19.12.2019

Briefe



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ID: 19834 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 27.12.1871
 

Verehrte Freundin!
Leider – leider ist nun Alles verbruddelt! Als Sie mir schrieben, daß Sie erst um Mitte Januar in unsre Gegend zurückkämen, ersuchte ich Hiller, der auf einige Wochen zum Besuch seiner Tochter in Freiburg ist, uns in einem Conzerte zu spielen. Er nahm für die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr an. Dann schrieb er wieder, er ziehe die ersten Tage Januar vor; ich verabredete mit ihm den 6ten oder 8ten – und nun kommt heute Ihr Brief. Was nun beginnen? Hiller abschreiben kann ich nicht. Also muß ich wieder einmal, wie schon oft, auf spätere günstigere Zeit hoffen. Das Einzige was mich dabei tröstet, ist: daß es doch ein zu großes Opfer Ihrerseits gewesen wäre, das ich eigentlich kaum hätte annehmen können. Nun denke ich, Sie richten sich ein (vorausgesetzt, daß Sie nicht nach England gehen) Palmsonntag hier zu sein. Da wird das Triumphlied gesungen und bei der Taufe solchen Kindleins sollte die Frau Gevatterin nicht fehlen. Ich habe die Partitur wieder hier und fördere täglich neue Schätze zu Tage – bald dicke Goldklumpen und riesige Quadern, bald blitzende Steinchen und zierliche Arabesken. Wenn man einem Lernenden das Wesen des Schönen in der Musik klar machen wollte, so brauchte man nur das Hallelujah zu analysiren. Man sagt mir zwar nach, daß ich den Mund gerne recht voll nehme und daß ich rasch lichterloh brenne, hier aber dürfen Sie mir glauben, wenn ich mich nur in Superlativen ergehe. Wenn ich eben abkommen kann, spiele ich Ihnen die Partitur in Frankf. vor. Brahms selbst spielt so schlecht, oder vielmehr so nachlässig seine eigenen Sachen, daß Sie schwerlich einen rechten Begriff von dem Werk haben können. Und den letzten Satz kennen Sie wohl gar nicht? Die Vision mit dem weißen Pferd – und der Schlusssatz XXX
Gegenwärtig bin ich mit einem Operntext für ihn beschäftigt, habe heute Allgeyer zwei Akte vorgelesen, der ganz entzückt war. Nur der dritte macht mir noch Sorgen. (NB nicht ich bin der Dichter, sondern ein Freund von mir, ich rathe und helfe nur). Allgeyer meint, und ich vertraue seinem Urtheil, Brahms würde sicher zugreifen. Von dem Inhalt darf ich noch nichts verrathen. Wenn Einer berufen ist, uns auch im Opernwesen wieder die rechten Pfade zu zeigen, so ist Er es allein. So lange Wagner allein steht, ist es begreiflich und berechtigt, daß ihm alle Welt zujauchzt; denn wie man auch von ihm denken mag – daß es ihm heilig und ernst um die Sache ist, daß er sich die höchsten Ziele setzt und mit eminenter Begabung und rastloser Energie denselben nachstrebt, das darf man nicht leugnen. Wie es freilich mit ihm werden wird, wenn einmal ein Musiker wie Johannes ihm auf demselben Gebiete begegnet, das weiß ich nicht. – Ihren Nasenstüber wegen des Kusses bescheinige ich empfangen und eingesteckt zu haben. „Dat sällen wol Spitzen sein?“ sagt Bräsig. Was hat aber auch Allgeyer zu plaudern! Uebrigens gestehe ich, daß mich die Persönlichkeit Wagner’s mächtig angezogen hat. Auch mit Cosima könnte ich mich vertragen. In meinem Verhalten zu dem Componisten Wagner hat aber mein Mannheimer Aufenthalt Nichts geändert. Glauben Sie auch nicht, daß ich mich als Wagnerianer dort gerirt habe. Wagner weiß recht wohl, wie er mit mir daran ist, und daß er trotzdem nett und freundlich zu mir war, das rechne ich ihm hoch an. Doch das ist ein langes Kapitel – vielleicht das Einzige, worin wir uns nicht zusammenfinden können….
Den Weihnachts-Abend habe ich sehr gemüthlich bei Poetzens verbracht. Ueberhaupt athme ich wieder freier. Meiner Schwester geht es über alles Erwarten gut; vor einigen Tagen untersuchte sie der Arzt und fand einen vollständigen Stillstand des Krankheitsprozesses. Auch von meiner Freundin habe ich gute (indirecte!) Nachrichten. So sehe ich denn dem neuen Jahre etwas ruhiger entgegen. Möge dasselbe Ihnen vor Allem gänzliche Befreiung von den kleinen körperlichen Leiden bringen, die Sie in dem vergangenen so unaufhörlich geplagt haben. Sie sprechen immer noch von Schonung Ihres Armes? – Wie geht es in Italien und Berlin? Hat sich Frl. Eugenie wieder ganz erholt? Ich denke, ich hole mir die Antwort auf tausend Fragen, die ich noch thun möchte, mündlich, sehe Sie entweder in Fft oder Heidelberg. Wie wäre es, wenn Sie am 8ten eine Kammermusik-Soirée hier gäben? Wir haben hier zwar kein großes, aber doch ein ganz verständiges Publikum für dergleichen. (Wären Sie, wie Sie es vorhatten, Mitte Januar hierhergekommen, so hätte ich unbedingt zu einem eigenen Orchester-Conzert gerathen, hatte schon Schritte wegen einer auswärtigen guten Sängerin gethan). – Hiller bliebe gewiß zum 8ten hier; wir könnten das Bach’sche Conzert für 3 Klaviere spielen, d-moll Trio von Schumann (sehr lange hier nicht gehört), Ungarische Tänze, Frl. Schwarz sänge ein paar Lieder – nach dem Conzerte gemüthlicher Thé bei mir – Bitte überlegen Sie sich die Sache und sagen Sie zu!!! – Die Photographien wird Allgeyer schicken. Der Frl. Marie herzlichen Gruß. Auf baldiges Wiedersehen – hoffentlich hier! –
Ihr herzlich ergebener
Hermann Levi.

Che. 27.12.71.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
595-598
 



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