19.12.2019

Briefe



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ID: 19835 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 11.04.1872
 

Liebe Freundin!
Heute erst kann ich Ihnen wegen des Triumphliedes und der hier projectirten grösseren Musik-Aufführung Näheres mittheilen und auch noch ein paar andere Neuigkeiten erzählen: Ich gehe zum Herbst als Kapellmeister nach München, habe bereits meine Entlassung eingereicht und bin höchlich vergnügt über diese Wendung der Dinge. Ich war hier im letzten Jahr auf’s tiefste gestimmt; am Theater machte sich eine Richtung geltend, welcher ich nicht folgen wollte noch konnte, fortwährende Differenzen mit dem Direktor, ungenügendes Personal, Kalliwoda immer kindischer, dazu die kleine Stadt – ich hatte es herzlich satt, und war in der Stimmung, eine Kapellmeisterstelle in Buxtehude anzunehmen, wenn sie sich geboten hätte. Da auf einmal kommt mir von München ein Antrag zu, wie ich ihn schöner kaum wünschen könnte; unbestritten erste Stellung, bedeutender Gehalt, durchaus geordnete künstlerische Zustände, herrliche Mittel – ich konnte nicht schwanken, und sagte sofort zu. Auf einmal fiel den Leuten hier ein, daß am Ende doch Nichts Besseres nachkommen werde, der Großherzog bot mir denselben Gehalt wie in München, sofortige Beseitigung des Theaterdirektors, Verstärkung des Orchesters etc, aber es war zu spät. Nun ist der Großherzog sehr verkrumpelt und da ich jenen Plan, von dem Ihnen Brahms schrieb, nur mit seiner Hülfe, auf welche ich jetzt nicht mehr rechnen kann, durchführen konnte, musste ich denselben aufgeben, und war schon ganz resignirt – da kommt gestern eine Deputation des Philharmonischen Vereins, welche die Bitte vortrug, ich möge noch vor meinem Abgange ein grösseres Concert dirigiren. Natürlich sagte ich großmüthig zu, bestellte gleich die Stimmen zum Hallelujah, und komme nun zu Ihnen mit der Bitte, meinen Abschied durch Ihre Mitwirkung mitzufeiern!
Da ich den Theaterchor zuziehen will (nebst sämmtlichen Gesangkräften der Stadt) kann ich das Conzert erst mit Beginn der Ferien geben (Anfang Juni.) Wären Joachims geneigt gewesen, so hätte ich eine Musikfest-artige, 2 Tage dauernde Aufführung arrangirt. Aber die schweigen beharrlich, und so denke ich, wir beschränken uns auf einen Tag. Frau Koelle-Murjahn und Stockhausen werden, denke ich singen. Darf ich auf Sie zählen? Ist Ihnen der Juni zu spät, so will ich Alles aufbieten, schon Mitte Mai fertig zu sein. – Mit Grauen denke ich an meinen Abschied von hier, und was ich Alles zurücklassen muß. Allgeyer, meine Schwester, die Nachbarschaft von Baden!, aber die Aussicht auf einen so glänzenden Wirkungskreis muß mich über Alles hinwegheben. Ich hoffe, Sie freuen sich auch mit mir! Es war hohe Zeit – was ich hier habe erreichen können, war erreicht; die Zukunft konnte nur einen Niedergang, keinen Fortschritt mehr bringen; ich fühlte die Gefahr der kleinstadtlichen Misere – darum springe ich lustig und voll Zuversicht in die neuen Verhältnisse hinein und sehe an dem langen umwölkten Himmel lauter Baßgeigen Heideldideldum aufspielen! – Meine Entlassung hoffe ich zu den Ferien zu erhalten. Dann längerer Besuch in Baden und Giessen, Fischfang in Helgoland, Mitte August bis Ende September Italien – (hoffentlich mit Brahms zusammen) und October München. – –
Meiner Schwester geht es fortwährend befriedigend; sie wird, wenn das Wetter erst wieder beständig wird, ausgehen können; der Arzt giebt sogar Hoffnung, daß sie sich hinreichend kräftigen wird, um den nächsten Herbst und Winter in einem südlichen Klima zuzubringen. Das ist mehr, als wir noch vor wenigen Wochen zu hoffen wagten! – –
Von Ihren Erfolgen, von Ihren Brahms-Thaten habe ich mit großer Freude gelesen. Aber nun wird es Zeit, daß Sie sich Ruhe gönnen! Baden hat sich schon prächtig herausgeputzt . . . Am Starnberger See sollen billige Landhäuschen zu verkaufen sein . . ?
Herzlichen Gruß an Frl. Marie. Auf baldiges Wiedersehen.
Ihr getreuer
Hermann Levi.

11.4.72.

Was haben Sie zu Rubinstein’s Handlungsweise Brahms gegenüber gesagt? Wie klein! – In Berlin ist kürzlich das Requiem durchgefallen; die Aufführung soll miserabel gewesen sein. Engel in der Vossischen Zeitung meint, der zweite Satz stehe zwischen Wagner und Meyerbeer. Die Norddeutsche Allg. Z. sagt u. A. „Es ist ja nicht nöthig und nicht einmal für den Ruhm eines Musikers erforderlich, daß er geistliche Musik schriebe, und wer das nicht in Dehmuth vermag, der soll davonbleiben.“ Da lobe ich mir meine phlegmatischen Holländer. So wie dort Schumann populär war, als man in Deutschland noch über Verworrenheit und Dissonanzen schrie, so jetzt Brahms. In Rotterdam hatte das Schicksallied riesigen Erfolg. Eine Rezension in der Caecilia fängt mit den Worten an: Das Unbeschreibliche hier ist es gethan. Von der Größe des Hallelujah, besonders des dritten Satzes, den Sie nicht kennen, kann ich Ihnen keine Beschreibung machen. Wenn ich nur eine anständige Aufführung hinbringe! Die Schwierigkeiten für den Chor sind ungeheuer. – Mein Operntext hat wieder nicht Gnade gefunden. – Meinen Sie, daß ich Schmitt in Schwerin für meinen Nachfolger vorschlagen soll? Als Musiker kenne ich ihn wenig, aber der ganze Mensch hat mir immer sehr gefallen. – Auch in Mannheim wird eine gute Stelle frei. Lachner geht ab, der Wagner-Verein hat ihm das Leben schließlich zu sauer gemacht. Er will sich ganz zurückziehen. –

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
599-603
 



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