15.07.2019

Briefe



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ID: 19838 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 14.07.1872
 

Verehrte Freundin.
Allgeyer schrieb mir gestern, daß Sie nach St. Moritz abgereist seien, da möchte ich Sie doch bitten, mit gelegentlich ein paar Zeilen zu schreiben; der Schlusspassus Ihres Briefchens wo Sie von Steifheit in den Gliedern sprechen, hat mir gar nicht gefallen. Mich wundert nur, daß Sie so consequent an hoher Bergluft festhalten, obgleich weder Rigi noch Moritz bisher entschiedene Besserung gebracht haben. Ich verstehe zwar Nichts von Dergleichen, kenne auch den Grund Ihres Leidens nicht, meine aber doch, Sie sollten, wenn Sie sich in den ersten 14 Tagen in M. nicht besser fühlen, bei Ihrem Badener Arzt anfragen, ob Sie nicht den Aufenthalt doch abkürzen, und auf dem Rückwege etwa in Ragaz warme Bäder nehmen sollen. Dort habe ich gerade bei Rheumatismus, Steifigkeit, merkwürdige Erfolge gesehen. Ueberhaupt ist doch Moritz nur für Leute, die gut zu Fuß sind angenehm und förderlich. Bitte sagen Sie mir recht bald, ob es Ihnen besser geht! – Ich habe nach all dem Erlebten eine solche Abspannung gefühlt, daß ich mich in die einfachste Einsamkeit zurückgezogen habe. Wer mich hier herumlaufen sieht, wie Brahms sagt als „Abseiter“ (Abseits – wer ist’s), der muß mich für einen Menschenhasser erster Sorte halten. Aber innerlich sieht’s gar nicht so schlimm aus. Es hat sich in den letzten Monaten Manches, was schwer auf mir lastete zum Besseren gewendet; ich bin in gewissen Dingen zum Abschlusse gekommen, und so kann ich rückhaltlos in Carlsruher Erinnerungen schwelgen. Das thue ich denn auch nach Herzenslust, athme dabei die herrliche Waldluft, und kurire nebenbei meinen etwas heruntergekommenen Magen durch kalte Bäder und strenge Diät. Die Hauptnahrung ist hier Sauermilch mit dürren Zwetschgen. Wein, Bier, Café, Thé, Gewürze sind prohibirt; Gelegenheit zu Extravaganzen giebt es nicht. Aber gerade diese Monotonie und Langeweile ist es, die als Contrast zu meinem sonstigen Leben wohlthuend auf mich wirkt. An die Zukunft denke ich wenig. Es werden mir schwere Kämpfe bevorstehen. Das Münchener Leben ist politisch und künstlerisch von schroff sich gegenüberstehenden Partheien zerklüftet. Ob es mir gelingen wird, die Gegensätze zu versöhnen, oder ob ich selbst zerreiben werde? Wer kann es wissen? Einstweilen verlasse ich mich auf mein bischen Begabung, die Menschen zu nehmen, und auf meinen guten Willen in künstlerischen Dingen. Die schlimmste Opposition wird mir von dem Bülow’schen Lager kommen; erstens weil ich kein Zukünftler bin (was Sie freilich nicht glauben), zweitens weil Bülow selbst wieder Kapellmeister werden will. – Meine erste Oper wird Fidelio sein; die erste neu-einzustudirende Iphigenie auf Tauris mit Frl. Stehle. Mit Wüllner bin ich in ein eigenes Verhältniß gerathen, aus dem mir gleichfalls Schwierigkeiten erwachsen können. Er kann sich nicht darein finden, der zweite zu werden, nachdem er 3 Jahre lang Alleinherrscher gewesen. Er lamentirt und klagt, fühlt sich verletzt, zurückgesetzt, denkt aber nicht daran, daß die Hauptschuld eben ihm selbst, seiner mangelnden Opern-Routine und seiner Energielosigkeit zuzuschreiben ist. Seine Freunde begreifen nicht, daß er überhaupt noch am Theater bleibt, um so mehr, als er vom Theater nur einen kleinen Functions-Gehalt von 500 fl. bezieht. Persönlich stehe ich vorläufig sehr gut mit ihm, habe ihm auch einige kleine Conzessionen gemacht, in der Hauptsache aber durfte ich mich meiner ausgesprochen ersten Stellung nicht begeben. – Ueber die Odeon-Conzerte ist noch kein Wort gesprochen worden. Perfall kann darüber nicht verfügen; das Orchester selbst wählt seinen Dirigenten. Sehr schwer werde ich entbehren, daß ich keinen gemischten Chor habe. Sobald ich mich einigermaßen werde festgesetzt haben, will ich versuchen, ob ich mir einen gründen kann; denn lediglich Opern-Kapellmeister zu sein, halte ich auf die Dauer nicht aus. – –
Ich habe hier mit ausserordentlichem Interesse Thayer’s Biographie Beethovens gelesen. Der erste Band, der die Bonner Jugendzeit umfasst, ist, da die Quellen sehr mangelhaft sind, zu sehr mit Uebersichtlichem angefüllt; aber den zweiten finde ich höchst bedeutend. Wir machen uns doch, irregeleitet durch umlaufende Anekdoten und durch Schindlers u. A. unzuverlässige Erzählungen ein ganz falsches Bild von dem Leben Beethovens. Thayer hat zum erstenmale alles Anekdotenhafte ausgeschieden; er hält sich nicht viel mit Aestetisiren auf, giebt keine Kritik der Werke, sondern stellt nur alles thatsächlich Constatirte zu einem frischen, glaubhaften Lebensbilde zusammen. Ich rathe Ihnen sehr, das Werk zu lesen. Leider wird der letzte Band noch lange auf sich warten lassen. Der Verfasser ist amerikanischer Consul in Triest, und kann nur seine Freistunden zu der Arbeit benutzen.
Wenn Sie in Moritz Anna Ettlinger treffen, so sehen Sie sich das Mädchen ein wenig genauer an. Das ist ein ganz seltenes Exemplar von einem Menschenkind; eminent gescheut, gut und tüchtig, sehr gelehrt, aber kein Blaustrumpf. Ich habe zwar sonst nicht viel Glück mit meinen Empfohlenen (siehe Frl. Schwartz), aber hier denke ich Ehre einzulegen. Ueber Frl. Schwartz muß ich noch einmal mit Ihnen sprechen, aber heute nicht, denn das ist ein langes Capitel und schriftlich schwer zu behandeln.
Ich bleibe noch einige Wochen hier, gehe dann nach Giessen, und hoffe Sie Ende August in Baden zu sehen.
Grüsse kann ich Ihnen nicht auftragen, denn ich weiß nicht, wer mit Ihnen gereist ist. Leben Sie wohl. Von ganzem Herzen wünsche ich Ihnen völlige Genesung.
In treuer Freundschaft
Ihr ergebenster
Hermann Levi.

14.7.72

Adresse: Alexandersbad bei Wunsiedel im Fichtelgebirge.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.5, S. 608-611
 



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