19.12.2019

Briefe



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ID: 19824 Brieftext


Geschrieben am: Montag 05.06.1871
 

Verehrte Frau!
Meiner Schwester geht es so überraschend gut, wie ich es noch vor 8 Tagen kaum zu hoffen gewagt hätte. Sie ist täglich einige Stunden ausser Bett, geht ein wenig im Zimmer umher, schläft des Nachts ruhig ist vollständig fieberfrei und besten Muthes. Und dennoch wage ich noch nicht, Hoffnung zu schöpfen; noch immer klingt mir das vernichtende Todesurtheil Friedreich’s in den Ohren; auch der hiesige Arzt will nur einen augenblicklichen Stillstand, keine wesentliche Besserung constatiren. Indessen – die Aerzte können irren, die Natur kann noch im letzten Augenblick menschlicher Voraussicht spotten – im Guten wie im Schlimmen – und wenn man, wie ich, Monatelang der unmittebaren Gefahr in’s Auge gesehen hat, lernt man, sich an den Moment zu klammern, und der Moment ist, wie gesagt, so günstig und vielversprechend als möglich. Ihre Grüsse habe ich ihr gleich zugebracht; sie ist für jedes Zeichen der Theilnahme im Gegensatz zu den meisten Kranken, die leicht verwöhnt und launisch werden, unendlich dankbar; sie erwiedert ihren Gruß aufs Herzlichste und bittet im Voraus um die Erlaubniß, wenn sie erst soweit sein wird, einen längeren Aufenthalt in Baden nehmen zu können, – sich zuweilen ein Stündchen in Ihrem Garten sonnen zu dürfen. Ich könnte sie jetzt recht wohl einmal einen Tag verlassen, (sie drängt mich sogar dazu) und dieser erste Erholungstag würde natürlich in Baden verbracht werden, aber es ist in der letzten Zeit ein anderer Hinderungsgrund meiner Entfernung von hier eingetreten, ein schwarzer Punkt in meiner amtlichen Stellung, der erst entfernt werden muß, und es kann immerhin Ende dieser Woche werden, ehe ich Sie sehen kann. Ein fulminanter, gegen meine Thätigkeit und meine Person gerichteter Artikel der Bad. Landeszeitung, der mir die Verantwortung für Dinge zuschob, die durchaus außerhalb meiner Competenz lagen, hat mich veranlasst, aus meiner zuwartenden, beobachtenden Stellung dem neuen Director gegenüber herauszutreten; ich werde dieser Tage Gelegenheit haben, mich dem Großherzoge gegenüber auszusprechen, und es wird von dieser Unterredung abhängen, ob die von mir zu constatirende Unfähigkeit des Directors anerkannt, die Mißstände in meinem Sinne beseitigt werden, oder ob ich selbst dem Institute, dessen Verfall ich nicht erleben möchte, Valet sage. Letzteres wäre mir – aus Gründen, die Ihnen bekannt sind – die erwünschteste Lösung, aber meiner Schwester wegen, und um den aufgenommenen Kampf siegreich durchzuführen, muß ich schon noch eine Weile ausharren. – – Ihre Strafpredigt über die sogen. Delicatesse in Geldsachen habe ich mir zu Herzen genommen, und werde demnächst meinen Schuldschein, bei Heller und Pfennig genau berechnet, praesentiren. Bei mir ist jene Delicatesse eitel Bummelei und Vergeßlichkeit; ich hatte, als Sie mich sprachen, wirklich vergessen, wieviel ich für die Theaterbillete ausgelegt. Soll aber nicht mehr vorkommen. – Iphigenia war herrlich; eine durchaus gelungene Aufführung; nur schade, daß ich mich bei schönen Stellen nicht umschauen konnte, wie in Baden. Es ist doch traurig, daß man unter einem Publikum von 1000 Köpfen nicht sechs zu nennen weiß, deren Urtheil Einem von Werth wäre. Nur mit Will wechsle ich verständnißinnige Blicke. Wieder hat sich mir bei der Iphigenia die Ueberzeugung bestätigt, daß alle sogenannten Reformen Wagners keine Neuerungen sind. Wagner stellt z. B. den Grundsatz auf, daß die bisher übliche Art und Weise, die freien-(Secco-)Recitative vorzutragen, dem Wesen der Musik insofern widersprechen, als sie ein Hauptelement derselben, den Rhythmus, gänzlich aufhebe; der Sänger dürfe also – auch im recitierenden Gesange – nicht die Freiheit haben, jede Note beliebig zu verkürzen oder zu verlängern, sondern der Componist müsse die Zeitdauer der Noten und Perioden durch genaue Takteintheilung und Tempobezeichnung vorschreiben; in der That dirigirt er seinen Lohengrin von Anfang bis Ende in 4/4 oder alla breve Takt. Nun war es bei der Iphigenia durch die Devrientsche Uebersetzung zum erstenmale möglich, die Recitative ohne Veränderung einer Note, mit genauer Beibehaltung der Gluck’schen Declamation wiederzugeben. Diese Declamation ist aber so meisterhaft, so fest in einen bestimmten, charakteristischen Rhythmus gebannt, daß der Sänger nur den Werth der Nothen wiederzugeben, also im Takt zu singen brauchte, um dem natürlichen Ausdruck der Worte gerecht zu werden; auf diese Weise schlossen sich gebundene Musikstücke und Recitative eng an einander an, verschmolzen zu einem Ganzen, wie ich es in ähnlich wohlklingender Weise noch bei keinem anderen Componisten empfunden. Angesichts dieser Lösung des Problems muß selbst Brahms gestehen, daß seine Zärtlichkeit für Secco-Recitative am Klavier oder gar für gesprochenen Dialog (für welch letzteren er noch bei Gelegenheit der Medea eine Lanze gebrochen) keinen rechten Halt mehr hat.
Der Schiller ist sehr billig, Sie werden kaum etwas daraufzulegen haben. – Ferdinand wird wohl jetzt auf dem Rückmarsch sein. Die preussischen Einjährigen sollen sofort nach ihrer Rückkunft entlassen werden. – Leben Sie wohl. Viele Grüße in Lichtenthal und Beuern. Auf Wiedersehen Ende der Woche.
In treuer Ergebenheit
Ihr
Hermann Levi.

Carlsruhe 5.6.71.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
572ff.
 



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