15.07.2019

Briefe



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ID: 19837 Brieftext


Geschrieben am: 27.06.1872
 

Verehrte Freundin!
Frau von Poetz ist heute Nacht nach Aeschi abgereist. Wenn Sie sich etwa für einen Aufenthalt dort entscheiden sollten, so schreiben Sie ihr; sie wird gerne Alles besorgen. Adresse: Hotel Blümlis’alp bei Wirth Luginbühl Aeschi bei Thun. Auch Otto Devrient geht dieser Tage zu längerem Aufenthalte hin. Alle, die dort waren, schwärmen. Die Lage ist zwar nicht hoch (kaum 3000 Fuß) aber die Luft soll sehr stärkend sein. – Ich bin, nachdem ich in Carlsruhe noch einige hundert Abschiedsbesuche gemacht,
heute früh hierhergereist, gehe Mittag nach Cannstadt und in der Nacht nach München. Von dort 3 Wochen nach Alexanderbad, dann Helgoland, Giessen, Baden, Italien. Meine Tante sendet herzlichen Gruß. Sie möchte gerne wissen, wann Sie abreisen. Eine in Venedig wohnende Verwandte hat sie wiederholt um ihre Vermittlung zur Erlangung eines – wenn auch noch so kleinen Autographs von Schumann gebeten. Frau Feidel hat Ihnen schon früher davon gesprochen, und fragt an, ob sie Aussicht auf Gewährung habe?
Hoffentlich haben die Käslein gut geschmeckt. Wenn Sie regelmässige Lieferung wünschen, so schreiben Sie ein Wort an Frl. Mina v. Poetz.
Morgen Abend werde ich Tristan schwärmen . . . . Sonntag ist eine zweite Aufführung – wenn etwa Johannes Lust haben sollte.
Schmidt scheint definitiv mein Nachfolger zu werden.
Miss Pilkington ist fortwährend recht leidend. Frau Feidel hofft Anfang Juli ihre Bau-Sorgen los zu sein.
Strasburg hat sich schon bedeutend herausgemacht; die Stein-Straßen bereits zur Hälfte ausgebaut. Der Aufenthalt dort war mir sehr interessant. Noch ist in der Stimmung der Bevölkerung keine Aenderung zu spüren. Die Beamten klagen; man fürchtet sogar für den Bestand der Universität. Baumgarten entwarf ein düsteres Bild von der nächsten Zukunft; er meint, die ohnedies schon geringe Frequenz der Studierenden werde im nächsten Semester noch mehr abnehmen. (Gegenwärtig kommen auf einen Professor 3 1/4 Studenten). Man sorge in Berlin zu wenig. Nur das Bewusstsein der „civilisatorischen Mission“ halte die Professoren und Beamten für alle Entbehrungen und Unannehmlichkeiten schadlos; aber dieser Heroismus werde nicht lange anhalten . . . . Auf dem Lande geht das Germanisiren rascher. – Der kleine Hausmann, tüchtiger Cellist, Bruder unsrer ehemaligen Sängerin, ein frischer, prächtiger Bursch, wird Sie besuchen und bittet um freundliche Aufnahme.
Mit herzlichem Grusse an Ihre Töchter und Johannes
Ihr treuergebener
Hermann Levi.

Heidelberg. 27.6.72.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absender-Institution:
  Absender Ort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfänger-Institution:
  Empfänger Ort:
  SBE: II.5, S. 606ff.
 



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