15.07.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 19822 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 05.10.1870
 

Verehrte Freundin.
Der vorgestrige Tag verlief so überaus schön, daß ich leichtsinniger Weise beim Abfahren vom Rebstock Ihren Töchtern sagte, es werde uns gewiß beim Nachhauseweg Etwas recht in die Quere kommen. Und es kam Etwas; erst das Brechen der Wagenbank, worüber ich lachte; dann aber Etwas, worüber ich gar nicht lachte, und was mir heute noch in den Gliedern steckt. Und dieses Etwas muß ich mir vom Herzen losschreiben und damit das dunkle Fleckchen, das auf jenem sonst spiegelhellen Tage haftet, wieder blank putzen. Sie haben in Beurtheilung meiner Handlungsweise Wagner und der Münchener Intendanz gegenüber einen Ausdruck gebraucht, der von fußlosen, geringelten Thieren entnommen ist und mit welchem man eine Charaktereigenschaft kennzeichnet, die mit dem Stehlen silberner Löffel direct verschwägert ist. Als jenes Wort Ihren Lippen entfloh, war ich zuerst verdutzt, sagte gar nichts, dann bemühte ich mich, Ihnen den Hergang der Sache zu eigener Rechtfertigung klar zu machen, aber die Rede wollte nicht mehr recht fließen – es rumorte zu stark in mir. Später kam noch die Wirkung des genossenen Pferdefleisches dazu, kurz mir war körperlich und moralisch sehr elend zu Muthe. Aber es war auch nicht Recht von Ihnen, ohne einige Kenntniß des Geschehenen, nur so auf Hörensagen, ein so grobes Urtheil zu fällen, daß wenn man seine Consequenzen ziehen wollte, mich als einen ganz entfehmten Jasuwiter hinstellen würde. Ich glaube nicht, daß der Sinn für Eitelkeit und Empfindlichkeit stark in mir ausgeprägt ist; ich bin ein arger Sünder, und bin gewissen Leuten sehr dankbar, daß Sie über gewisse, leider unverbesserliche Charakterfehler ein Auge oder zwei zudrücken, lasse mir auch ein Rügen meiner Fehler und ein gelegentliches derbes Abkanzeln ruhig und ohne Muchsen gefallen. Wenn aber der ganze Charakter eines Menschen in Frage gestellt wird, wenn man von Jemandem, dem man sonst freundschaftlich und herzlich gesinnt war, annehmen kann, daß er in einer Frage, die nur künstlerische Interessen berührt, seinen eigenen Vortheil im Auge haben könne, daß er im Stande sei, einen Entschluß zu fassen, nicht sowohl im Gefühle ehrlicher Künstlerschaft, als um sich den Dank eine berühmten und einflußreichen Mannes zu sichern, so ist das sehr hart u. schmerzlich. Ich habe mir im Leben schon manchmal die Finger verbrannt, gute Freunde haben sich von mir abgewendet, weil ich ihnen auf Verlangen die Wahrheit sagte, seit meinem 18ten Jahre habe ich nicht mehr gelogen (schon weil man zur Durchführung einer Unwahrheit ein gutes Gedächtniß braucht, dessen ich mich nicht rühmen kann) – und nun sollte ich in meinen alten Tagen den geraden Weg, den ich allezeit als den leichtesten und praktischsten erfunden habe, verlassen und Schleichwege wandeln? Doch ich will mich nicht vertheidigen, noch weniger Sie anklagen. Meine Zeilen haben, wie gesagt, keinen anderen Zweck, als mir eine Dissonanz vom Herzen wegzuschaffen. Und nun ist es heraus und damit gut und ich denke, wir reden nicht mehr davon, sonst wird noch die Mücke zum Elephanten und grüßen Sie mir herzlichst die Tante und kommen Sie Alle nächsten Sonntag zum Don Juan herüber und schön war es doch vorigen Montag und zum Schluß einen herzlichen Händedruck von
Ihrem treuergebenen
Hermann Levi.

Carlsruhe. 5.10.70.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.5, S. 564f.
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.