15.07.2019

Briefe



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ID: 19813 Brieftext


Geschrieben am: 29.05.1869
 

Verehrte Frau.
Sie sind in Ihrem Entschlusse, nach St. Moritz zu gehen, wieder wankend geworden, und zwar, wie mir Will sagt, hauptsächlich Felix’ wegen? Und doch hat Ihnen der Aufenthalt im vorigen Jahre so wohl gethan! Lässt sich denn kein Ausweg finden, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden; könnte Felix denn nicht mitgehen oder nachkommen? Entgehen Sie doch der Juli-Hitze, die gerade in Baden drückend und erschlaffend auf die Nerven wirkt! Wie gerne möchte ich Ihnen mündlich die tausend Gründe entwickeln, warum die Reise für Sie dringend geboten ist; aber Sie kennen die traurige Veranlassung, die mich zwingt, hierzubleiben. Mit unserm alten Herrn steht es so schlecht als möglich; die Aerzte geben wenig Hoffnung. Ich kann den Gedanken, ihn verlieren zu müssen, kaum fassen. Was wird aus der Familie werden, was aus unserem Institute? Die unlauteren Elemente, von denen jede Bühne wimmelt, und die Devrients Ueberlegenheit bisher niedergehalten hatte, machen sich schon breit; da gilt es den Kopf oben zu behalten und zu retten, was zu retten ist. Ich sitze, um Herr der Situation zu bleiben, den ganzen Tag auf dem Bureau, controlire jeden Menschen, der aus- und eingeht, und jeden Brief, der einläuft – wie ein Polizist. Morgen oder übermorgen erwarten die Aerzte eine Crisis; keinesfalls wird er nach ihrem Ausspruch – wenn er genesen sollte – je wieder sein Amt führen können! –
Hat Sie Frl. Murjahn besucht? Man sagt mir freilich nach, daß ich sehr schnell lichterloh brenne; aber hier müsste man schon von Eis sein, um nicht Feuer zu fangen. Ich habe nie so vollendet singen hören; es war eine Figaro-Vorstellung, die ich mein’ Tag’ nicht vergessen werde; alle Mitspielenden waren hingerissen, auch die sonst mittelmäßigen Kräfte wurden zu bedeutender Leistung emporgehoben; es war mir, als ob mir jetzt erst das Verständniß für Mozart aufgegangen wäre; ich vergaß ganz, daß ich dirigirte, sah nur immer Will verständnißinnig an. Wenn das Mädchen dem Schicksal der meisten Sängerinnen entgeht, wenn sie sich trotz der ihrer wartenden Triumphe ihre Einfachheit und Reinheit bewahrt, so fängt eine neue Aera unsrer Oper an, und ich habe einen Grund mehr, mich zu freuen, daß ich der Wiener Sirene widerstanden. Leider hat sie sich nur auf ein Jahr gefesselt. Devrient meinte, ich solle sie nach Ablauf derselben heirathen, um sie dem Institute zu erhalten! Das wäre zu überlegen? – – Daß Sie Frl. Deines als Schülerin angenommen haben, damit verdienen Sie sich einen besonderen Gotteslohn. Ich hätte nicht die Courage gehabt, sie Ihnen direct zu empfehlen, denn ihre Fähigkeiten sind recht mäßig. Wenn man mit Eifer und Gewissenhaftigkeit und Ehrenhaftigkeit, statt mit den Fingern, Klavier spielen könnte, wäre sie gewiß die Allererste. – Frau Viardot hat mir die Partitur ihrer Oper, le dernier sorcier geschickt. Auf dem Papier sieht die Sache freilich ganz anders aus, als sie sich, von ihren Töchtern gesungen, anhört. Ich finde mein Bedenken, daß ich von vornherein ihr gegenüber geäußert, daß sich solche Kleinigkeit nicht in einen großen Rahmen übertragen lasse, vollständig gerechtfertigt. Die Partitur ist geradezu ärmlich. –
Anfang der nächsten Woche werde ich hoffentlich nach Baden kommen können. Ich werde noch einmal eine herzhafte Attaque in Bezug auf St. Moritz versuchen. Ich kann Sie versichern, daß ich auf der Reise ein ganz ordentlicher, sozusagen liebenswürdiger Mensch sein kann. Riskiren Sie es doch einmal mit mir! Ich hatte mir Alles schon so schön ausgemalt – wie wir im Einspanner wie weiland gen Neuenahr,den Berg hinauffahren und wie wir uns grugeln, wenn uns ein Wagen entgegenkommt, und wir nach der Seite des Abgrundes ausweichen müssen, und wie wir Fußtouren machen und wie wir uns – oder Sie mich – zanken und wir uns wieder vertragen, und wie wir nach beendeter Cur hinunter an den Comer See fahren und Emma in Palidano besuchen, und nachher nervengestählt und herzensfrisch zurückkommen – und nun sollte Alles wieder nichts sein? –
Sagen Sie Ihren Kindern und Johannes herzliche Grüße. Letzterem schicke ich heute unter Ihrer Adresse ein Buch, das er so bald als möglich an „Gr. Generaldirection des Hoftheaters“ unter Kreuzband zurückschicken möge. Seine Brieftasche werde ich mitbringen, wenn ich nach Baden komme. Leben Sie wohl. Immer Ihr getreuster
Hermann Levi.

Carlsruhe 29.5.69.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absender-Institution:
  Absender Ort: Karlsruhe
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfänger-Institution:
  Empfänger Ort:
  SBE: II.5, S. 544ff.
 



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