärts zum Himmel, an dem sich sogar, wenn ich genauer zusehe – Baßgeigen zeigen – und ich bin erfüllt von innigem Dankesgefühl gegen die geheimnißvolle Macht, die ich nicht zu nennen, und nicht anders zu verehren vermag, als durch treue Anhänglichkeit an das Organ durch das sie zu mir spricht – meine Freunde. Der Briefträger brachte mir am Morgen einen ganzen Ballen Briefe, die ich auf dem Tische ausbreitete und der Reihe nach (die Rangordnung verschweige ich) öffnete. Dann kam ein Dienstmann mit der Karte von Elisabeth Ney, die mir ihre Ankunft anzeigte, Mittags war ich bei meiner Schwester, bei der tags zuvor meine ältere Schwester mit Mann und Kind angekommen waren und so ging es in einem Schmunzeln fort. Und als wenn vom 7. November 67 durchaus eine neue Epoche für mich datieren müsse – nicht nur in mein Verhältniß zu M. – Sie wissen wen ich meine –, sondern es regte sich auch plötzlich der alte Compositionsteufel – hoffentlich nicht für die Dauer – und dictirte mir ein frisches Lied –: „Das Beet, schon lockert sich’s in die Höh’“ von Goethe. Ihre Sendung kam erst acht| Tage später; die Postverwaltung wollte mich wohl vor Polykrates-Gefühlen bewahren und mir nicht Alles auf einmal zukommen lassen. Die Gildemeistersche Uebersetzung8 kannte ich noch nicht; Byron überhaupt bis jetzt nur wenig. Sobald ich wieder ein wenig zu mir selbst komme – nach dem 3. Dez, werde ich anfangen, diese Lücke meiner Literaturkenntniß auszufüllen. Das Fis-moll-Lied ist über alle Maßen schön und ergreifend; meine Freude darüber wird nur durch Ihre Andeutung – „Geburtstagsstimmung von Unsereinem“ einigermaßen getrübt. Ist denn der 6te Mai, das Datum der Composition sein Geburtstag? Es wäre fürchterlich, den Inhalt des Gedichtes als einen Ausdruck seiner gegenwärtigen Stimmung betrachten zu müssen. Aber wenn auch! Ich habe an mir selbst erfahren, daß wir aus allem augenblicklichen Elend doch unser besseres Selbst herausretten, um wie viel mehr, wenn dieses letztere so gewaltig, so reich ist wie bei Johannes. Da passt wohl der Goethe’sche Spruch: „Es kann wohl sein, daß der Mensch durch öffentliches und häusliches Geschick zu Zeiten gräßlich gedroschen wird; allein das rücksichtslose Schicksal, wenn es die reichen Garben trifft, zerknittert nur das Stroh, die Körner aber spüren nichts davon und springen lustig auf der Tenne hin und her, unbekümmert, ob sie zur Mühle, ob sie zum Saatfeld wandern.“ Freilich kommt auch mir manchmal eine Angst um ihn, wie damals, als ich Ihnen nach dem Durchspielen seines E-dur Liedes jenen dummen Brief nach Baden schickte, der besser ungeschrieben und ungedacht geblieben wäre. Lassen wir ihn getrost gehen; es ist schon dafür gesorgt, daß die Körner zum Saatfeld wandern und die herrlichsten Früchte reifen. – Die „Abenddämmerung“ will mir bis jetzt noch nicht in Ohr und Herz! Ist das betrachtende, schildernde Gedicht überhaupt componibel?
Genoveva schreitet rüstig vorwärts. Gestern war die erste Ensemble-Probe mit Orchester, die sehr gut von Statten ging. Die Sänger, die erst, wie gewöhnlich, gewaltig schrieen über Schwierigkeit und Undankbarkeit ihrer Rollen, sind jetzt mit aller Wärme – soweit sie solcher fähig sind – dafür und geben sich die größte Mühe. Genoveva – Fräulein Lüdeke wirkt freilich mehr durch verständige Auffassung und Characterisirung als durch schöne Stimme, und das ist grade bei dieser Rolle mit ihren zarten Cantilenen ein Uebelstand – (dazu denke ich mir eine Dustmann oder Wippern) doch wird sie, denke ich, im Ganzen sympathisch wirken. Golo – singt die Arie wunderschön; schon im ersten Orchester-Konzert hat er mit derselben großen Effect gemacht. Jedenfalls wird die Aufführung so werden, daß ich mich nicht zu schämen habe, wenn Sie dieselbe, wie ich bestimmt hoffe, im Dezember hören. In den Leipziger Stimmen waren, wahrscheinlich von der Aufführung bei Gelegenheit der Zukünftlerversammlung 1859 her die gröbsten, dummsten Striche, die ich alle wieder hergestellt habe. Dagegen habe ich im Duett zwischen Golo und Margaretha (im Schlußtempo) einen ganz kleinen Strich gemacht. Ebenso sind im 3ten Acte in der Scene zwischen Siegfried und Golo einige Phrasen weggeblieben, um die Scene zu beschleunigen. (Glaubst Du an solche Wunder? Ich nicht viel etc.). – Wollen Sie mir nicht mittheilen, wo Sie am 3. Dezember sind, damit ich Ihnen gleich melden kann, wie es gegangen?
Heute Abend ist die erste Arrangir-Probe, vor der mir am meisten bange ist, denn die musikalischen Schwierigkeiten sind unbedeutend gegen die scenischen. Ich habe mir mit dem Regisseur schon den Kopf zerbrochen, ohne einen Ausweg zu finden. Besonders sind es die Chöre hinter der Scene, die uns zu schaffen machen; es ist nämlich keine Verbindung zwischen dem Hauptdirigenten und dem hinter den Coulissen möglich. Wenn also nicht Alles durcheinandergehen soll, muß ich das Orchester so piano spielen lassen, daß ich den Chor oben hören, ihm folgen kann und das hat bei dem E-dur-Chor (Auftritt und Abgang der Krieger) und bei den Bildern seine Bedenken. Auch die letzte Verwandlung ist mit der hiesigen Bühneneinrichtung schwer wirksam zu machen; es muß ein Zwischenvorhang fallen, um die Wüstendekoration wegzuräumen und den Schloßhof einzurichten; das wird Lärm oben und im Publikum geben und es ist die Frage, ob damit noch irgendeine Correspondenz meinerseits mit dem Chor möglich ist; vielleicht muß ich zu dem Auskunftsmittel greifen, die Choralmelodie, so lange der Vorhang heruntergelassen ist, nur von dem Orchester spielen zu lassen. Devrient wollte im Anbetracht dieser Schwierigkeit und um dem Schluß – da doch das eigentliche Drama mit dem Auftritt Siegfried’s zu Ende ist – zu beschleunigen, die Verwandlung überhaupt aufgeben; Hidulfus mit dem Chore einfach auftreten lassen – dagegen habe ich aber protestirt. Auch der Dekorateur stellte sich auf Devrients Seite, weil er erklärte, die Dekoration im ersten Akte (Schloßhof) würde sehr mager ausfallen, aller Aufbau, Treppen u. s. w. wegfallen, wenn man verlangte, daß sie im letzten Akte in einer Minute wieder aufgestellt sei. Daß ich mich trotzdem nicht darauf eingelassen habe, geschah aus der Empfindung, daß der Schluß der Oper die Wiedereinführung Genoveva’s in ihr Schloß, also die vollständige Rehabilitierung derselben sein müsse und daß auch der musikalische Effect durch das Abziehen, Wiederkommen und Erwarten des Chores gewahrt werden müsse. Ich habe lange geschwankt, ob ich mich, ehe ich an’s Einstudiren ging, nicht mit Ihnen in’s Benehmen setzen solle wegen theilweiser Umarbeitung einzelner Scenen. Die Oper wäre dazu angethan, ein Repertoirestück aller deutschen Bühnen, ein Lieblingsstück aller deutschen Musiker zu werden, wenn einige lediglich formale Mängel – die ich wenigstens als solche erkenne – beseitigt wären. Dann aber schrak ich wieder vor der Größe und Verantwortlichkeit solchen Unternehmens zurück – und unterließ es in der Ueberzeugung, daß dazu Liebe und Pietät und einige in sechsjähriger Wirksamkeit am Theater erworbene Bühnenkenntniß allein noch nicht ausreichen. In seiner jetzigen Gestalt wird das Werk erfreuen aber nicht zünden; die Intentionen des Componisten werden vielleicht nicht alle zur Geltung kommen; der Hörer wird wohl von den Schönheiten des Details ergriffen werden, das Ganze als solches aber nicht kapiren. Aus der Oper, wie sie da ist, könnten wohl 3 Opern geschnitten werden, so abondant ist der musikalische Inhalt und gerade dieser Ueberreichthum ist es, der ermüdet, weil Ohr und Aufmerksamkeit bei Dramatisch-Bedeutendem wie -Nebensächlichem gleichmäßig gefesselt wird. Die Musik sollte sich in der Oper meiner Ansicht nach nur da ausbreiten, wo es gilt Stimmungen Ausdruck zu geben, sich dagegen da, wo die Handlung ihr Recht verlangt, auf ein einfaches Folgen, Unterstützen, Illustriren derselben beschränken. In Anerkennung dieses Grundsatzes haben die Alten im Allgemeinen alle scenischen Ruhepuncte, die sich zum Ausklingen einer Stimmung eignen, in gebunden-musicalischer Form behandelt, alles zur eigentlichen Handlung gehörige in den Dialog oder das Recitativ verwiesen. Ob in letzterem Falle Gluck durch orchestrale Wirkungen noch characterisirt, oder ob Mozart in seinen Secco-Recitativen auf jegliche Characterisirung durch die Musik verzichtet, kommt dabei auf das Gleiche heraus. Genug, daß bei Beiden der Schwerpunct auf dem Worte, der Declamation ruht. Das ist freilich mit der Zeit zur Schablone geworden, aber ganz über Bord werfen läßt sich das Gesetz nicht. Ich will mich durch ein Beispiel näher erklären. Der dritte Act fängt mit einer Unterredung zwischen Siegfried und Margaretha an. Siegfried sehnt sich nach Hause; Marg. sucht ihn zu fesseln, indem sie ihn nach ihren Zauberkünsten, dem Spiegel lüstern macht. Siegfried sagt halb zu, zu kommen, Margaretha geht ab und nun erst macht Siegfried seiner bisher zurückgehaltenen Stimmung in einem frischen Liede Luft. Wie anders würde dieses wirken, wenn nicht vorher ein (wenn auch an sich betrachtet schönes) Duett mit glänzender Instrumentation stände, und um wie viel deutlicher, faßlicher würde seine Scene mit Margaretha werden, wenn sie eben nur rezitativisch d. h. so daß der Hörer nur scenisch, nicht auch musicalisch gefesselt wäre, gehalten wäre. Dasselbe gilt von der Scene Golo’s mit Drago im 2ten Akt, die auch durch die gebundene musikalische Form schwer verständlich sein wird. Welche Gegensätze! Wagner verbannt die musikalische Form zu Gunsten der recitativischen, Schumann umgekehrt die recitativische zu Gunsten der musikalischen! Gewiß waren Beide von dem Bedürfnisse geleitet, sich von dem hervorgebrachten Formalismus, dann von der italienischen Oper Schlendrian zu emancipiren. Die Wahrheit liegt eben in der Mitte!
Warum sage ich Ihnen das Alles. Vielleicht verstimmt es Sie, vielleicht nennen Sie mich unverständig oder anmaßend, vielleicht aber auch giebt es Ihnen die Anregung, einmal mit einem bedeutenden Menschen und besseren Critikus als ich es bin, über die Sache zu reden, ihm vielleicht die Befugniß der Handhabung des Rothstiftes in der Partitur – natürlich unter eigener Gutheißung – zu übertragen – und das ist mir genug. –
Ich werde heute noch an Rosette schreiben, sie möge mit Frl. Julie zum 3. Dezember hierherkommen; auch Frl. Elise werde ich darum bitten. Nicht wahr, Sie reden auch zu? Es wird gewiß noch einmal so gut gehen, wenn ich in dem Auditorium einige verwandte Menschen weiß. Ich habe auch Senff geschrieben, daß er den Tag bekannt mache, denn ich rechne auf zahlreichen Besuch von auswärtigen Musikern.
An Elisabeth habe ich wieder meine herzliche Freude gehabt. Ich gebe die Hoffnung noch nicht auf, Sie einst noch milder gegen sie zu stimmen. Der Gedanke, meine Freunde von meinen Freunden verkannt zu wissen, wird mich nicht ruhen lassen, bis ich einmal eine Begegnung arrangirt habe und ich bin sicher, daß sie sich gefallen werden. Von Extravaganz des Lebens und Wesens ist keine Spur mehr in ihr; im Gegentheil, bei unseren Gesprächen zeigte sich oft, daß sie den praktischen, reactionären, ich den idealen, fortschrittlichen Standpunkt vertrat, welche Beobachtung uns höchlich amüsirt hat. Sie ist womöglich noch schöner geworden, ihr Ausdruck milder, ihre Züge ruhiger! – Auch von Emma hatte ich zum Geburtstage lieben Brief; die Correspondenz ist wieder er-
öffnet (soweit bei mir von Correspondenz die Rede sein kann). – | Der Hauptgeburtstagswunsch Ihres Briefes scheint in schönster Weise in Erfüllung zu gehen. Mein Verhältniß zu M. scheint sich schönerer Weise zu gestalten als ich es nach dem was zwischen uns ausgesprochen werden musste, je träumen durfte. Wollte Gott, daß nun Alles trübe hinter uns liege! Ich finde sie, wie von einer Krankheit erstanden, so erstarkt, so heiter, so unbefangen. Goethe sagt einmal: „Unreine (lies Unberechtigte, Schwierige) Lebensverhältnisse soll man Niemandem wünschen; sie sind aber für den, der zufällig hineingeräth, Prüfsteine des Charakters und des Entschiedensten, was der Mensch vermag.“ Wundern Sie sich nicht, daß ich so viel Goethe citire? Das ist sonst meine Sache nicht, aber ich habe in der letzten Zeit wieder Entdeckungsreisen in Goethe’s Werken gemacht und da kommen mir denn wider Willen Citate in die Feder. Es ist eine gefährliche Lectüre, denn er nimmt uns mit Haut und Haaren gefangen und man giebt sich ihm gern, mit ganzer Seele hin. – Wenn Sie Brahms schreiben empfehlen Sie ihm doch das 8te Lied aus den „Chinesisch-Deutschen Tages- und Jahreszeiten“ zur Composition! Es klingt zwar schon ohne Musik wie Musik und ist auch wie die „Abenddämmerung“ vielleicht zu sehr beschreibend für die Composition, indessen er wird schon damit fertig werden. Vielleicht ist es ihm bisher entgangen. Das „Herbstgefühl“ verfolgt mich unaufhörlich; die Stelle vor Allem: „So schauert über mein Leben“ und der Schluß: Gieb’ Dich zur Ruh! Ist Ihnen aufgefallen daß diese 4 Noten fis e. d. d. schon in dem ersten Theile des Liedes enthalten sind, daß überhaupt der Rückgang nach fis-moll bis zum Schlusse nur eine Wiederholung, und zwar eine ganz genaue, des ersten Theiles ist? Diese wunderbare Ebenmäßigkeit von Form und Inhalt ist es, die ihm den Platz neben den Classikern sichert. –
Nun aber sei es genug des Plauderns, Ich sehe mit Grausen welche Dimensionen meine Epistel anzunehmen anfängt. M. lässt Sie herzlich grüssen; wir sprachen viel von Ihnen, ich habe ihr natürlich gesagt, was wir bei unserem Spaziergange in Baden verhandelt haben und sie fand es natürlich, daß ich mich einmal aussprechen musste. Leben Sie wohl! Ich drücke Ihnen im Gruße nochmals herzlich die Hand! Für die Freude, die Sie mir durch Ihren Brief, die Lieder und Byron gemacht. Daß ich ihr nicht früher Ausdruck gegeben, liegt in tausend Ursachen, der Anwesenheit meiner Schwester und deren Mannes, mit denen ich in meinen freien Stunden zusammen war, welch letztere ohnedies gezählt waren etc. Vergessen Sie nicht, mir zu schreiben, wo Sie am 3ten sind! Die zweite Aufführung ist am 8ten. Ich freue mich unendlich darauf und möchte wenigstens in Gedanken bei Ihnen sein können.
In treuer Freundschaft allezeit Ihr
Hermann Levi.

Carlsruhe 23. Nov. 1867.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort: Karlsruhe
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
523-531
 



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