15.07.2019

Briefe



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ID: 19810 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 11.12.1867
 

Verehrte Freundin.
Natürlich müssen Sie eine Aufführung der Genoveva hören! Wir haben vorläufig als den Tag derselben den 3. Januar festgesetzt. Wie wäre es, wenn Sie dann am 4ten oder 6ten ein Conzert hier gäben? Wenn Stockhausen, wie ich hoffe, zur Genoveva herkommt, mit demselben, wenn nicht, mit unsren hiesigen Kräften, oder mit Orchester?? – Die zweite Aufführung am 8ten verlief ganz prächtig und unter lebhaftester Theilnahme des Publikums. Nach dem ersten Akte großer Beifall und Hervorruf; später ist nicht mehr Gelegenheit, in die Hände zu klatschen, aber man merkte doch, daß die Leute mit gespannter Theilnahme folgten. Alle Gebildeten und Gutgesinnten stimmen darin überein, daß sich die Lebensfähigkeit der Oper nun auf das entschiedenste dokumentirt hat. Es hat mich innig gefreut, daß Sie meine in meinem ersten Briefe ausgesprochenen Bedenken so richtig erfasst haben; nur meine Liebe zum Werke hat sie mir dictirt und über kurz oder lang muß auch geschehen, was ich im Auge habe – den Erfordernissen der Bühne muß durch Sichten und durch Hineinbringen von Licht und Schatten Rechnung getragen werden. Aber wo ist der Mann, der dazu das Selbstvertrauen und die Fähigkeit hätte? – Die letzte Hälfte des 4ten Aktes wurde in meinem, resp. des Componisten Sinne gegeben, also mit Verwandlung. Nach der ersten Aufführung aber fragte ich Devrient, ob er, wenn ich ihm gestände, daß ich ein Kamel sei, das nächstemal die Verwandlung weglassen wollte? Er lächelte triumphierend und nun wollen wir es auf seine Weise, dadurch das Hidulfus mit dem zweiten Chore auch in die Wüste kommt, probiren. Durch die Verwandlung ging der musikalische Effect des G Dur-Satzes rein verloren. Ich bekenne reumüthig, daß Devrient eben doch einen ganz anderen praktischen Sinn hat, als Unsereiner. – Von Zürich und Basel waren Kirchner, Hegar und Walter herübergekommen. Kirchner blieb noch bis Mittwoch; wir werden mündlich von ihm reden. Wahrscheinlich ist noch diese Woche eine dritte Aufführung, da die Prinzessin von Hessen, die wegen Unwohlsein der Großherzogin Sonntag nicht kommen konnte, eine solche wünscht. Mir ist das sehr recht, denn je mehr die Oper dem Publikum vorgeführt wird, desto mehr wird ihre Anerkennung wachsen. Unsre Leute haben sich wirklich die größte Mühe gegeben; die Vorstellung gehört als solche zu unsren allerbesten. Das Orchester ist prächtig und die Sänger geben soviel her als sie mit ihrer (immerhin beschränkten) Capacität eben geben können. Für die Arie im 4ten Akte möchte ich allerdings eine Mallinger oder Dustmann! – – Augenblicklich ist großer Levi’scher Familienkongreß; mein Vater, Schwester, Schwager und Neffe, die alle bis Weihnachten bleiben. Ich muß mir ein paar Minuten förmlich stehlen – deßhalb für heute genug und auf fröhliches, herzliches Wiedersehen in Frankfurt. Haben Sie vielen Dank für Ihren letzten Brief; ich weiß selbst nicht, wie ich dazu kam, Ihnen M.’s Brief mitzusenden; mündlich mehr davon, wie über vieles Andere. Ich bin in so rosiger Stimmung über alles in der letzten Zeit Erlebte wie seit Jahren nicht und singe den ganzen Tag Heideldideldum. Und bei allem Schönen, was mir das Geschick zuträgt, gedenke ich der allerbesten Freundin, die mir trotz aller Säumlichkeit im Briefschreiben und trotz manchem Andern, was ich das Jahr hindurch begehe oder unterlasse, ein wenig gut bleiben wird!?
Mit den herzlichsten Grüßen allezeit Ihr treuer
Hermann Levi.

Carlsruhe 11. Dez. 1867.

Einen herzlichen Gruß an Frl. Marie. – Elise wird Ihnen von hier geschrieben haben.
Eben wird eine Rezension gebracht, die unter Kreuzband nachfolgt.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort: Karlsruhe
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.5, S. 536ff.
 



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